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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-11 · Heft 37 (11.9.1877) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 37 (11.9.1877)
Date
1877-09-11
Page
Seite 583 (sequence 3)
Language
German
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583 ausgeschrieben. Alles dies mag noch sehr mangelhaft sein. Aber in ihren Grundzügen ist die Umgestaltung bereits vorhanden! Man muß dem Osmanenreiche die erforderliche Zeit gewähren, um die Berfafsung zu befestigen, die Staatseinrichtungen umzuwandeln, die Specialgesetze zu Stande zu bringen. Die Chancen sind durch den Krieg ungemein erschwert. Der religiöse Fanatismus aber würde Alles zerstören, vor der Geschichte jedoch den Borwurf auf Europa wälzen, das begonnene Werk unmöglich gemacht zu haben. Die Nadbmerfrage. II. -) Im Entwicklungsgänge der menschlichen Dinge liegt es, daß, je weiter sie vorschreiten, je höhere Stufen sie erreichen, je mehr Fragen gelöst werden, desto weitere neue Probleme sich einstellen und an jene anknüpfen. Man darf deshalb auf die Arbeit der vergangenen Zeit nicht mißachtlich zurückschauen, weil sich aus ihr neue Schwierigkeiten ergeben haben; denn diese wurden erst möglich, weil so Bedeutendes geschehen ist. Aber ebenso wenig darf man darum auf Lorbeeren ruhen wollen und dürfen wir die Lücken, die Mängel und Schwächen, die sich kund thun, verschleiern oder gar verbergen wollen, weil man fürchte, die Gegner werden daraus nur noch neue Vorwürfe, ja Waffen gegen uns schmieden. Dies im Großen, wie im Kleinen. Vorgänge in jüngster wie in vorhergegangener Zeit weisen darauf hin, wie mißlich die Stellung der Rabbiner in der Gemeinde noch immer ist. Ein Zeugniß hierfür giebt die tiefe Unzuftiedenheit mit ihrer Stellung, welche im Gemüthe der meisten Rabbiner vorhanden ist, und die sich z. B., von der finanziellen Seite ganz abgesehen, in der Concurrenz bei jeder Vacanz bethätigt. Die Selbstständigkeit, um nicht zu sagen die Unabhängigkeit in ihrem Wirken fehlt ihnen; Zurücksetzungen aller Art sind nicht selten; in Angelegenheiten, die ihr eigenstes Gebiet berühren, geht man über sie hinweg. Durch kein Gesetz oder Reglement geschützt, ist das Amt überhaupt, sind die Personen, die es bekleiden, mehr oder weniger dem guten Willen, wenn nicht der Willkür preisgegeben. Daß solche Zustände auf die Dauer höchst schädlich sein müssen, brauchten wir nicht zu sagen, wenn die Wirklichkeit nicht erwiese, daß man in jüdischen Kreisen sich dessen gar wenig bewußt ist. Zunächst leidet die. Religion selbst darunter; denn die Achtung derselben ist unbewußt mit der Achtung derer verbunden, welche sie zu vertreten, von der Gemeinde selbst berufen sind. Äst es ein Bedörfniß, die Stimme der Religion zu vernehmen und sie der Jugend, wie dem Alter lehren zu lassen, so wird deren Einfluß sehr abgeschwächt, wenn derjenige in eine schiefe oder gar mißachtete Stellung gebracht wird, von dem diese Stimme und diese Lehre ausgehen soll. Woher soll dann auch die Freudigkeit kommen, mit welcher dieser heilige Beruf ausgeübt werden muß, wenn man riesen Beruf mit unwürdigen Vedingungen umgiebt? In den Gemeinden selbst entstehen daraus Zwistigkeiten, Parteiungen und Reibungen, die um so zerrüttender wirken, weil sie bald auf das Gebiet des Perönlichen hinüberspielen müssen. Endlich ist nicht zu übersehen, daß auf diesem Wege die aufstrebenden Jünglinge immer mehr von diesem Berufe abgeschreckt werden müssen, etwas, was in Deutschland schon allgemein der Fall ist. Die Fremde und die Mittelmäßigkeit treten dann subsidiarisch ein. Es ist deshalb durchaus nothwendig, die allgemeine Meinung darüber immer mehr aufzuklären, um ihr diejenige Stärke zu geben, welche nothwendig ist, um hier Ordnung zu schaffen, indem die Hindernisse überwunden werden. — Man wird fragen: warum jetzt erst? warum, da es schon so lange Rabbiner giebt, suchte man nicht schon früher diese Frage zu regeln? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht unwichtig. Bis über die dreißiger Jahre hinaus waren die Rabbiner alten Schlages auf den Aussterbeetat gesetzt. Die Verknöcherung aller religiösen Institutionen, die Gleichgültigkeit und die der Religion abgewandte Aufklärung jener Zeit hatten bewirkt, daß man die Rabbiner für sehr überflüssig hielt, und zahlreiche Gemeinden, die stabil orthodoxen ausgenommen, blieben ganz ohne Rabbiner. Der jüngeren, wissenschaftlich gebildeten Rabbiner gab es erst eine kleine Zahl, und die meisten dieser mußten sich ihre Stelle gewissermaßen erst schaffen, erst erobern. Es kam meist darauf an, ob sich zufällig ein befähigter junger Mann mit einer Gemeinde zusammentraf, in welcher das Bedürfniß nach Besserem erwacht war. Hierzu kamen die wenigen Stellen in süddeutschen Staaten, wo die staatsgesetzliche Einrichtung die Wiederbesetzung einer Rabbinervacanz forderte. Was wäre da zu regeln gewesen? Vielmehr, statt die Bedingungen zu erschweren, mußte das Bestreben dahin gerichtet werden: erstens, die Gemeinden heranzubilden, um in ihnen das Bedürfniß nach wissenschaftlich gebildeten Rabbinern zu verbreiten, und zweitens, Anstalten zu schaffen, aus denen solche Religionslehrer hervorgehen konnten. Daß auf diese beiden Ziele das Streben und Wirken der A. Ztg. d. Judenth. gerichtet war und sie im Laufe der Zeit gute Erfolge zu verzeichnen hatte, brauchen wir nicht hervorzuheben. Gegenwärtig giebt es keine Gemeinde, welche irgend die finanziellen Kräfte dazu besitzt, die nicht einen wissenschaftlich gebildeten Rabbiner anzustellen sucht, und es sind bereits Lehranstalten vorhanden, und ihre Zahl mehrt sich, welche genügende Schüler ausstellen, um das Bedürfniß der Gemeinden zu befriedigen. Und deshalb ist es gegenwärtig an der Zeit, auf eine Regelung des Verhältnisses zwischen Gemeinde und Rabbiner zu dringen. Doch sichern wir zuvor unsren Gesichtspunkt durch einen weiteren Blick in die Vergangenheit. Zu aller Zeit war das ^religiöse Lehramt im Judenthume 37* 1) Siehe Nr. 27.

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