Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1877)
- Date
- 1877-08-21
- Page
- Seite 540 (sequence 8)
- Language
- German
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540 Da nun dieselbe aus allen Theilen unseres Vaterlandes zusammengewürfelt ein treffliches Conterfei in Miniatur der gesammten Judenheit Rußlands darstellt, so werde ich hier, nicht bloß von der hiesigen, sondern von sammtlichen russischen Juden sprechen. Selten trat in der Geschichte der Menschheit der Bruch mit der Tradition und Vergangenheit so jäh und schroff, der Contrast zwischen dem „Alten" und „Neuen" so kraß und grell auf, als es gegenwärtig bei uns der Fall ist. Zwischen den „alten" und „neuen" Juden liegt eine unendliche Kluft, die aber nicht selten in einer Spanne Zeit geschafft wird. Der heute als Musteraufgeklärter sich gebehrdet, war noch gestern Ultraorthodoxer. Doch kann man bei allem dem von einem Partei- oder Culturkampf nicht sprechen. Jeder Kampf setzt streitende Parteien voraus und solche giebt es bei uns nicht. Der Orthodoxe wie der Aufgeklärte geht gewöhnlich jeder seines Weges und bekümmert sich um den Andern nicht. Leider geschieht dieses nicht aus Toleranz und gegenseitiger Achtung, sondern umgekehrt, wegen der ausgesprochensten Intoleranz und Geringschätzung, welche sie, die Parteien, sich einander entgegentragen. Dieses, glaube ich, rührt daher, daß beide, die Orthodoxen, wie die Aufgeklärten, die Grundideen des Mosaismus nicht kennend oder verkennend, seine Schale für seinen Kern, das bizarre Aeußere, das er, der Mosaismus, im Laufe von Jahrtausenden, durch mannigfache Metamorphosen, angenommen hat, als sein inneres Wesen betrachten; und daher, während die Orthodoxen an alles von unfern Vätern Ueberlieferte, als ein unantastbares Heiligthum mit bewährter jüdischer Zähigkeit sich krampfhaft anklammern, werfen die Aufgeklärten mit der Schale den Kern und mit dem nebensächlichen Aeußern auch daS innere Wesen des Mosaismus weg und sehen auf ihn, von ihrer eingebildeten Höhe stolz verächtlich, als auf einen längst überwundenen Standpunkt herab und weisen ihm, als einem werthlosen Krimmskramms einen Platz in der Rumpelkammer der Geschichte an. Herrscht im Lager der Orthodoxen ein starrer, verknöcherter Formalismus, an Stelle der ewig reinen Ideen des Mosaismus, ein blinder, auf tiefer Unwiffenheit basirter Fanatismus, der nichts weniger als mosaisch ist, und hartnäckiges Widerstreben gegen Alles, mag es auch noch so groß und edel sein, was nicht durch ein graues Alter den Nimbus der Heiligkeit auf sich hat, — so herrscht im Lager der Aufgeklärten eine Religionslosigkeit, die ihr Beispiel sucht, und ein eiskalter Jndi ferentismus gegen das Schicksal Israels, der schon geradezu frivol ist. Hier gilt Jude sein eine Schande, die man nicht selten vor den Augen der Welt zu verbergen sucht. Daß unter solchen Umständen die Fahnenflüchtigkeit zuweilen als eine bloße Utilitätsfrage betrachtet wird, ist begreiflich. Aus diesem Lager sind auch so manche Renegaten berüchtigt, die bald unter der weltbeglückenden Maske der Mission, bald mit offenem Visir uns herzlos verfolgen und die niederträchtigsten Beschuldigungen anzetteln. Was Wunder, daß in den Kreisen dieser Aufgeklärten der Nihilismus, die moderne Krankheit der intelligenteren russischen Jugend, vorbereiteten und empfänglichen Boden findet, und daß dieser Geist der trotzigen Verneinung und der Lüge hier immer mehr um sich greift und sich schnell im Leben und Treiben geltend macht? Was Wunder ferner, daß von der nunmehr beträchtlichen Anzahl unserer Studirenden nur sehr wenige es zu irgend einer wiffenschaftlichen Bedeutung gebracht haben? Wie könnte es auch anders sein, wenn die zarteste und für die geistige Entwickelung des Menschen maßgebendste Seite der Seele, die Religion, in der Erziehung vollständig vernachlässigt wird? Ohne Religion kein Idealismus und ohne Idealismus nichts Großes. Die religiöse Erziehung macht das junge Herz des Kindes für alles Edle und Schöne empfänglich und lehrt den Menschen schon früh freiwillig entsagen und im Genußentsagen höheren Genuß finden, sie lehrt ihn das wahre Glück im höchsten Guten, in dem ewig Unvergänglichen, in der Idee suchen und für dieses Glück die schwankenden zweifelhaften Güter der Erde eivsetzen. Das ist ideal. Und dessen bedarf es vor Allem, um Großes zu leisten. Wer Kunst und Wissenschaft als Milchkuh betrachtet, wird unter Umständen viel Geld machen, selten oder nie aber Großes im eminenten Sinne des Wortes zu Tage fördern. Was Wunder schließlich, daß das Interesse für etwas Edleres und Höheres immer mehr erkaltet und abstirbt und daß Alles rastlos über Hals und Kopf rennt nach Erwerb und unermüdlich hascht und jagt nach Genuß; daß es keinen höhern Erwerb giebt, als den, welcher schwer als Goldgewicht in die Schale fällt, und keinen schönern Genuß, als den, der momentan die Sinne kitzelt? Der Nihilismus nimmt Einem Alles und bietet Nichts. Im Seelenleben des Menschen macht sich eine qualvolle und trostlose Lücke fühlbar und diese wähnt man, thörichter Weise, mit Sinnenrausch auszufüllen. Der Materialismus beraubt uns des Himmels und stellt zum Ersatz die Erde in Aussicht, die aber erst erobert werden muß. Man muß kämpfen. Man muß erobern, sonst — wozu lebt mau? Was hat man von diesem Leben I Daß man in der Wahl und in dem Gebrauch der Waffen es nicht genau nimmt, darf uns um so weniger überraschen, als das Völkerrecht der industriellen — viel weniger stabil, als die der politischen — Welt ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die geschilderten Verhältnisse sehr viel zu der gehässigen und erbitterten Stimmung der russischen Presse gegen die Juden beitragen. Ich muß nun bemerken, daß man nicht alle sogenannten „alten" oder „orthodoxen", wie „neuen" oder „aufgeklärten" Juden über einen Kamm scheeren darf. Die alten Juden von heute sind meistens trotz des Epitheton nicht mehr die alten Juden von einst, welche für die Religion unserer Väter Gut und Blut in die Schanzen schlugen und mit beispiellosem Heroismus sich in die lodernden Flammen des Scheiterhaufens stürzten. Unsere heutigen sogenannten alten Juden, obgleich sie äußerlich sich streng orthodox geriren, stehen in Bezug auf Jndifferentismus gegen das Judenthum nicht gar sehr den Aufgeklärten nach. Es sind auch