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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-04 · Heft 36 (4.9.1877) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 36 (4.9.1877)
Date
1877-09-04
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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566 Verbreiterung seines einzelnen Wissens, so auch nach jenem Zusammenhang, nach jener Einheit des Ganzen. Es ist dies so recht die eigentliche Signatur unsrer Zeit. Der Einzelne geht nun von seinem speciellen Wissen aus, um sich von ihm aus einen Zusammenhang, eine Einheit zu schaffen. Dies ist die eigentliche Geburtsstätte der Hypothesen. Hierzu kommt, daß in der Thal eine Menge von Experimenten und Beobachtungen gemacht worden sind, welche nicht mehr in die alten wissenschaftlichen Systeme paßten, und sofort eilte man, auf diese Beobachtungen hin neue Systeme zu bilden, die mehr oder weniger von den gemachten Erfahrungen gerechtfertigt werden, aber auch nur von diesen. In der Vertheidigung der alten und der neuen Systeme erhitzten sich die Geister und die Verneinung der früheren wie die Behauptung der neuen, bald auch neuesten, wurde immer kühner, immmer verwegener. Hierbei konnte es nicht fehlen, daß die Naturwissenschaften, von denen wir hier besonders sprechen, sich aus ihrem bisherigen wohlbegründeten Gange drängen ließen. Sie haben nach ihrer Bestimmung es nur mit dem Sinnlichwahrnehmbaren zu thun, und die inductive Methode ist ihnen die allein richtige. Diese ihre Grenze haben sie überschritten, diese Methode verlassen. Im Stolze auf ihre Errungnisse auf dem Gebiete der Experimentirung und Beobachtung, in der Ueberschätzung ihrer Combinationen zwischen dem Wahrgenommenen und Erfahrenen, und gestachelt von der eben gezeichneten Hypothesensucht, ließen sie sich verleiten, in die Metaphysik und Psychologie, in das Gebiet des Uebersinnlichen hinüberzutreten, und auch für diese neue Systeme, neue „Weltanschauungen" zurechtzumachen. Und da nun der Mensch, wenn er einmal in schnelle Bewegung gerathen, nicht leicht stille steht, so drängten sich bald die neuen Theorien nicht bloß aus den Naturwissenschaften in die Philosophie, sondern auch in die Geschichte. Auch die Geschichte der Menschheit sollte aus den Voraussetzungen jener naturwissenschaftlichen Hypothesen construirt werden. Jemehr nun die ernste Wissenschaft an sich gegen dieses Treiben sich zu schützen und in ihre eigenen Grenzen so wenig wie möglich hineindringen zu lassen suchte, desto wilder ergoß sich der Strom durch alle die oben gezeichneten Kanäle über das Publikum, über das gelehrte, gebildete und gewöhnliche Volk. Dieses wurde nur um so mehr geblendet, je kühner die Hypothesenmacher auftraten, wurde immer schwankender in den altbefestigten Ansichten, verlor immer mehr Las Vertrauen auf die Ergebnisse der bisherigen menschheitlichen Entwickelung, verlief sich in steigendem Maße auf den Wegen der Verneinung, wußte entweder bald selbst nicht mehr, was es für wahr und sicher halten sollte, oder klammert sich steif und fest an ras, was ihm die Abenteurer, die sich den Schein der Wissenschaft geben, insinuiren. Dies scheint uns Alles klar genug, und wir bemerken nur noch, daß die Naturwissenschaften zu solchem Spiele um so mehr neigen, wenn sie, wie es jetzt der Fall ist, ihre eigene Geschichte vernachlässigen. Denn diese lehrt in tausend Beispielen, wie zu aller Zeit aus einzelnen Beobachtungen von kühnen Männern Theorien fabricirt wurden, die eine Zeit lang die zeitgenössische Welt beherrschten, um an der nächsten Reihe von Beobachtungen zu zerschellen. Bei solcher Behandlung der Wissenschaften und bei dieser Beschaffenheit des Publikums kann es nicht wundern, wie Produkte, die vor jeder ernsten Kritik in Staub zerfallen, bei dem allgemeinen Publikum Eingang, Anklang und leider auch Wirkung erlangen. *) Man wird fragen: war dies nicht so zu aller Zeit? Wir muffen dies verneinen; lange Zeiten hindurch wußten die Wissenschaften in ihrer ernsten und mühevollen Arbeit sich in ihren Grenzen zu erhalten, und der Allgemeinheit nur das abzugeben, was sich als wahrhaft begründet ihnen resultirt hatte. Wir wollen nur an eine glänzende Erscheinung erinnern. Alexander v. Humboldt hatte in seinem langen Leben gewiß über das Uebersinnliche, über Gott und Geist nachgedacht und sich seine Ansichten gebildet. Aber da er nur als Naturforscher schrieb, nur die wissenschaftliche Naturkenntniß im Auge hatte, hütete er sich überall, über deren Grenze hinauszugehen, und aus ihr Metaphysik ziehen zu wollen. Niemand verstand es in großartigerer Weise auf seinem naturwissenschaftlichen Standpunkte auch für das große Publikum zu schreiben; dies beweist der große Erfolg, den diejenigen seiner Schriften halten, welche von dieser Absicht ausgingen, wie seine „Ansichten der Natur", sein „Kosmos". Was hat die Naturwissenschaften seitdem berechtigt, über diese ihre Grenzlinie hinauszugehen? Die Menge der Entdeckungen und neuen Wahrnehmungen, so bewunderungswürdig sie ist, so umgestaltend sie auf Technik, Physik, Physiologie u. s. w. wirkte, gab ihnen dieses Recht nicht. Denn jene befindet fich selbst noch in einem nicht geklärten Zustande, bedarf nach allen Seiten hin noch der Ergänzung und Erweiterung, und führt immer nur bis zu dem Scheidepunkte, wo das Sinnliche endet und das Uebersinnliche beginnt. Jedes Wagniß über diesen Punkt hinaus, hört auf naturwissenschaftlich zu sein, sei es als Theorie, sei es als bloße Wahrnehmung. Die traurige Folge jener Verwirrung aber beschränkt sich nicht bloß auf die Theorie. Denn von dem Boden der Naturwissenschaften ausgehend, predigt die Hypothese zuerst den Unglauben, alsdann den Materialismus, und zwar den nacktesten, und aus diesem die Unsittlichkeit, den rohesten Egoismus, die Verneinung des Rechts und der Pflicht. Wer die neueste Literatur kennt, weiß, daß dies nicht bloß vage Anklagen sind, sondern daß die Schriften, welche alles dies ohne Scheu lehren, bereits Legion sind. Und wer sich im Leben umsteht, erkennt, daß diese'Lehren bei einem zahlreichen Theile der Menschen ein völliges Schwanken in jeder Ueberzeugung, bei einem anderen die l) Wir verweisen z. B. auf die sg. Culturgeschichte von Hellwald, die sich bei dem Publikum einführte als eine Verarbeitung der Weltgeschichte nach Darwinscher Theorie, wahrend, wie erst jüngst Zitelmann iPreuß. Jahrb., Nov. 1876) erwies, von den Lehren Darwins auch nicht die geringste Spur außer des groben Mißbrauchs des Wortes „Kampf um's Dasein", darin zu finden ist. Trotzdem kam das Mach-! werk bereits zur zweiten Aufiage!

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