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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-04 · Heft 36 (4.9.1877) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 36 (4.9.1877)
Date
1877-09-04
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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575 und negerischen ganz abweichendes Element bilden in der Volksmenge von FLes die Juden, ,.jhu<li“ auch hier genannt. Das Elend deS auserwählten Volkes Jehovahs genießen sie hier in seiner ganzen Bitterkeit. Nicht nur, daß ihre Wohnungen streng in ein scheußliches verpestetes Ghetto, die Mellha verwiesen sind, daß sie gedrückt, gequält und willkürlich ausgesogen werden, so wie die Gewalthaber den Schwamm gehörig vollgesogen glauben. Die kleinlichste Pein der stetigen täglichen und stündlichen Demüthigungen habe» sie noch außerdem zu erdulden. Hier dürsen sie nicht wie in Tanger die Haare rund geschnitten in die Stirn gekämmt, sondern müssen sie am oberen Borverkops rasirt, und zu beiden Seiten in lächerlichen, niederhängenden Locken tragen. Außerhalb der Mellha darf jeder Jude nur mit nackten Füßen erscheinen. Jede Straße, in der eine Moschee liegt, muß er weit umgehen, wenn er nicht in Lebensgefahr gerathen will. So schleichen die Söhne der zwölf Stämme demüthig, in langen schlichten, farbigen Talaren, nur Käppchen auf dem Haupt, durch die Gaffen der Maurenstadt, angstvoll jedes verrätherische Zeichen und jeden Schein des stolzen Bewußtseins verbergend, daß sie trotz alledem auch hier die besten Geschäfte machen, die Unentbehrlichen gerade für viele der wichtigsten Lebensgebiete sind. Wer sie in ihrem Glanze und in ihren Schuhen sehen will, muß sie in ihrem eigenen Quartier aufsuchen. Unter allen, Straßen genannten Cloaken von Fäes sind die der Mellha vielleicht die schlimmsten und stinkendsten. Sie liegt gleichsam im Schirm und Schutz des Serai-Bezirks. Man klettert, stolpert und gleitet ununterbrochen über Hügel von ekelhaftem Unrath, für den die Bewohner keinen Ablagerungsplatz kennen, als eben die Straßen, deren Enge sie damit täglich vermehren. Hindert er sie doch nicht, darin die gesuchtesten, die nothwendigsten und die kostbarsten Maaren zu handeln, mit Bienenemsigkeit zu arbeiten, zu rechnen, zu kaufen und zu verkaufen, fruchtbar zu sein und sich zu mehren nach des Herrn Gebot, diesen in ihren Schulen auzubeten, zu verkündigen und zu preisen ttotz der so lange schon über sein Volk verhängten Züchtigungen, und mit ihren Frauen und Kindern eines Familienglücks zu genießen, wie es ihre Peiniger und Bedrücker, die Moslim, nie gekannt und geahnt haben. Sie selbst aber schienen es instinctiv zu ahnen, wenn nicht ganz genau zu wiffen, daß wir die Söhne und Boten des Landes und der Städte wären, die ihrem Glaubens- und Stammesgenoffen wahres modernes Kanaan find, wo ihnen Mllch und Honig fließt; wo ihren Männern und Söhnen die Herrschaft über die Finanzpolitik des Reiches und über die „höchste Großmacht", ihren holden klugen Frauen und Töchtern die über die besten, begabtesten, schönheitkundigsten Nazarenen, und ihrem Volk zur unbegrenzten Mellha die Gesammrheit der prächtigsten Palast- und Billenstraßen gegeben ward. Anders wenigstens wäre der Grad von zärtlicher Verehrung schwer zu erllären, mit deren Beweisen sie «ns überschütteten, sowie wir das Thor ihres Quartiers betreten hatten. Die Knaben und kleinen Mädchen eilten von allen Seilen heran, um uns trotz allen Widerstrebens die Hände zu küffen. Die Gesichter der Männer und Jünglinge und die spanischen Anreden und Begrüßungen drückten herzliche Freude, fast so etwas wie Dankbarkeit aus. In den Thüren der kleinen Häuser, oft halb von den Mist- und Unrathhaufen davor verdeckt, auf den flachen Dächern und in den Fenstern standen und saßen (es war an einem Schabbes - Nachmittag, alle Läden bleiben geschloffen und jede Arbeit ruhte) die Frauen und Mädchen in festlichen, oft mit kostbarem Schmuck überladnen buntfarbigen Seidenttachten, mit fußbreiten golddurchwirkten Gürteln um. die Hüsten, schweren Gold- und Silberringen an Hand- und Fußgelenken, und wiesen uns Willkommen- und Segenswünsche in spanische Sprache zu, lachten uns mit den schwarzen Augen an, luden uns ein näher zu treten, daß sie uns „tränkten mit gemachtem Wein" und Raki. Ueber die Gesichter, zumal der jüngeren von ihnen, ist das Geschenk der Schönheit wahrhaft verschwenderisch ausgeschüttet. Welche Feinheit des klaren weißen Teints, welcher stilvolle große reine Schnitt und wieder welche Lieblichkeit der Formen, und welche Augen in Liesen Köpfen! Zum Glück gebietet hier den Jüdinnen wenigstens kein Gesetz, das Antlitz zu verhüllen. — Bor jeder Thür bleibt man wie gebannt durch den mächtigen Zauber eines oder mehrerer von diesen weiblichen und kindlichen Gesichtern mit den großen tief dunkeln, sanft glühenden, feucht verklärten Sternen, den ächten Abkömmlingen jener, von welchen der weise Sänger des Hohenliedes sagt, daß sie seien wie die Teiche zu Hesbon am Thor Bathrabbim. Unsere Gesandtschaftskarawane begleiteten mehrere jüdische Diener von Tanger hierher, die theils von einzelnen Herren, theils vom Minister zur Hülfeleistung und Aufwartung für die Gesammtheit während der Reise und hier im Deutschen Hause engagirt worden sind. Äacub und Eliayu, stille tüchtige, anstellige junge Männer, die eifrig, schweigend und geschickt ihre mancherlei Pflichten erfüllen und willig allen Anforderungen genügen; Judas (der einzige in ftänkischer unsäglich schäbiger Tracht), plattbrustig, schielend, hinkend, das körperlich und moralisch ruppigste Individuum, das wegen seines beständigen wirklichen und angeblichen Krankseins und der eigentlichen Existenzunfähigkeit seiner ganzen schlottrigen Person den schönen bezeichnenden Namen „das Crepirl" führt; endlich Moses, der sich rühmt, in Amerika, Frankreich, sogar in Deutschland gereist und gedient zu haben, aus den meisten europäischen Sprachen ein Paar Brocken reoen kann, immer das große Maul führt, den Arabern gegenüber im Schatten der Gesandtschaft den unendlich überlegenen Herrn spielt, faul, nichtsnutzig und doch unentbehrlich und zu Allem brauchbar ist. Hier nun im Judenviertel schwelgt er im Genuß der Gastfreundschaft seiner Stammesgenoffen, so daß er meist ttunken von deren herbem Wein durch die Mellha schwankt und in's Quartier taumelt. Aber auch in den maurischen Vierteln sehe 36*

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