Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1877)
- Date
- 1877-08-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Tudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Bonn. Verlag von Bamugärtuer's Bach-aa-lang in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 dis °2>/. Bogen. Preis Viertel,ährig 3 'Mart Inserate werden mit 20 Pf. sur die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen» Postämter und ZeitungS-Expeditionen nehme» Bestellungen an. In redactionellen Angelegetcheueu wende man sich an Dr. £. Vhilippstn in Bonn; hinsichtlich der Inserate an 4t. Moste in Leipzig und dessen Filialen in Berlin, Breslau:c. Inserate, welche bis vonuerftag eingehen. finden in der Karaufsolgeuden Nummer Berücksichtigung. 41. Jahrgang. Leipzig, den 28. August 1877. JSf 35. Inhalt. Leitende Artikel: UeberHalbwissen und Halbbildung.I. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Breslau, Fürth, Aus Württemberg. — Oesterreich-Ungarn: Pest. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: Bradford. — Türkei: Paris. — Rußland: Aus dem Russischen, Moskau. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Rosch-Haschanah. J3etteude< (3Cxhlket. 33onn; den 22. August. Arber Halbwissen und Halbbildung. I. Seit Jahren haben wir bei mannichfachen Gelegenheiten uns über die Hypothesensucht wiederholt ausgesprochen, welche sowohl in der Gelehrtenals in der Laienwelt, in jener zum Aufstellen wenig oder halbbegründeter Ansichten und Lehren, in dieser zur Annahme jeder neuen, noch so wenig gerechtfertigten, aber mit dem Reiz der Neuheit versehenen Anschauung, herrscht. Wir machten auf die Schädlichkeit dieser Neigung besonders für Religion und Sittlichkeit aufmerksam und hielten dafür, daß alle ernsten Geister mit aller Kraft hiergegen wirken sollten. Wir setzten uns muthig sogar der Anschuldigung aus, als ob wir dahingekommen waren, dem Fortschritt uns entgegenzustellen und alteren, ja sogar veralteten Meinungen zu huldigen. Um so näher liegt es uns, darauf aufmerksam zu machen, wenn ähnliche Urtheile auch in anderen Kreisen hervortreten, unsre Auslastungen rechtfertigen und bekräftigen. Die social-demokratischen Wahlen in Berlin und die Vorgänge daselbst bei Gelegenheit der Entfernung des Di*. Dühring aus der philosophischen Facultät, wobei ein Theil der Bürgerschaft und eine nicht unbeträchtliche Zahl von Studenten sich mit den Socialdemokraten vereinigten, für eine Resolution zu stimmen, in welcher nicht nur gegen diese Remotion als einen Angriff auf die Lehrfreiheit protestirt, sondern auch erklärt wurde, daß das Heil der Gesellschaft nur aus der Socialdemokratie ersprießen könne, diese Ereignisse haben denn doch einige nachdenkliche Männer auf die allgemeinen Zustände aufmerksam gemacht, aus welchen jene betrübende Erscheinung hervorgegangen. Daß an eine Beschränkung der Lehrfreiheit hierbei gar nicht zu denken, da Dühring doch fortfahren kann, in Schriften seine socialistische Lehre zu predigen, und sich einen Zuhörerkreis in öffentlichen Vorlesungen schaffen kann, daß vielmehr keinem Collegium zugemuthet werden dürfe, ein Mitglied in seiner Mitte zu behalten, das nicht blos seine ganze Einrichtung und seinen Charakter, sondern auch seine Mitglieder fort und fort in der entehrendsten Weise schmäht und durch Schrift und Wort der Verachtung preisgiebt, ist einleuchtend. Schwerer wiegt es aber, daß ein Theil der Studentenschaft selbst sich solcher Einsicht verschließt, und den socialistischen Ansichten huldigt, obschon wir es häufig erlebt haben, daß gerade die demokratischsten Studenten, wenn sie aus ihrer halbwüchsigen Jugend in das Leben und die Staatscarritzre eingetreten, sehr reactionär wurden. Am schwersten jedoch, daß ein sehr beträchtlicher Theil der Bürgerschaft bei allen derartigen Gelegenheiten auf Seiten der Socialdemokratie sich stellt, wenn auch bei diesem Gebahren die Oppositionslust, die Zank- und Streitsucht keinen geringen Antheil hat. Aehnliche Erscheinungen in anderen Kreisen und bei Begegnung zahlreicher Individuen kann man täglich beobachten. Wir werden dies weiter unten auch auf dem Gebiete des Judenthums finden und besprechen. Man fragt nach der Ursache — und hierüber brachte jüngst die „National-Zeitung" einige kernige