Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1877)
- Date
- 1877-08-21
- Page
- Seite 542 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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542 „alten" als unter den „neuen" Juden aus allen Farben es an Männern nicht fehlt, die würdig und verständig von Religion überhaupt und von der jüdischen insbesondere denken und die sich ein warmes Herz und reges Interesse für unfern Glauben und unsre Glaubensbrüder bewahrt haben, nur bilden sie die Minorität. Ganz unberücksichtigt habe ich die Chassideischen Secten, welche bei uns stark vertreten sind, gelassen, weil ich deren Richtung, als, den geehrten Lesern dieser Zeitung, bekannt voraussetzen zu dürfen glaube. Sosind die Parteien und deren Richtungen, welche die jüdische Bevölkerung Rußlands, wie die, unserer Residenz ausmachen. Werden die verschiedenen Parteien im übrigen Rußland wenigstens äußerlich vom Gemeinvebande zusammengehalten, so geht unserer hiesigen Bevölkerung in Ermangelung einer Gemeinde, auch dieses Bindemittel ab. Wann wir eine Gemeinde haben werden, ist schwer zu sagen. Bon den mehr als 20,000 jüdischen Einwohnern Petersburgs, hat unsere sein sollende Gemeinde nur circa 50 Mitglieder. Was allen unfern Feinden durch tausendjährige rastlose Verfolgung nicht gelungen ist, das haben wir selbst in kurzer Frist glänzend bewerkstelligt, nämlich, den Juden den Glauben seiner Vater und seinen Glaubensbrüdern zu entfremden und die von Freund und Feind vielgepriesene beispiellose Einheit und Einigkeit Israels in der Zersplitterung in ihren tiefsten Tiefen zu verwunden und zu verletzen. Es giebt bei uns nicht blos eine äußere Judenfrage, d. h. eine solche, deren Lösung außer uns liegt, z. B. im Staat oder in der christlichen Gesellschaft, — die eigentliche, viel richtigere und zu lösen bei weitem schwierigere Judenfrage, ist eine innere, die wir selbst lösen müssen. Sollte etwa der Staat oder die christliche Gesellschaft in uns das Interesse für das Judenthum wecken, das bei uns immer mehr erlischt? Unser schlimmster Feind ist nicht die Intoleranz und Verfolgungssucht unserer ruchlosen Widerfacher, nein, es ist der Jndifferentismus unserer selbst. Diesen unfern schlimmsten Feind zu bekämpfen, die innere Judenfrage zu lösen und aus dem chaotischen Wirrwarr der Parteien und Richtungen hinausführen, dazu müßten wir jüdisch-gesinnte Männer haben, die durch gelstige Größe sich Ansehen und Autorität zu verschaffen wüßten und geeignet wären, durch gutes Beispiel, wie durch Wort und Schrift die bessergesinnten aus unserer Mitte um ihre Fahne zu sammeln und zu vereinigen, wie mit Energie und Consequenz, mit Umsicht und Einsicht zu einem gemeinsamen Ziele zu führen. Dieses Ziel ist, die Heiligthümer Israels Mofrismus und jüdische Solidarität, die, nachdem unser heiliges Land erobert und verwüstet, unser Tempel zerstört und in einen Schutthaufen verwandelt, wir in der Gefangenschaft über die weite Erde zerstreut und zersplittert, den schrecklichsten unmenschlichen Verfolgungen preisgegeben , uns als einziger, aber auch als würdigster Trost übrig blieben, diese Heiligthümer vor Entweihung und Schändung in Schutz zu nehmen, und vor dem drohenden Untergange zu retten. Aber solche Männer, die uns zu diesem hocherhabenen und heiligen Ziele führen könnten, Männer, wie sie Deusschland gehabt und noch heute hat, haben wir leider nicht. Und das ist jetzt eben das Schlimmste. Die einigen wenigen Männer der Wissenschaft, aus unserem Volke, die sich hier einen Namen verschafft haben, sind entweder nur „Männer der Wissenschaft" oder „Kosmopoliten"". Was gilt ihnen das Judenthum! Die Tonangeber bei uns sind „die Reichen"', und was sie als solche thun können, unterlassen sie nicht. Wo Geld nothig ist und helfen kann, sind sie stets bereitwillig dabei. Höchstens wäre von ihnen eine regere persönliche Theilnahme an unseren Interessen zu wünschen. Aber unsere Gebildeten und Gelehrten, was thun sie für unS? Mit stoischer Ruhe und heroischer Selbstverleugnung sehen sie zu, wie unsere Feinde in der periodischen Presse, wie in der täglichen Zeitung immer kühner und dreister ihre Galle auf uns ausschütten und uns brutal beleidigen und verleumden; unsere Namen beschimpfen und das Volk gegen uns aufreizen ungestraft. Sie sehen zu und schweigen. Wie verhalten sich nun unsere Rabbiner zu unserer innern Judenftage? Thun sie etwas oder sind sie überhaupt im Stande, etwas zur Lösung dieser Frage beizutragen? Diese Frage werde ich im nächsten Briefe beantworten, in welchem ich den Charakter und die Stellung unserer Rabbiner in den Gemeinden zu besprechen hoffe. Hier begnüge ich mich, offen die Fehler der hiesigen Bevölkerung darzulegen, denn nur da ist Heilung möglich, wo die Krankheit erkannt wird, — ist die Krankheit erkannt, so werden sich auch mit der Zeit Heilmittel finden lassen und die Heilung ist nur noch eine Frage der Zeit. F. G. Bonn, 5. August. (Notizen.) Einige hervorragende italienische Persönlichkeiten jüdischer Religion wandten sich an den Minister des Auswärtigen wegen der Unthaten, die in Darobana und Jassy verübt worden. Der Minister antwortete ihnen in gewohnter wohlwollender Weise und mit dem Versprechen, das Seinige zu thun, daß die Schuldigen bestraft würden. Im englischen Unterhause richtete Herr Simon wegen derselben Angelegenheit eine Anfrage an das auswärtige Amt. Der Unterstaatssecretär antwortete, daß die Nachrichten, die eingelaufen, die gemeldeten Greuel bestätigt hätten, daß die rumänische Regierung Gerechtigkeit ausüben wolle »nd die Anstifter verhaftet seien. (Bekanntlich sind sie jüngst wieder auf fteien Fuß gesetzt worden. Redact.) — Wenn wir oft genug Berichte über die Wohlthätigkeitsanstalteu in den größeren jüd. Gemeinden bringen, so geht doch die jüd. Opferwilligkeit vielleicht noch mehr aus dem hervor, was in den kleineren Gemeinden geschieht, und kann um so mehr zum Vorbilde für Letztere dienen. So liegt uns der Rechenschaftsbericht vor, welchen der Vorsitzende des israelitischen Armenvereins zu Bonn, Herr Max Kvhnstamm, über das verflossene Vereinsjahr erstattete. Der Verein — die Gemeinde