Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1877)
- Date
- 1877-08-28
- Page
- Seite 550 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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550 Sätze, die wir hier wiederzugeben uns gedrungen fühlen. Sie sagt: „Unsere Volksbildungs-Vereine, unsere Handwerker-Vereine, unsere sogenannten populären Zeitschriften können sich leider der Mitschuld nicht entschlagen. Nur wenige haben sich an den Ernst der Arbeit gehalten. Nur zu vielfach haben sie der Phrase und der Halbbildung den Boden gelockert. Alles Mögliche und Unmögliche wird hier, fluchtig und oberflächlich, wie es nicht anders sein kann, in Verträgen und Aufsätzen behandelt. Bon einer sorgsamen Auswahl des zu behandelnden Stoffes, von einer Rücksicht aus den Bildungsgrad der Zuhörer und der Leser ist nur in den seltensten Fällen die Rede. Hundert Schüsieln auf einmal werden dem Volke vorgesetzt; gierig kostet es von Allem — was Wunder, daß es sich den Magen verdirbt? Der dumpfe Druck, der so lange auf unseren Schuleinrichtungen lag, hat die Geister der Heranwachsenden Generation nicht gestärkt für den ernsten geistigen Kampf, in dem sie doch größer werden mußten. Am gefährlichsten aber für die Volksbildung und Aufklärung, die doch nur allmälig fortschreiten, sich ausbreiten und vertiefen kann, hat sich eine der glänzendsten Epochen in der Geschichte der Wissenschaft, der Aufschwung der Naturwisienschaften erwiesen. Ein Gefühl bemächtigte sich der Welt, ähnlich wie bei der Auffindung der Goldfelder Californiens; hier lag mühelos die Wahrheit, es galt nur, sich zu bücken und sie aufzuheben, um sie rein und unverfälscht zu besitzen. Selbst die Mühe des Lernens war erspart, man brauchte nur zu wollen und man wußte — man brauchte nur zu reden, und man weissagte. Auf ein Hörensagen von Darwinschen Lehren hin glaubt jetzt Jeder über die tiefsten Geheimnisie der Natur müsprechen zu können; Hypothesen werden leichtsinnig mit Resultaten zusammengeworfen, zweifelhafte Beobachtungen und Entdeckungen als untrügliche Wahrheiten ausgerufen. Bon dem Urschleim aus baut man dann, im Gegensatz zu der geschichtlich gewordenen, eine ganz neue Welt auf — eine Sumpfwelt, in der weder Gesetz noch bürgerliche Freiheit, weder das Vaterland noch das Helventhum, weder Wiffenschaft noch Kunst einen Platz zum Stehen haben, aus der Alles und Alle langsam in den Urbrei zurücksinken. Der von seiner Affen- Abstammung überzeugte moderne Mensch sehnt sich unwillkürlich in das Thierreich und die Freiheit des Urwaldes zurück. Diese Stimmung und Anschauungen sind die Furchen für das socialdemokratische Samenkorn. Ueppig schießt es auf diesem von der Halbbildung so trefflich vorbereiteten Boden in die Höhe. Mit dem halben Wiffen, das nichts so gründlich haßt, wie die ganze Wiffenschaft, und nichts so sehr scheut als ihre Erwerbung, verbindet sich die leidenschaftliche Phrase, die allen schlimmen Begierden die Losung giebt. Methodisch erhält die Socialdemokratie sowohl durch ihre politischen Zeitungen wie durch ihre belletristischen Zeitschriften und ihre belehrenden Vorträge die Unzufriedenheit unter den Arbeitern, überall spielt sie mit dem Feuer des Aufruhrs, ob sie eine politische Rede hält oder auf der Pansflöte bläst, immer droht sie mit einem allgemeinen Umsturz. Wiederum begegnet sie sich darin mir dem Ultramontanismus: den Rothen wie den Schwarzen ist es gelungen, die Geschichte und die Religion, die Wiffenschaft und die Kunst zu vergiften. Diesen Einflüssen, die, von verschiedenen Seiten kommend, immer daffelbe Angriffsobject haben, entgegen zu wirken, sollte eine Hauptaufgabe unserer Bildungsvereine sein, wenigstens erscheint sie uns viel wichtiger und für das Gedeihen unseres Volkes segensreicher, als die beständige Zubereitung neuen „gelehrten" Stoffes in „populärer Form" für die Mafien. Weniges gut wiffen, ist für den Einzelnen wie für die Vielen das wahrhaft Nützliche; von allem kosten, hat noch Niemand satt gemacht, einem Volke nun gar verdirbt es den Geschmack des Guten und Wahren." Dieser Artikel hat eine lebhafte Sensation gemacht. Die Wortsprecher der antiliberalen Parteien, z. B. die „Kreuzzeitung" und die „Germania", gaben sofort den Artikel für eine Bankerutterklärung des Liberalismus aus; als ob diese Parteien es nicht wären, welche der socialistischen immer die Hand bieten, um ihre eigene Schwäche durch diese möglichst zu heben, und als ob, wenn sie zum Regiment kämen, die ganze Opposition sich nicht in's Unendliche vergrößern würde. Der Liberalismus aber thut wohl daran, die Mängel, die an ihm haften, die Auswüchse, die sich bei ihm, wie bei jeder menschlichen Richtung einstellen, zu erkennen und auf deren Beseitigung hinzuwirken. Doch kommen wir zur Sache. — Was die Bildungsvereine, Handwerkervereine u. dgl. betrifft, von denen die „Nat. Ztg." ausgeht, so haben wir das Ergebniß derselben schon vor Jahren, schon in den vierziger Jahren, als sie entstanden und noch mehr in den fünfziger vorausgesagt. Namentlich mit dem Eintritt der Reactionszeit sprachen sich Führer solcher Vereine dahin aus, daß man, um das Volk politisch reifer und für die Freiheit zugänglicher zu machen, es durch populäre Vorträge, namentlich über die Naturwiffenschaften, aufklären müffe; auch die Geschichte solle man heranziehen, soweit man damit vergehen könne, ohne die polizeiliche Auflösung herbeizuführen. Was enthielten nun diese Borträge über Naturwisienschaften und enthalten sie meist noch jetzt? Nichts als eine Sammlung von Curiositären aus dem Bereiche der Natur. Man wollte die Zuhörer anziehen und ihr Jntereffe feffeln, indem man ihnen lauter Erstaunliches, Wunderbares aus den Erscheinungen der Natur vortrug. Hierdurch war man gezwungen, immer nur auf Specialitäten, auf merkwürdige Einzelheiten einzugehen, und dadurch den Blick in den großen Zusammenhang, in die Gliederung des Ganzen, in die Ordnung des Universums zu verlieren. War man mit seinem Vorrath dann zu Ende, so mußte man die Naivetät der Zuhörer durch kühne Hypothesen befriedigen, wie sie aus dem Boden der Einzelheiten eben erwuchsen, und die durch ihre Abenteuerlichkeit und durch ihren Gegensatz zu dem, was die Wiffenschaft bis dahin gelehrt hatte und was aus ihr in die allgemeine Anschauung übergegangen