Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1877)
- Date
- 1877-09-04
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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567 volle Gewalt der Verneinung hervorgebracht habe. Namentlich der jugendliche Theil ist davon durchfressen. Lange haben die Naturwiffenschaften den Culten und dem diesen beherrschenden Buchstabenglauben mit Recht vorgeworfen, daß sie sich allen Fortschritten der Erkenntniß verschließen und hemmend entgegenstellen. Jetzt aber muß den Naturwiffenschaften vorgeworfen werden, daß sie sich anmaßen, alle höhere Geisteserkenntniß zu leugnen, und sie zu zerstören suchen. Wir gestehen z. B. den Naturwisienschasten zu, daß sie mit der buchstäblichen Auffasiung der mosaischen Schöpfungsgeschichte nichts anzufangen wißen — aber wir räumen ihnen nicht ein, den großen Gedankeninhalt derselben Schöpfungsgeschichte, der zum menschheitlichen Bewußtsein geworden, hinwegzuescamotiren, uns den allweisen und allmächtigen Schöpfer, der mit seinem Willen das Universum und die Geschöpfe in Raum und Zeit, in allmäliger Entwickelung geschaffen hat, den gottebenbildlichen Geist des Menschen mit „der Erkenntniß des Guten und Bösen", mit seiner Bestimmung zu fortschreitender Entwickelung im Individuum und in der Menschheit hinwegdemonstriren und dafür nichts als die in Bewegung gesetzte Zelle und die galvanisirte Faser geben zu wollen, von der man uns nicht einmal zu sagen weiß, woher die Bewegung und die elektrische Thätigkeit kommen? Das Erstere war uud ist ein Mißbrauch der Religion, das Letztere ein Mißbrauch der Naturwiffenschaften, der, auch auf die Geschichte angewandt, sich nur immer schärfer als Mißbrauch und Entstellung charakterisirt. Einer solchen Zeitströmung entgegenzuwirken, ist allerdings eine schwierige Ausgabe und es laffen sich für sie weniger leicht die Mittel der Bekämpfung angeben, als betreffs der Vereine u. dergl. Die Hauptsache ist, das Bewußtsein der Zeit selbst über diese ihre Schaden zu wecken und zu verbreiten, sie aufzuklären, daß das, was sie für eine Stärke hält, nur eine Schwache und Hinfälligkeit ist. Es kommt überhaupt darauf an, in unserem ganzen Geschlechts den Begriff der ernsten Arbeit und die Freude an ihr in allen Schichten des Volkes wieder in's Leben zu rufen, daß es das Leichte und Oberflächliche vom Schwierigen und vom Kern zu unterscheiden wiffe, und nicht die leichtgezimmerte Barke mit dem mächtigen Schiffe verwechsele, um über den Ocean zu fahren. Wir haben oben bemerkt, daß sich derselbe Schaden auch auf dem Gebiete des Judenthums erkenntlich mache. Es kommt der großen Mehrzahl der Juden gar nicht mehr darauf an, eine gründliche Kenntniß ihrer Religion zu haben, uud besonders nicht, die Urquellen derselben genauer kennen zu lernen. Wie wenige, wir saFen nicht bibelfeste, sondern nur mit der Bibel vertraute Juden giebt es noch! Aber gilt es, ein Uriheil über Judenthum, jüdische Fragen und Angelegenheiten zu fällen, so glaubt sich Jeder berufen und befähigt. Wie Vielen liegt die Geschichte ihrer Religion und ihres Stammes, wie Vielen die Entwickelung des Judenthums in seinen Phasen und damit das Wesen und der Zusammenhang in seinem Aufbau und in deffen einzelnen Theilen klar vor den Augen? Aber hierüber zu urtheilen, im Nu mit seiner Meinung fertig zu sein, sei es aus conservativen, sei es aus reformistischen Motiven, dazu hält sich fast Jeder für geschickt. Welches Unheil dies für die Einzelnen wie für die Gesammtheit bewirkt, brauchen wir nicht nachzuweisen. Womit sich der Mensch nicht ernstlich beschäftigt, darin lebt er auch nicht. Was er nicht genau kennt und nicht richtig beurrheilt, das wirkt nicht auf ihn, oder nur falsch. Alle die widerwärtigen Erscheinungen von Gleichgültigkeit und Anmaßung, von Mißachtung und Selbstüberhebung entspringen aus dieser Quelle. Das Mittel hiergegen kann nur in einem tüchtigen Unterrichte, in einer immer wiederholten Mahnung von der Kanzel und in der Klärung des Bewußtseins über diesen Zustand bestehen. Die Lan-esrabbmerschule zu Su-apeft. Wer in der größeren Welt Etwas aufwachsen und sich ausdehnen sehen will, der muß Geduld haben. Ost erfüllt sich dann ihm, was er im Gange der Zeit schon aufgegeben hatte. Als wir im Jahre l837 zuerst den Ruf nach einer „Jüdisch-theologischen Facultät", d. h. nach einer wiffenschaftlichen Lehranstalt für Rabbiner, Prediger und Religionslehrer erhoben, konnte uns zwar der allgemeine Beifall, der unsrem Aufruf zu Theil wurde, überzeugen, daß das Bedürfniß anerkannt ward; aber die Berhältniffe lagen noch so ungestaltet, zerfahren und erstarrt, daß die Verwirklichung noch Jahrzehnte ausblieb. Damals bestand die Rabbinerschule zu Padua, jedoch in sehr beschränktem Maße und nur durch die Tüchtigkeit ihrer beiden Lehrer, S. D. Luzzatto und della Torre, gehalten, und das Seminar zu Metz, das erst mit seiner späteren Verpflanzung nach Paris zu einiger Blüthe kam. Seitdem wurde das Rabbinerseminar zu Breslau, die Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums zu Berlin, neben dieser das sg. orthodoxe Seminar von Hildesheimer und endlich jetzt die ungarische Landesrabbinerschule gegründet. Sich solchen Anstalten annähernd, bestehen auch 6oIIegue8 in London und New-Pork. Unter allen diesen ist der ursprüngliche Gedanke einer jüdisch-theologischen Facultät nur durch die Berliner Hochschule verwirklicht; was wir jedoch nur als thatsächlich bemerken, ohne hier in die Streitfrage ein gehen zu wollen, welche Organisation vorzuziehen sei, noch dazu, da die vorhandenen Verhältniffe mitzusprechen haben. Jetzt liegen uns die am 14. Juli 1877 vom Minister für Cultus und Unterricht genehmigten „Statuten der Landesrabbinerschule zu Budapest" gedruckt vor, über deren Inhalt wir hier berichten wollen. Wer sich erinnert, welche Kämpfe die Gründung dieser Lehranstalt im Schooße der ungarischen Judenheit hervorrief, mit welcher Erbitterung und Zähigkeit die orthodoxe Partei die Ausführung bekämpfte, so daß es wiederholt zweifelhaft geworden, ob sie in's Leben treten werde, 36*