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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-08-28 · Heft 35 (28.8.1877) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 35 (28.8.1877)
Date
1877-08-28
Page
Seite 551 (sequence 3)
Language
German
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551 war, das Erstaunen der Zuhörer zu erwecken vermochten — der Wissenschaft, welche für die speciellen Beobachtungen so rasch und fruchtbar, für die Erkenntniß und Anschauung des Ganzen auch gegenwärtig noch sehr langsam arbeitet. Was war die Folge hiervon? Abgesehen, daß bei solchem Verfahren von irgend einer gründlichen und vollständigen Belehrung gar nicht die Rede sein konnte, beförderte man in seinem Publikum nichts als die Lust am Extravaganten, am Außerordentlichen und Negirenden, am herausgerissenen Brocken, den als Theil des Ganzen zu betrachten der Geist viel zu träge und indifferent erhalten wurde. Und woher kam dies? Weil die Sprecher solcher Vereine selbst es nicht besser wußten und nicht mehr kannten. Berufen über alle möglichen Dinge zu sprechen, hatten sie selbst ihr Wiffen nur aus populären Schriften zu schöpfen und die Auswahl nach dem Geschmack ihrer Zuhörer zu treffen. In der Geschichte ging es ganz ähnlich zu. Man wählte irgend eine frappante Persönlichkeit, ein merkwürdiges Ereigniß, eine sonderbare Situation heraus, und suchte sie durch die Darstellung nur um so ausfälliger und schlagender zu machen. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß gerade in der Geschichte das Meiste auf den Zusammenhang, auf die genaue Kenntniß der Berhältniffe, der Ursachen und Wirkungen, auf den Gang der Entwicklung, auf den gesammten Hintergrund ankommt, aus welchem die einzelne Erscheinung hervortritt. Dies kann aber in dem engen Rahmen eines Vortrages überhaupt nicht, oder doch nur durch die Hand eines Meisters und gründlichen Forschers gegeben werden. Dabei lag eS in der Zeit, solche Gegenstände zu wählen, in welchen der Gegensatz zu den liberalen Bestrebungen der Gegenwart so recht hervortrat. Die besondere Folge hiervon war eine Verachtung der Vergangenheit, eine Selbstüberhebung unserer Zeit über alle früheren Perioden der Menschheit, eine Unkennlniß und Nichtachtung der Entwicklung, mit der natürlich auch eine leichtfertige Verachtung aller, das Menschengeschlecht bis jetzt beherrschenden Anschauungen sich verband. Man sieht, viele der gegenwärtigen Zustände der Geister erklären sich hieraus in einfacher Weise. Man wird sagen: tadeln ist leichter als besser machen; — solchen Einwand haben wir nie gescheut. Was hätten wir denn, wird man fragen, Besseres vorzuschlagen gehabt? Einfach: Man soll nicht in solchen Vereinen und überhaupt vor dem allgemeinen Publikum einzelne Vorträge bald über diesen, bald über jenen Gegenstand, nur um den Geschmack der Zuhörer zu reizen, halten, sondern nur ganze Curse, gewiffermaßen Lehrcurse über bestimmte Theile der Wissenschaft, der Naturwissenschaften wie der Geschichte geben, in welchen der Gegenstand gründlicher entwickelt und im Zusammenhang mit dem Ganzen dargestellt werden kann. Es versteht sich, daß hierzu Männer herangezogen werden müssen, welche den Gegenstand nicht von der Oberfläche weg, sondern gründlich verstehen. Dies war stets unsre Ansicht, und man erlaube uns darauf hinzuweisen, daß wir dieser Ansicht immer gefolgt sind. Wir haben allzeit, sei es in öffentlichen Vorlesungen, sei es in Vereinen, uns nur auf Reihen zusammenhängender Vorträge eingelassen. So schon 1833 „Ueber die Entwickelung des Menschengeschlechtes", so die Vorlesungen, welche wir, nachdem sie gehalten worden, durch den Druck veröffentlicht haben, wie „Ueber die Entwickelung der religiösen Idee", „Ueber die Religion der Gesellschaft", „Wider den Unglauben", „Die Resultate in der Weltgeschichte". Wir führen dies nur an, um durch den Erfolg, dessen wir uns erfreuten, zu zeigen, daß der von uns betretene Weg durchaus der Neigung des Publikums, sobald man diese zu wecken versteht, nicht widerspricht. Wir glauben daher noch heute, daß die Bahn zur Besserung nur die beschriebene sein kann, die denn auch bereits von Anderen vielfach eingeschlagen worden. Wenn übrigens die National-Zeitung nur von Vereinen und populären Zeitschriften spricht, so saßt sie ihren Gegenstand nur in beschränktem Maße auf. Wir haben ihn, nämlich die gegenwärtigen Geisteszustände, von einem weiteren Gesichtspunkte aus zu betrachten. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 17. August. Im Jahrgänge 1872 dieser Zeitung haben wir von Nummer 33 an eine Reihe von Artikeln „Die National-Oeconomie der Juden" gegeben, in welchen wir das Werk des Herrn Du Mesnil-Marigny: ,,Ilisloire de l'Economie politique des nnciens pcuplcs de Finde, de FEgypte, de la Judee et de la Gr^ce“ ausführlich besprachen, und dessen Ansichten theils zu beloben, theils zu bekämpfen und zu widerlegen hatten. Wir sind dem Herrn Verfasser zu besonderem Danke verpflichtet, daß er uns jetzt ein vorzüglich ausgestaltetes Exemplar der dritten Auflage seines Werkes (Paris, Plon, 1878) übersandte und in einer Zuschrift uns darauf ausfmerkfam machte, daß er unsre Kritik berücksichtigt und sich durch sie zu mehrfachen Anmerkungen veranlaßt gefühlt habe. Diese dritte Auflage kündet sich auch als „durchgesehen, vermehrt, und mit Anmerkungen versehen", an. Solches erweist sich auch äußerlich, denn aus zwei wurden drei starke Bände, von denen der erste die Einleitung, Indien und Egypten, der zweite Judäa und der dritte Griechenland enthält. So verlockend es wäre, auch den ersten und dritten Band des jedenfalls verdienstvollen und trefflichen Werkes zu prüfen, so müssen wir doch hierauf verzichten und beschränken uns auf den zweiten Theil. Herr Du Mesnil sagt in seiner Zuschrift nicht, daß er seine Ansichten durch unsre kritischen Bemerkungen geändert, sondern nur, daß sie seine Berücksichtigung gefunden und er sie in einigen Noten besprochen habe. Für uns sind daher die Vorzüge und die Schäden seines Werkes dieselben geblieben. Auch wir müssen auf unsrer Kritik beharren, und auf sie verweisen. Wir gestehen offen, daß die

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