Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1877)
- Date
- 1877-08-21
- Page
- Seite 541 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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541 ganz andere Zeiten. Die Judenemancipation schreitet auch bei uns, wenn auch langsamen Schrittes, immer vorwärts und öffnet den Juden neue Bahnen, die ihnen bis jetzt verschlossen blieben. Und was die Gesetzgebung zu thun verabsäumt, das thut die allgewaltige Zeit des neunzehnten Jahrhunderts, welches mit elektrischer Schnelligkeit und mit Dampfkraft Alles umwandelt und umformet und Kräfte, die Tausende von Jahren in den tiefsten Schachten der Erde schlummerten, an's Licht zieht, ist auch tolerant genug, das emsige Häuflein Juden im dumpfen engen Ghetto nicht unberücksichtigt zu lassen, und wies auch ihm einen gebührenden Platz im Getriebe der gewaltig arbeitenden Maschinen der Welt an. Und der Jude griff auch hastig zu. So wurde er vom reißenden Strom der Zeiten aus seiner bisherigen abgeschlossenen und ausgeschlossenen Zurückgezogenheit herausgerissen. Die neue Zeit hat auch neue Bedürfnisse mit sich gebracht, diese wollen und müssen befriedigt werden und dazu eben gehört sehr viel. „Der Kampf um's Dasein", die Parole unserer Zeit ist nicht mehr ein simples physisches Handgemenge, es ist ein heißer erbitterter Kampf der Ideen, der Speculationsgeist trat in die Schranken. Oder, mit anderen Worten, die körperliche Anstrengung allein reicht nicht aus, den Anforderungen des modernen Lebens zu genügen. Man muß speculiren. Der unbändige rücksichtslose Geist der Speculation arbeitet fort und fort im Kopfe des alten Juden, wie in dem eines andern Speculanten, nimmt auch auf die Vorschriften des Schulchan-Aruch keine Rücksicht und macht auch zwischen bmb rata keinen Unterschied. Der Jude kann nicht mehr wie einst, in aller Gemüthsruhe dreimal täglich in der Synagoge sein Gebet verrichten und darauf gehabig sein Pensum Mischna oder Gemara studiren. Und wo sollte er auch die Zeit dazu hernehmen. Zeit ist Geld und Geld . . . Geld ist doch Geld. Nur winzig klein ist das Häuflein derjenigen alten Juden, die von der äußern vielbewegten Welt unbeeinflußt treu dem Glauben ihrer Väter noch der alten bewährten Frömmigkeit mit großer Hingebung leben. Auch unsere neuen Juden zerfallen in Gruppen. In erster Linie stehen Leute, die eine moderne Erziehung in öffentlichen oder privaten Schulen, oder an der Hand eines Privatlehrers genossen, in deren Erziehungsprogramm Religion, wie jede Kenntniß von dem Wesen und der Geschichte des Judenthums, zugleich ausfiel. Sie kennen das Judenthum einfach nicht und wisseu auch nicht seine große Bedeutung in der Culturgeschichte der Menschheit, fie kennen und wissen nur das Eine, daß ihre jüdische Abkunft in politischer, wie in gesellschaftlicher Beziehung ihnen hinderlich ist, daß der Jude fast allgemein verachtet und gehaßt wird, er glaubt auch zuweilen den Grund zu wissen, warum daS geschieht. Sind nicht ihre Stammesgenossen in Rußland schmutzig und schmierig, fanatisch und unwissend, — Schacherer und Wucherer. Warum wollen sie sich nicht redlich nähren im Schweiße des Angesichtes, wie der Bauer, und warum sind fie auch so hartnäckig und verstockt eigensinnig daS Christenthum nicht anzunehmen, würde es ihnen nicht tausendmal besser gehen rc. :c. rc. Daß ihnen die tragische Geschichte des Judevthums auf dergleichen Fragen leicht Aufschluß geben könnte, daß die Juden nicht immer so waren, wie sie jetzt sind, nicht überall so sind, wie sie in Rußland sind, und daß sie nicht so schlecht sind, wie sie vielleicht aussehen mögen .... Was gehen sie die Juden und deren Geschichte an. Soll er sich gar ihretwegen etwa den Kopf zerbrechen? Giebt es doch ein treffliches probates Mittel nicht mehr Jude zu sein, oder wenigstens nicht zu heißen. Man tauft sich, oder, wenn das nicht ganz in den Kram hineinpaßt, verläugnet man, daß man Jude ist und sagt sich rundweg von allen jüdischen Interessen los und — abgemacht. Diese Aufgeklärten sind aber bei weitem noch die schlimmsten nicht. Wir haben noch viel schlimmere und der Sache des Judenthums schädlichere Leute. Es sind meist die aus der Jeschiwa zu spät weggelaufenen jungen Leute, die wie ein Neu8 ex machina im Nu aufgeklärt wurden. Wer kennt nicht die verwahrloste und vernachlässigte Erziehung, die in der Regel unsere Jeschiwa Bochurim, die schon als Kind sich selbst überlassen werden, genießen. Wer kennt nicht, wie sinn- und planlos, ohne Methode und Kritik der Talmud in unseren Jeschiwas gelehrt wird. So erzogene und geschulte junge Leute machen sich nun mit einem Heißhunger, ohne Lehrer und Leiter, an die Wissenschaften. Lesen auf eigene Faust ein buntes Durcheinander zusammen. Treiben zu gleicher Zeit alle möglichen Wissenschaften und Künste höchst unwissenschaftlich, kunstlos und oberflächlich. Fangen bald in hebräischer Sprache zu fchriftstellern an und halten sich competent genug das Volk zu lehren und auf bessere Bahnen zu leiten. Durch ein solches buntes Treiben entsteht in ihren Köpfen ein Chaos, dem die Mißgeburten Eigendünkel und Größenwahnsinn entspringen. Diese fratzenhaften Dämone thun sich bald in einem ftivolen Verneinen und pietätlosen Verhöhnen alles Dessen, was als hoch und heilig gelten kann, kund. Alles Große und Schöne wird in den Staub gezogen, über Alles wird gespottet und gespöttelt. Ein solches Gebühren ist einerseits dazu angethan, Sand in die Augen zu streuen und sich den Schein von Ueberlegenheit zu geben und kostet bei allem dem nichts, höchstens ein Bischen Aberwitz, um es picanr zu machen. Ein solches Gebahren macht anderseits viel heißes Blut und die natürliche Folge davon ist Verfolgung von Seiten unserer Frommen und Heuchler, die nicht lange ausbleibt. Nun kommen sich solche Herren noch als edle Dulder und Märtyrer vor. Sie haben zu spät zu lernen angefangen, harten auch nicht vielleicht ausreichende geistige oder materielle Mittel, oder nicht die nöihige Geduld etwas Tüchtiges zu lernen und blieben auf halbem Wege stehen. Sie sind unglücklich, können nicht vornoch rückwärts. — Wer ist an ihr tragisches Schicksal Schuld? Wer anders, als die Religion! das Judenthum! So wird die Religion, die Ouelle des höchsten Guten, zum Uebel. So wird man, selbst Jude — Judenfeind. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß sowohl unter den 34