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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-11 · Heft 37 (11.9.1877) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 37 (11.9.1877)
Date
1877-09-11
Page
Seite 591 (sequence 11)
Language
German
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591 luug zu Grunde liegt, oder das Ganze sich als Lüge rc. herausstellt?" Wir brauchen über dieses Geschichtchen keine weiteren Ermittelungen anzustellen, da es dem Sachverständigen bekannt ist, daß sich ein derartiger Aberglaube auch bei den Juden des Mittelaltereingeschlicheu hatte. Er ist eine Art Glauben an Seeleuwanderuug, der bekannttich im BuddhaismuS zu einem vollständigen Dogma sich ausgebilvet, so daß die Buddhisten kein Thier tödten, selbst nicht Raubthiere und Ungeziefer. Soweit ging nun der mittelalterliche Aberglaube bei den Juden nicht, sondern verirrte sich nur auf einzelne seltene und darum um so seltsamere Erscheinuugen. Dabei war er harmlos, da er den Betreffenden einen großen Schreck und höchstens einen Fisch oder einen Hahn u. dgl. kostete, also mit den gegenwärtig wieder so oft vorkommenden Wundererscheinungen in Frankeich und der Rheinprovinz in seiner Tragweite nicht zu vergleichen ist. Doch seien wir froh, daß wir auch von ihm fteigeworven, bis auf irgend einen obskuren Winkel eines östlichen Landes! Vermischtes. Der Montyon-Preis. Bekanntlich hat am Anfang dieses Jahrhunderts Herr von Montyon Preise gestiftet, welche jährlich an Personen in Frankreich vertheilt werden, die durch tugendhafte, besonders wohlthätige Handlungen sich ausgezeichnet haben. Die Preise werden durch die französische Akademie zuertheilt, deren Präsident in öffentlicher Sitzung darüber zu berichten hat. In diesem Jahre geschah dies durch Alexandre Dumas fils, der eine Lobrede auf die Wohlthätigkeit hielt, wie sie kaum jemals glänzender in französischer Sprache gehalten worden. Unter denen, welche einen Preis zuerkannt erhielten, war auch eine arme Jüdin, über welche sich Dumas folgendermaßen ausließ: „Judith-Maintasie Lopez, verehelichte Levy, vierzehntes Kind eines armen Juden in Saint-Esprit-Lez Bayonne, konnte wegen der großen Zahl der Brüderchen und Schwesterchen nicht in die Schule geschickt werden, arbeitete seit ihrem elften Jahre, um ihre kauken Eltern und Geschwister zu unterstützen. Seit ihrem 19. Jahre ernährte sie ihren Vater, drei känkliche Schwestern und zwei arbeitsunfähige Brüder und eine alte Großmutter, die sie so gut pflegte, daß sie ein Alter von 103 Jahren erreichte. Zu 30 Jahren heirathet sie einen Wittwer mit vier kleinen Mädchen, von denen sich drei verheiratheu. Die erste stirbt und überlaßt der Judich, die schon selbst fünf Kinderchen hat, drei Kinder; die zweite stirbt und überläßt der Judith ein Kind. Die dritte Tochter ihres Mannes wird Wittwe und wird mit ihrem Kinde von Judich unterstützt. Hierzu hat Judith noch zwei verlaffene und ein Waisenknd angenommen. Sie erhält mit ihrer Hände Arbeit gegenwärtig dreizehn Menschen: Judith Lopez ist sechsundfünfzig Jahre alt. „Sie hat wohl verstanden" — sagt Dumas, — „das Wort Moses': „Wer dem Armen giebt, leiht dem Herrn!"" l) Judith Lopez erhielt eine Medaille von 500 Frcs. Zitelmann über Hellwald. Nachdem die wiffenschaftliche Kritik durch ihr Stillschweigen lange Zeit dem Hellwald'schen Machwerk (s. Nr. 1. 7. 8. 9. 10) freien Paß gewährt, und so dem Lobpreis der Clique gestattet chatte, dieser sog. Culturgeschichte eine weite Verbreitung und ihrem Gifte eine offene Straße zu verschaffen, hat sie doch eingesehen, daß dies ein pflichtwidriges Verfahren sei. Denn gerade die Wiffenschaft ist berufen, das große Publikum vor solchen populären Schriften zu schützen, welche mit wiffenschaftlicher Maske nur Ausgeburten der Unwissenheit, Gedankenverkehrtheit und Unsittlichkeit sind. Sobald aber die wahrhaft wissenschaftliche Kritik ernstlich das Hellwalv'sche Werk vorzunehmen und zu beurtheilen begann, war die einfache Folge, daß es vernichtet wurde. Jemehr wir selbst in unserer Besprechung (nicht einen einseitigen jüdischen Standpunk, wohl aber nur) den speciellen Theil in's Auge zu faffen hatten, den Hellwald dem Judenthume und den Juden widmet, und wir hierin denselben die kaffeste Unkenutniß, die verkehrteste Anschauung und eine grenzenlose Gehässigkeit nachzuweisen hatten: desto beftiedigender war es für uns, wenn auch in allen anderen Partien die gleichen Eigenschaften durch gründliche Forscher aufgedeckt wurden. Wir können daher nicht unterlassen, unsre Leser auf die, bereits von uns cilirte Abhandlung „Der Materialismus in der Geschichtsschreibung" von Ernst Zitelmann in den „Preußischen Jahrbüchern", besonders auf deren Schluß im November- und Decemberhefte 1876, aufmerksam zu machen. Ist 'schon der positive Theil dieser vorzüglichen Arbeit an Belehrung reich und im Ausdruck glanzend, so ist der kritische Theil über Hellwald's Buch geradezu vernichtend für dieses. Hellwald, der den Darwinismus zum Aushängeschild für sein Product gebrauchte, hat keine Ahnung von den eigentlichen Lehren Darwins. Sein Materialismus ist nicht blos von der gröbsten und mechanistischester Art, sondern er weiß ihn nicht einmal festzuhalten uud widerspricht ihm selbst bei der eigensten Gedankenverwirrung auf jeder Seite. Er har keinen Begriff von wahr und falsch, von recht und unrecht, von Zweck und Mittel, und geräch so in die bodenloseste Änconsequenz. Dabei fehlt ihm jede wirkliche GeschichtSkenntniß und verrälh er seine Ignoranz jede» Augenblick. Was nun dem Ganzen die Krone aufsetzt, ist der Nachweis, daß er fast nur compilirt und ganze Capitel abschreibt, ohne die Quelle zu nenne», und ohne richtig zu verstehen, was er abschreibt. Wer dies nachgewiese» haben will, lese die citirte Abhandlung. Wir heben hier nur aus dem Schluß 1) Dieser Spruch ist nicht von MoseS, sondern steht Sprüche Satomonis 19, 17. Redacrion. 37*

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