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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-08-28 · Heft 35 (28.8.1877) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 35 (28.8.1877)
Date
1877-08-28
Page
Seite 559 (sequence 11)
Language
German
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559 Kämpft kühn, mit frischem Math gerüstet, Der Sund' entgegen, die stolz sich brüstet; Die Waffe noch zu scharfen und zu stahlen. Laßt er's an Opfern auch nicht fehlen, Die er in hochgestieg'nem Glaubensmuthe Gebracht vom eignen Fleisch und Blute Durch Fasten, Darben und Kastei'n, Der Selbstanklage bitt're Seelenpein, Der tiefen Reue herbe Schmerzen Im demuthsvoll zerknirschten Herzen. Wann sonst, wenn nicht in diesen Tagen, Wär's Pflicht des Sünders, zu beklagen Den Abfall von des Heiles Bahn? Zu laffen Täuschung, Trug und Wahn, Sich männlich muthig zu ermannen Und jeden bösen Trieb zu bannen? Wann sonst, wenn nicht an solchem ernsten Tage, Wo auf des hohen Weltenrichters Wage Die Engel Gottes Menschenthaten legen, Um sie und ihren Werth zu wägen. Um zu verhängen Straf' und Lohn Bor Gottes allgerechtem Thron? Und doch siehst du in dieser Zeit, der hehren. Der Sünden Maffen nur vergrößern noch und mehren. Des Lasters Waffen nach wie vor gezückt, Die Stirn erfrecht, den Scharfsinn unverrückt. Sie rufen Gott nicht an, den Herrn in den Höh'n, Die reinen Engel nicht, die seinen Thron umsteh'n. Sie scheuen nicht den machtbegabten Gabriel, Sie flehen nicht zum heilumfloffenen Michael, Ja selbst den Rechtsvollstrecker Metatron Bespötteln sie mit kalter Frechheit Hohn. Das Alles nimmt und hält so Klein wie Groß, Für Ausgeburt der blinden Thoren blos. Wenn schmetternd auch des Schofars Ton erschallt, Zu schrecken Satans sündige Gewalt, Und seines Blendwerks lockendes Beihören Durch ernste Mahnungen zu schwächen und zu stören. Zu kämpfen gegen ihn mit allen scharfen Waffen, Um der gebeugten Tugend Sieg zu schaffen, Zu reißen von den blöden Augen alle Binden, Entschloffen, sich wieder auf der Heilesbahn zu finden — So ist's umsonst; sie werfen des Gewissens Dorn Weit weg von sich und fort des Ernstes Sporn, Der kühn der Trägheit Schlaffucht unterbricht Und muthig dränget zu Beruf und Pflicht. Im Gegentheil, wie sich der Fechtstier bäumt, Und in jäh erwachter heißer Tollwuth schäumt. Zum Kampf sich rüstet, Stirn und Brust gespreitzt, Wenn ihn des Fechters bunte Fahne reizt — So wird des Uebermuthes Maß noch voller, Die freche Zügellosigkeit nur toller, Der Widerstand auf'S Höchste gar gesteigert, Wenn Religion Befriedigung verweigert Dem Triebe, der so Nimmersatt begehrt, Und um so wüthiger, je mehr man ihm verwehrt! — So ist es heil'ger Brauch in frommen Kreisen, In diesen Tagen Gott zu loben unv zu preisen. Damit sich steigere und kräftige der Andacht Macht In stiller, feierlicher Dunkelheit der Nacht, Wenn glanzvoll noch das Licht der Sterne blinkt, Bon fernem Morgenroth kein Strahl noch winkt. Bevor der Hahn den Tagesgruß gekräht. Sich zu versenken schon in brünstiges Gebet; Im Sündbewußtsein Reue auszustöhnen, Durch Worte darzuthun des Herzens Sehnen, Ihm Trost zu geben und für Schmerzen Linderung In tiefer Andacht und Begeisterung. So war's; doch jetzt in der modernen Welt Ist es in solchen Dingen anders schon bestellt. Wohl siehst du, wie am frühen Morgen wallt In hellen Schaaren so Jung wie Alt, Doch nicht aus Drang nach religiöser Weihe — Sie wallen Alle nur hinaus in's Freie, Der dumpfen Luft der engen Gaffen zu enteilen, Zu klimmen auf die Bergeshöh'n, die steilen. Um an den dichtbelaubten Hügelrücken Die Trauben von den Ranken abzupflücken. Sie aufzuschichten dann in thurmeshohe Lagen, In Schiffen, Karren oder Räderwagen, Gebracht in wohlgemauerte Behälter, Sie auszupreffen in der kühlen Kelter. — Ereignet sich's, wie's wohl gar oft geschieht, Daß noch zur Zeit die Sonne strahlend glüht. Die Blume welk ihr Haupt zur Erde senkt, Die Fluren trauern, von Sonnenbrand versenkt, Daß sich Erkrankungen und Todesfälle mehren, Daß sich auch nah'n, gleich des Feindes mächtigen Heeren, Die Fliegen, Mücken, Bremsen und Hornisse, Mit blut'gem Stich und gist'gem Bisse Verwunden an Gesicht und Händen, Und dir sogar die Augen blenden, Gar wild gemacht durch Abwehr, nur noch frecher Sich wagen auf den Teller, wie in Glas und Becher, Durch ihre Brut und widerliches Geschmeiß' Zum Ekel dir wohl machen Trank und Speis, Dann hörst du, weil verweichlicht durch Verwohnen, Die Zimperlichen gar erbärmlich stöhnen, Beileib in Buße nicht und reuigem Erguß, O nein! Im Zorne nur und bitterem Verdruß: 35*

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