Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1877)
- Date
- 1877-09-11
- Page
- Seite 587 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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compositum von Jesuilismus und klug verhüllter Intoleranz. Herr Popiel trat gegen den Hausner'schen Antrag auf, indem er nachzuweisen suchte, daß weder vom politischen noch vom rechtlichen oder ulilitären Standpunkte aus ein Bedürfniß oder die Nothwendigkeit der Vermehrung der Landbolen aus den galizischen Stävten vorhanden sei. Die Bevölkerung der meisten Städte — meint der Redner — besitzt einen sehr niedrigen Culturgrad, und wenn der gedachte Antrag durchbringen sollte, so würde dies nur den intelligenten Juden in Galizien zum Bortheile gereichen, und Vas ist es eben, was der gute Katholik Herr Popiel trotz aller in seiner Rede dem Judenthume gemachten Complimente nie verschmerzen könnte. Man merkt auf den ersten Blick, daß der Redner eS mit all seinen vorangeschickten Ausführungen in der Widerlegung des betreffenden Antrages nicht ernst meinte und damit nur absichtlich den weiten Umweg zu seinem eigentlichen und einzigen Motive, der Furcht vor einer größeren Anzahl Deputirten aus der intelligenten jüdischen Bevölkerung Galiziens, nahm. Herr Popiel hob lobend die geistigen Fähigkeiten der semitischen Race, ihren regen Sinn für Handel und Industrie hervor, plaidirte auch vom theologischen Standpunkte aus für die Vorzüge der jüdischen Religion unv verflieg sich sogar zu der Anveutung, daß, wenn er kein Katholik wäre, er am liebsten Jude sein möchte. Am Ende aber gab er seiner Angst vor der intellectuellen Uebermacht der Juden Ausdruck. Zur Steuer der Wahrheit müssen wir constatiren, daß dieser polnische Edelmann einer der ehrenwerthesten und intelligentesten Männer in Polen ist. Aber die ultramontane Atmosphäre, in der er erzogen, hat auf seine Denkrichtung derart gewirkt, daß er sich von den mittelalterlichen Traditionen und Voruriheilen nicht zu befreien vermag. Wie sehr aber die klerikale Strömung in Krakau im Wachsen begriffen ist und in Kreise dringt, wo Intoleranz und Aberglauben ein um so gefährlicheres Gift sind, als sie auf den Geist der Heranwachsenden jungen Generation verderbend einwirken, hiervon liefert das folgende, heute hier stattgehabte Factum einen wahrhaft traurigen Beweis. Der hiesige jüdische Bankier Herr Julius Epstein begab sich in die im hiesigen männlichen Seminar befindliche Normalschule, um daselbst anläßlich des demnächst beginnenden Schuljahres seinen Sohn einschreiben zu lassen. Er traf hier noch mehrere andere Väter israelitischer Confession, die zum selben Zwecke erschienen. Als Herr Epstein den Schulvorsteher Herrn Josefczyk — der zugleich Director des gedachten Seminars zur Heranbildung von Lehrern ist — um die Einschreibung seines Sohnes ersuchte, antwortete ihm dieser, daß er dies nicht lhun könne, weil der Herr Schuldirector vor Allem christkatholische Kinder zu bevorzugen Anlaß habe. Die jüdischen Väter haben sich hierauf aus dieser „christkatholischen" Unterrichtsanstalt, zu deren Erhaltung, wie auch zum Gehalte des gedachten judenfeindlichen Schuldirectors die hiesigen Juden durch communale und Regierungssteueru beträchtlich beitragen, unverrichteter Sache entfernt. Herr Epstein, der eine solche Handlungsweise seitens eines Schuldirectors in Krakau mit dem Geiste unv Wortlaute der österreichischen Verfassung durchaus nicht übereinstimmend fand, begab sich unverzüglich zum Statthalterei-Delegaten Hofrath von Bobowski und erzählte ihm den eben geschilderten Fall. Hofrath Bobowski versprach, die Sache im Wege Rechtens zu ordnen." Frankreich. Paris, 2. September. Am Tage vor dem Rosch-Haschana- Feste wird die neue portugiesische Synagoge llue Bullauit eingeweiht. Dieser Bau, wie wir schon bemerkt, ist der Erfolg einer in unfren Tagen seltenen Energie. Bekanntlich hatte das Consistorium für die neue große Synagoge Ru« de la Victoire einen Ritus entworfen, welcher eine Verschmelzung des deutschen und des portugiesischen Ritus vorstellen sollte. Die portugiesische Gemeinde war jedoch hiermit nicht zufrieden, und da ihre bisherige gemiethete Synagoge Rue de Lamartine baufällig und unhaltbar war, so dachte sie an die Errichtung einer neuen eigenen Synagoge. Mittel waren nicht dazu vorhanden; das Consistorium weigerte sich, die Hand dazu zu bieten, und andere Unterstützungen boten sich nicht dar. Dennoch hat die kleine Gemeinde in ihren eigenen Mitgliedern eine solche Opferwilligkeit gefunden, daß das schöne, zweckentsprechende Gebäude jetzt fertig dasteht. — In den Blattern von Oran hat sich jetzt eine eigene Polemik kundgethan. Unter den dortigen Fiakern gehört eine Anzahl jüdischen Kutschern, die sich durch Reinhaltung ihrer Wagen und sichere Führung — weil sie sich nicht betrinken — von den übrigen auszeichnen und deshalb von dem Publikum vorgezogen werden. Die anderen Kutscher ließen nun ihren Aerger — nicht in dem sonst üblichen Faustkampf, sondern in einem heftigen Schreiben im „Echo d’Oran“ aus, und die jüdischen Kutscher standen nicht an, im „Courier d’Oran“ zu antworten. Dieser unblutige Streit ändert natürlich in der Sachlage selbst nichts. — Am 9. Mai fand die jährliche israelitische Wohlthätigkeits- Lotterie in Paris statt. Es waren 68.911 Billets unlergebracht und der Reinertrag für die verschiedenen Wchlthäligkeitsanstalten belief sich auf 67,088 Frcs. — Während des Winters 1876/77 wurden in den jüd. Gemeinde- und Consistorialschulen 155,322 Portionen Essen vertheilt. — Aimö Lambert, commandirender Oberst der republikanischen Garde (d. i. die städtische Garde von Paris) ist zum Brigadegeneral ernannt worden. Es ist dies der dritte Israelit, der Brigadegeneral geworden, denn die französische Armee zählt jetzt bereits zwei: den Jnfanteriegeneral S6e und den Artilleriegeneral Brisac. Türkei. Koustautiuopel, 25. August. Wir haben bereits die Depesche mitgetheilt, welche der englische Gesandte Layard aus The-