Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1877)
- Date
- 1877-09-11
- Page
- Seite 590 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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590 wie eS ihrer Zeit der Strauß'fchen Schrift in den allgemeinen Kreisen gelang. Dazu ist sie aber schwerlich angethan. Um es kurz zu sagen, so enthalt sie nichts weiter, als eine Satire auf den jüdischen Cultus und das jüdische Ceremonialwesen, wie eS sich im Mittelalter gestaltet und bis zu unsrer Zeit überliefert hat, eine Satire, motivirt dadurch, daß die Reform jene vollständig zu beseitigen mit vollem Fug und Recht nicht gewillt war und ist, und wenn sie es gewollt, nicht gekonnt hatte. Der Berf. macht Alles, waS zum Judenthume gehört, lächerlich, leugnet jeden Gedankeninhalt, jede vernunftgemäße Bedeutung, jedes Zweckdienliche. Alles was jüdisch ist, stellt er als närrisch und dumm, alle Juden, welche auch nur eine einzige religiöse Ceremonie beobachten, als Heuchler oder Verblendete dar. Der Pentateuch ist ihm ei» aus früheren und späteren Zeiten zusammengesticktes Buch; die Propheten und h. Sänger, nun, sie haben hier und da einen einfachen guten Vers; der Talmud ein Sammelsurium von Unsinn und Verkehrtheit, in welchem sich höchstens einige brauchbare Sentenzen finden. Maimonides verhält sich zu Spinoza, wie der alte Raff (Naturgeschichte) zu Darwin, u. f. w. Daß ein solches Machwerk nicht ernstlich zu besprechen oder gar zu bestreiten ist, leuchtet von selbst ein. Der Name des Berf. auf dem Titel scheint pseudonym; doch verrath der Autor, daß er ein durchgefallener Rabbinats- oder Predigtamts- Candidat ist, der „trotz seiner Demosthenischen Beredtsamkeit" wegen seines radicalen Verhaltens nicht gewählt wurde. Seine Broschüre ist jedenfalls ein Erguß lang verhaltenen Ingrimms. Nur eine Bemerkung wollen wir hinzufügen, damit der Berf. nicht glaube, daß man ihm gar nicht antworten könne. Mit Emphase beruft sich der Verf. wiederholt darauf: Das Judenchum solle die Religion der Vernunft und der Humanität sein, und von diesem Gesichtspunkte aus findet er im besteheuden Judenthume Alles ohne Vernunft und ohne Humanität, und darum zweckwidrig und lächerlich. Nun gehe doch der auf seinen RadicalismuS pochende Autor zu seinem radicalen Nachbar. Was wird er da hören? Ei, Sie beschränkter, thörichter und lächerlicher Mann, der noch von Religion, Vernunft und Humanität spricht! Was ist Humanität? Nichts als der Kampf um's Dasein, der Egoismus, der nichts weiter als den Hunger stillen und sich fortpflanzen will. Was ist Vernunft? Nichts als eine Bewegung der Gehirufaser, die bei dem Einen so, bei dem Ander» anders vibrirt. Was ist Religion? Nichts als eine Convention unter den Menschen, um sich gegenseitig etwas vorzulügeu. Sie wollen ein Radicaler sein, Sie ein Schüler Spinoza's und Darwin's? Gehen Sie noch einmal in die Schule, und lernen Sie etwas Tüchtiges. Dies ist die Antwort, die unser Radicaler von seinem radikaleren Nachbarn erhalten wird. Er wird hören muffen, daß er stehen geblieben, willkürlich stehen geblieben, wo er hätte fortschreiten müffen; daß er sich ja doch nur au daffelbe Judenthum anklammere, welches er so sinnlos und lächerlich findet; daß er mit dem, was er gelten laffeu wolle — was er freilich gar nicht zu erkennen giebt — doch nur aus der Bibel, dem Talmud und dem bestehenden Judenthume hervorgegangen sei. Dies wird er von der einen Seite hören; wir Juden aber sagen: Sie haben nichts gethan. als die welken Blätter in unsrem Garten auf einen Haufen zusammenzufegen und dann zu sagen: Dieser Kehricht ist der ganze Garten! *) 1) Der Verfasser erweist unS nur einmal die Ehre der Erwähnung, und da in völlig falscher Weise, was so recht eine Probe seiner durchaus oberflächlichen und tendenziösen Kritik ist. Er behauptet, wir „verbieten das Verbrennen der Leichen aus (wurmstichigen) biblischen Gründen". Das ist unwahr. Man lese unfern deSfallsigen Artikel in Nr. 14, Jahrg. 1874. Die Freunde der Leichenverbrenuung hatten, um die Juden zu gewinnen, behauptet, die alten Israeliten hatten, wie die Bibel lehre, ihre Leichen verbrannt. Wir erwiesen das Gegentheil, daß die Juden niemals, zu keiner Zeit die Leichen verbrannt, und zeigten, daß die paar angef. Bibelstellen cheils falsch interpretirt waren, cheils einen Ausnahmefall beträfen, der gerade daS Gegentheil erhärtet. Das nennt derBerf. „verbieten", und aus biblischen Gründen, die noch dazu „wurmstichig" seien! Ebensogut hatte der Berf. sagen können: Wir verböten die Verbrennung der Leichen auS Taciteischen Gründen, weil wir aus TacituS nachwiesen, daß die Juden auch nach der Zerstreuung nnd in Rom selbst ihre Leichen nicht verbrannten» sondern begruben. Nach der Manier des Vers, würde er wohl das Beiwort „wurmstichig" bei Gründen ans Tacitus nicht gebraucht haben; so etwas heben sich solche Herren für die Bibel auf! Und doch beanspruchen sie, Lehrer des Judenchnms zu sein, fltun, wir legen die Broschüre zu den welken Blättern, von denen wir oben gesprochen. I e u i l Aberglaube. Wir erhallen von einem alten Abonnenten dieser Zeitung folgende Zuschrift: „Die Norddeutsche Allgem. Zeitung vom 21. Juli 1877 Nr. 169, zweites Blatt, meldet ein: „Rituelles Begräbniß eines — FischeS", nämlich: Nach der Tem. Zig. (Temeswarer Zeitung?) hat in Gr.- Szt.-Miklos die Frau des reichen orthodoxen Szender Plohn einen der dahin zu Markt gebrachten 2—Zpfündigen Theiß-Fische [(ton gekauft, der beim Reinigen und Oeffven mehrmals ,L) weh!" geschrieen hat. Die darüber erschrockene Frau und die hinzugerufeneu Nachbarweiber brachten den Fisch zum Bezirksrabbiner Ignaz Rotter, der endlich die Entscheidung fällte: Den Fisch Metaher zu sein, wonach er denn auf dem jüdischen Friedhofe förmlich beerdigt wurde. Ich erlaube mir. Sie auf diesen Artikel aufmerksam zu machen und in der Hoffnung, daß Sie directe oder indirecte Verbindungen mit Ungarn haben, Sie zu ersuchen: Ermittelungen anzustellen, ob irgend etwas Wahres dieser blamirenden Erzäh-