Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1877)
- Date
- 1877-09-04
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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572 schützen. Das Traurigste bei diesen Vorgängen ist, daß die Religionslehrer, die für den Frieden in der Gemeinde wirken sollen, diesen Agitationen bedeutenden Vorschub leisten. Türkei. Paris, 21. August. Die israelitische Allianz von Paris hat die Nachricht erhalten, daß die Halste der Israeliten in Kezanlik durch Bulgaren niedergemetzelt sei. — (Es stimmt dies mit den bereits so hoch angewachsenen Nachrichten über die Greuelthaten der Bulgaren, welche den russischen Heeren, wie die Hyänen der Schlachtfelder folgen, um Mord und Raub an den Plätzen in gräßlichem Maße zu üben, welche die Russen einnehmen. Es ist Lies ein Schandfleck dieses Krieges, eine Schmach für die europäischen Großmächte, welche Liesen Barbareien ruhig zusehen, ein Schimpf für unser Jahrhundert, das um zwei Jahrhunderte zurückversetzt scheint, eine Niederlage für die Ideen der Humanität und der Solidarität der Völker, von welchen unsre Zeit beherrscht zu werden vorgiebt! Wir unsrerseits empfinden diese Gefühle der Empörung schon seit dem Beginne dieser orientalischen Kämpfe, und wenn wir ihnen bei der Niedermetzelunz unsrer Glaubensgenossen Ausdruck geben, so liegt dies im Gegenstände und in den Grenzen unserer Zeitung. Jeder Einsichtige hat von Beginn an die Entfeffelung dieser halbbarbarischen Völkerschaften gefürchtet; es trifft nur ein, was er sich längst sagen mußte — aber um so mehr trifft die Verantwortlichkeit auf Diejenigen, welche den Kampf herbeigeführt und zugelaffen. Man sieht die Ideen und die Wirklichkeit werden noch lange Zeiten hindurch zu ringen haben, bis diese von jenen überwunden sein wird.) London, 24. August. Von Mr. Layard, dem englischen Gesandten in Konstantinopel, erscheint folgende Meldung an Lord Derby, betreffs der nothleivenden Israeliten, datirt aus Therapia, 15. August: Mylord! Ich vernehme, daß unter den in Adrianopel und anderswo angekommenen Flüchtlingen sich eine Anzahl jüdischer Familien befindet, die beinahe ebenso sehr wie die Mohammedaner unter der grausamsten Behandlung seitens der Bulgaren und Russen gelitten haben. Sie sind hauptsächlich aus Eskisaghra und Kezanlik; an letzterem Platze sind, wie berichtet wird, viele Juden ermordet worden. Die türkischen Behörden, so theilt mir Mr. Blunt mit, haben ihr Bestes gethan, dieselben zu beschützen, und viele der Flüchtlinge haben ihm versichert, daß die türkischen regulären Truppen sie gütig behandelten und ihnen ihre Decken und Mäntel für die Kinder gaben. Ein jüdisches Mädchen von 18 Jahren ist in Adrianopel von den Gewaltthaten, die sie durch 20 Kosaken erfahren, gestorben. Diese armen, von den Christen verfolgten und von den Mohammedanern allein unterstützten und beschützten Juden sind in dem größten Elend, da sie jedes Dinges beraubt worden und ihre Häuser nebst Eigenthum zerstört worden ind. Ein Aufruf an ihre Glaubensgenossen in England würde wahrscheinlich etwas zu ihrer Erleichterung beitragen, und ich erlaube mir Ew. Lordschaft zu bitten, die Leiden jener Leute zur Kenntniß einiger der leitenden Gemeindemitglieder zu bringen. Mr. Blunt, Mr. Dupuis und andere Herren, die in Adrianopel einen Ausschuß gebildet haben zur Unterstützung der dorthin gelohenen vielen Tausende ohne Unterschied des Stammes oder Glaubens, würden, deffen bin ich gewiß, die Bertheilung von hierher gesandten Summen unter den Juden gern besorgen. Ich bin u. s. w. Layard. Der Hülfs- Ausschuß für die türkischen Nothleidenden hat durch Rothschild & Söhne für die allernächsten Bedürfnisse 1000 Pfd. Sterl. nach Adriauopel und 500 Pfd. Sterl. nach Konstantinopel übersandt. Rumänien. Czernowitz, 23. August. (Telegr. der „N. fr. Pr.") Wie glaubwürdige Reisende aus Jassy erzählen, überfielen Samstag Nachts donische Kosaken einen jüdischen Schankbesitzer in einer dortigen Vorstadt, raubten demselben 20 Ducaten, verwüsteten, was sie konnten, mißhandelten ihn fürchterlich und schändeten deffen Frau, die in Folge deffen hoffnungslos danieverliegt. Man sucht den Juden durch Geldentschädigung zum Schweigen zu bringen. —. Die gerichtlichen Untersuchungen in Daribana können, wie und durch welche Personen sie geführt werden, kein Resultat haben; die Uebelthäter bleiben unbestraft, vielleicht mit Ausnahme einiger untergeordneter Taugenichtse. Rußland. Moöka», 17. August. (Privatmitth.) Mit nicht geringem Erstaunen las ich in Nr. 29 dieser Zeitung eine aus der „Voss. Ztg." enMommene Nachricht J) aus Rußland, in welcher erzählt wird, daß „aus den nach dem Kriegsschauplätze abmarschirten Regimentern sämmtliche Juden entfernt und in die im Innern verbliebenen Truppen gethan worden. Wie es scheint — fährt die Nachricht fort — traut die Regierung ihrem Patriotismus nicht, oder sie will ihnen keine Anwartscharft auf spätere Concessionen einräumeu." Diese ganze Nachricht ist eine reine aus der Luft gegriffene Lüge, die einzig und allein von einem Juden- und Russenfeinde zugleich erfunden werden konnte. Die Juden werden durchaus nicht aus den nach dem Kriegsschauplätze marschirenden Regimentern entfernt, und vergießen vielmehr, gleich den übrigen russischen Unterthanen, ihr Blut auf den Schlachtfeldern Asiens und Europas. Zum Beweise — wenn noch Beweise uörhig 1) Die Nachricht ist bereits in vor. Nummer von einem andern Corresondenten widerlegt worden. Redaction.