Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1877)
- Date
- 1877-08-21
- Page
- Seite 539 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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539 Menschheit ohne Unterschied von Stand, Stamm und Staat." — Ja unsere Königin Sophia s. A. hat in ihrer Leutseligkeit dieses Institut um seiner segensreichen Wirkung willen immer ganz besonders begünstigt. Und wie überhaupt in den Niederlanden die Gleichstellung aller Glaubensgenossenschaften tief gewurzelt, giebt auch diese Anstalt ein sichtbares Zeugniß. Sie zählt jetzt 116 Zöglinge sowohl von Israeliten als von de» verschiedenen christlichen Religionen; unter den ersten Gründern derselben, wie auch Direktor und Oberlehrer sind Israeliten; für den profanen Unterricht sind Lehrer aus allen Confessionen, und für den Religionsunterricht sind noch besonders geistliche Lehrer von den verschiedenen Culten angestellt. Subventionirt wird sie von Stadt, Provinz und Regierung mit etwa 12,000 fl. jährlich. Wo also von oben herab diese echt philanthropische Einrichtung gestützt wird, ist es auch kein Wunder, daß ein reicher Laudmann vor Kurzem für dieselbe ein Capital von 100,000 fl. legatirt hat! Großbritannien. London, im August. (Privatmitth.) In England ist die Lage der Judenheit dadurch eine eigenthümliche, daß sich zu der alten, nicht großen eingeborenen jüdischen Bevölkerung, die ihrer Abstammung nach dem spanisch-portugiesischem Ritus angehört, und darum ziemlich abgeschlossen ist, im letzten halben Jahrhundert eine massenhafte, vorzugsweise polnisch-jüdische Einwanderung gesellte. Zwischen beiden Theilen herrscht in jeder Beziehung eine große Verschiedenheit, im Culturstaude, im Bermögensverhältniß, in sittlicher wie in socialer Hinsicht, und selbst in religiöser betreffs des cultuellen Ritus. Um so mehr bethätigt sich hier das gemeinsame Band der religiösen Lehre und des religiösen Gesetzes. Denn die eingeborenen jüdischen Engländer nehmen sich dieser armen jüdischen Masse mit Wärme und Thatkraft an, so viel es nur die vorhandenen Mittel gestatten, welche der Größe der Einwanderung wegen allen Bedürfnissen nicht zu genügen vermögen. Als auf einen Beweis hierfür verweisen wir auf den 35. Jahresbericht der jüdischen Kinderschulen (lews Infant Schools) hin. Es sind deren zwei in der Commercial Street und in der Tenter Street, beide im Jahre 1841 gestiftet. Die staatliche Jnspection im Jahre 1876 hat die Resultate dieser Schulen für recht genügend erklärt. Es werden in denselben Kinder vom 2. bis 7. Jahre ausgenommen, und sie entlassen sie, wenn sie Lesen Schreiben und Rechnen, sowie Hebräisch lesen gelernt haben. Die Zahl der Kinder im Jahre 1876 war in der erstgedachten Schule 708, in der zweiten 326. Die Schulen stellen also sowohl Kinderbewahranstalten als eigentliche Schulen dar, und bei dieser Beschaffenheit versteht es sich von selbst, daß der Besuch kein durchaus regelmäßiger ist. Doch stellte sich der durchschnittliche Besuch in der ersten Schule mit 504, in der zweiten mit 182 heraus. Im Vergleich zum Jahre 1875 haben sich beide Schulen nach allen Beziehungen im Fortschritt begriffen wieder herausgestellt. Die Kinder werden von ihren Eltern des Morgens in die Schule gebracht, erhalten Frühstück und Bekleidung, wogegen die Mütter das Miltagsessen hinbringen und sie gegen Abend abholen. Wer es vermag zahlt eine kleine Remuneration, was der ersten Schule 96 Pfd. Sterl., der zweiten 34 Pfd. St. einbrachte. Die Kosten beider Schulen betrugen im gedachten Jahre 1970 Pfd. St. (39,400 Mark), die durch Freiwillige Gaben erzielt wurden. Unter den Hauptbesörderern dieses schönen Erzieh- und Schulwesens gewahren wir denn auch die hervorragenden Familien, welche immer und immer wieder erscheinen, wo es gilt, die jüd. Sache durch persönliche und finanzielle Opfer zu fördern, die Familie Goldsmid, Montefiore, Mocatta, Josephs, van Oven u. s. w. Türkei. Paris, 8. August. (K. Z.) Die israelitische HülfSgesellschaft hat aus Adrianopel vom 7. August eine Depesche erhalten, wonach 2000 Personen von Jenisaghra x) ohne Lebensmittel und Kleidung eintrafen. In Folge des Schutzes der türkischen Armee wurden wenige Israeliten getedtet oder verwundet; es ward um Eröffnung einer Sammlung zu Gunsten der bedrängten Israeliten in der Türkei gebeten. Rustschuk, im Juli. Bei dem Bombardement von Rustschuk, durch das 900 Häuser, fast ein Fünftel der Stadt, entweder ganz zerstört oder doch erheblich beschädigt worden, waren nächst der eigentlichen Türkenstadt die jüdischen Quartiere beliebte Zielpunkte der russischen Batterien. Die Synagoge ist fast ganz zerstört. Der materielle Schaden der jüdischen Bevölkerung ist verhältnißmäßig gering, weil die Israeliten gleich zu Anfang des Krieges alle ihre werthvollen Habseligkeiten in Keller, Magazine u. s. w. verborgen oder gar in andere Städte ausgeführt hatten. Traurig ist die relativ sehr hohe Anzahl von Opfern an Menschenleben, welche dieses Bombardement gefordert hat. Bis jetzt sind 27 Fälle von Todten und gegen 80 Bewundere, darunter 3 Todte und 6 Verwundete von der israelitischen Einwohnerschaft, amtlich constatirt worden. Rußland. Petersburg, 3. Aug. (Briefe aus Petersburg II.) In meinem ersten Briefe habe ich einige Punkte aus dem Leben der hiesigen jüdischen Bevölkerung herausgegriffen und sie allgemein besprochen. Nun möchte ich, meinem Versprechen gemäß, einzelne Punkte einer eingehenden Besprechung unterziehen. Vor Allem erachte ich es für nöthig, die geschätzten Leser d. Ztg. mit der jüd. Bevölkerung Petersburgs bekannt zu machen. t) Die Stadl südlich vom Balkan, wo Suleiman Pascha die I Russen geschlagen. R e d a c r i o n.