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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-11 · Heft 37 (11.9.1877) · p. Seite 588

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 37 (11.9.1877)
Date
1877-09-11
Page
Seite 588 (sequence 8)
Language
German
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588 ^apia 15. August an Lord Derby richtete, und in der das Elend der jüdischen Flüchtlinge aus den von den Russen und Bulgaren eingenommenen Plätzen geschildert wird. Wir fügen noch einige andere Actenstücke hinzu. Zuerst ein Schreiben an den Baron Worms in London: Konstantinopel, 24. August. Im Aufträge des Grafen Derby übermittle ich Ihnen hiermit die Copie eines Berichtes von Seite des Gesandten Ihrer Majestät in Konstantinopel, welcher auf die Leiden und Grausamkeiten. die eine Anzahl jüdischer, aus ihren Heimathsstätten geflüchteter und in Adrianopel und anderen Städten angekommener Familien erlitten haben, Bezug hat. Der englische Consul in Adrianopel thut, im Einvernehmen mit anderen ausländischen Einwohnern, sein Möglichstes, um die Noch der Angekommenen zu lindern, und Mr. Layard wird mit Vergnügen die Vertheilung solcher Hülfe, welche von England entweder in Geld oder Material einlangen sollte, übernehmen. Zugleich soll ich Sie bitten, von dem Schreiben des Gesandten denjenigen Gebrauch zu machen, welcher, Ihrer Meinung nach, am ehesten dazu führen wird, die Lage der Unglücklichen den Juden dieses Landes bekannt zu machen Julian Paurefote. Der „Daily Telegraph" enthält folgendes Schreiben: Adrianopel, 23. August. Flüchtlinge von Kazrnlik langen noch' immer in großen Schaaren an. Viele Juden erzählen Schauerliches über Maffacres. Sie behaupten, daß nach dem Abzüge der russischen Infanterie die Bulgaren und Kosaken über sie herfielen, die Männer ermordeten und die Frauen zuerst schändeten und dann auch mordeten. Vierzehn Jüdinnen wurden in der Synagoge allein geschändet und an einer derselben, einem vierzehnjährigen bildhübschen Mädchen, Namens Befaba, sättigten sechs Bulgaren ihre höllischen Lüste. Die Leichen wurden in der Synagoge selbst verbrannt. Viele junge Mädchen und Frauen haben die Kosaken und Bulgaren mit sich über die Berge geschleppt. Generalconsul Trwcet ist unermüdlich, um die Noch zu lindern. Die eingeborenen Juden thun edelmüthig, was sie können, um ihren unglücklichen Glaubensgenossen, deren Zahl dreitausend schon übersteigt, beizustehen. Die Türken selbst geben ihren letzten Kreuzer her; aber Alles ist zu wenig und schleunige Hülfe ist dringend. Die Türken sind über diese Behandlung der Juden von Seite der Bulgaren wüthend, da sie zu einer solchen nicht den geringsten Anlaß sehen. — . Der (Russenfreundliche) „Staatsanzeiger für Württemberg" enthält unter dem 28. Aug. eine Correspondenz aus Pera vom 44. d., die einen einzelnen Vorfall erzählt, welchen wir hier nicht übergehen wollen: „Ein Jude aus der Nähe von Kazanlyk soll die Ursache von Bulgarenverhaftungen sein. Derselbe war sehr begütert und befaß bei Kazanlyk einen prachtvollen Tschiflik. Aus Neid gaben ihn die Bulgaren bei den Russen als Spion an, und die Folge war, daß diese sein Gut niederbrannten und alle darauf befindlichen türkischen Arbeiter niedermachten. Er selbst floh nach Adrianopel und nachher nach Konstantinopel, wo er über die Stimmung bei den Bulgaren umfassende Einzelheiten zu Papier gab. Der Sultan soll ihn sogar haben zu sich kommen lassen und ihn wegen seiner Loyalität belobt haben. — So entzündet sich in diesem Kriege der Racenhaß auf die furchtbarste Weise, vernichtet lausend und aber lausend Existenzen und es wird eines langen Zeitraums bedürfen, um die verderblichen Flammen zu löschen! Rußland. Odessa, 22. August. (Privatmitth.) Vorige Woche hat hier eine Aushebung der Rekruten stattgefunden. Die Juden bewährten ihre Treue und ihren Patriotismus durch das pünktliche Erscheinen; nicht ein Mann von den der Conscription Unterworfenen fehlte. Ueberhaupt hat, seit das Gesetz über das Avancement der Juden in Kraft getreten ist, ein kriegerischer Geist der Kinder Israels sich bemächtigt. Viele junge Leute der ersten jüdischen Familien treten als Freiwillige in die Armee ein, so der Sohn des Banquiers Rafellovich, der Neffe des Banquiers Ephrussi, der Bruder des Advocaten Tictin u. A. Bor einigen Wochen haben die zwei Brüder Schorfiein, Söhne des verstorbenen vr. Schorstein — der sich auch als Schriftsteller eines RufeS ersieute — nach sechsmonatlichem Dienste die Officiersprüfung mit Auszeichnung abgelegt und bereits das goldene Portspse erhalten. Die russische Armee zählt jetzt eine nicht geringe Zahl jüdischer Officiere, sowohl in der Infanterie als in der Cavallerie. Die Affentirten legten sofort den Fahneneid ab, und da der Stadtrabbiner vr. Schwabacher abwesend war, assistirte diesem Acte sein Kanzleiverwefer, Herr Mandelkern, der sich so gern den Titel Rabin-Vicaire beilegt, ob mit Recht, muß dahingestellt sein. Herr Mandelkern, anstatt, gleich den christlichen Geistlichen die Rekruten einfach in Eid zu nehmen, fühlte ein Bedürfniß — zum nicht geringen Erstaunen der Affentirungs-Commissivn (unter dem Vorsitze des Grafen Levaschef) und des anwesenden Publikums —, eine Ansprache an sie zu richten. Es erging dabei der armen Türkei sehr übel. Herr Mandelkern zeigte, daß er nicht nur mit der Geschichte des osmanischen Reiches auf gespanntem Fuße steht, sondern auch, daß der Koran ihm eine terra iocogmta sei. „Sie treten in den Kampf," begann er seine in russischer Sprache gehaltene Rede, „gegen ein Volk, welches, trotz seiner fast vierhundertjährigen Anwesenheit in Europa, noch immer zu den wilden und barbarischen Völkern zählt; der Kampf gilt einem Volke, dessen Religionssatzungen die Ausrottung der Juden und Christen ihm zum Gebote machen, wie Sie, meine Lieben, aus dem Koran Sure V, VerS 55, ersehen können."

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