Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1877)
- Date
- 1877-08-21
- Page
- Seite 538 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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538 Man sieht, das Bedürfniß nach reichlichen Geldspenden macht erfinderisch und ausdauernd. Als sich vie Reform unter den Juden auszubreiten begann, glaubte die Mission eine nahe Erntezeit unter den, der Reform zugänglichen Juden vorauszusagen. Sie täuschte sich, und kam endlich zu der Ueberzeugung, daß gerade die Reform den Juden von Neuem Ueberzeugungstreue einflkßte. Das Missionswerk ging seitdem rückgängig. Sie warf sich daher auf die Orthodoxen, und gab diese als geneigten Ohres für ihre Sendboten aus, die sich auf die christologischen Auslegungen der h. Schrift stutzten. Sie fand sich abermals getäuscht, und nicht minder von den Strenggläubigen zurückgewiesen. Seitdem sind die Zeichen der Spaltung zwischen den reformistischen und den orthodoxen Juden die Symbole des Triumphs, auf welche die Mission hinweist. Daß sie sich auch hierin täuscht, daß gerade derartige Streitigkeiten die Parteien stärken und die Individuen in ihren Meinungen befestigen, weiß jeder Seelenkundige; denn nur da, wo gar kein Jntereffe, keine Lebensbewegung vorhanden, ist eine Zerbröckelung zu befürchten. Jetzt nun ruft die Mission vie neueste Gesetzgebung zu Hülfe, um einen Uebergang der Juden in das evangelische Lager vorauszusagen. Entweder diese Männer sind mit Blindheit geschlagen, oder sie wollen täuschen, und rechnen dabei auf die Unkenntniß der Sachverhältniffe. Die moderne Gesetzgebung hat bis jetzt auflösende Wirkung nur bei den Evangelischen, nicht bei den Juden geübt. Denn diese Gesetzgebung betrifft alle Coufessionen. Seit dem Jahre 1847 ist ausnahmsweise für die Juden Preußens die Civilehe eingeführt. In diesen dreißig Jahren haben sich aber alle jüdischen Brautpaare religiös trauen lasten mit Ausnahme äußerst Weniger, wo die Verheirathung gegen ein mosaisch-talmudisches Verbot stattfanv oder eine Anzahl Mischehen, die keinen jüd. Geistlichen zur Vornahme der Trauung fanden. Seit den wenigen Jahren aber, wo die Civilehe auch für die Christen zum Gesetz erhoben worden, ist die Zahl der christlichen Ehepaare, welche die kirchliche Trauung nicht verlangten, außerordentlich gestiegen und ebenso wirkte die Aushebung des Taufzwanges. Abgesehen von den großen Städten, berichtete der kirchliche Anzeiger z. B. aus dem Dorfe Strahlau, daß im Jahre 1876 bei 20 Berheirathungen nur 3 kirchliche Trauungen stattfauden, bei circa 200 Geburten nur 55 Taufen, und bei sämmtlichen Todesfällen nur 5 Bestattungen unter Mitwirkung von Geistlichen. Bei solchen Erscheinungen, die innerhalb des reformistischen wie des orthodoxen Judenthums gar keine Analogie finden, möchte doch wohl eher au eine anflöfende Gährung unter den Evangelischen als unter den Juden zu denken sein! Das Circular beruft sich auch auf die Friedhofsftage. Aber auch dies ist eine Täuschung. Denn gerade in dieser Frage zeigen die Juden aller Richtungen die unerschütterlichste Festigkeit und die größte Opferwilligkeir, sich ihre eigenen Friedhöfe zu erhalten oder neu herzustellen. Endlich bleibt jenem Circular noch das Austritlsgesetz. Was das allgemeine Austrittsgesetz aus Kirche oder Judenthnm betrifft, so hat es in den 4 Jahren seines Bestandes bei den Juden so gut wie gar keine Wirkung gehabt. Es sind von den 350,000 Juden in Preußen nur 5 Austrittsfälle vorgekommen, in welchen noch dazu kein einziger Uebertritt zum Christenthume stattfand. Aber auch das speciell für das Judenthum erlassene, den Parochialzwang aufhebende Austrittsgesetz, welches den Austretenden die Ersparniß der Steuer für die jüd. Gemeinde bringt, hat mit Ausnahme von Frankfurt am Main und Wiesbaden keinen nennenswerthen Erfolg gehabt, kaum zulammen ein Dutzend Personen, deren Motive zu Tage lagen, und auf welche die Spaltung in Reformer und Orthodoxe gar keinen Einfluß übte. Würden die Abfaffer jenes Circulars der Wahrheit der Thatsachen zugänglich sein, so müßten sie eingetehen, daß alle Stützpunkte ihrer Hoffnungen unhaltbar sind und nicht die geringste Veranlassung bieten, darauf hin für das Missionswerk Geld zu spenden. Tübingen, 9. August. (Privatm.) Wie bekannt, feiert in diesen Tagen die hiesige Universität ihr 400-jähriges Jubelfest. Wie es Sitte ist, wurde bei dieser Gelegenheit eine Anzahl ausgezeichneter Männer zu Ehrendoctoren creirt. Hierzu gehörten diesmal auch zwei Israeliten: Professor Ferdinand Cohn (Botaniker) in Breslau und Bernstein (als Naturforscher und populär-naturwissenschaftlicher Schriftsteller) in Berlin. Der von einigen Judenfeinden schon mehrere Male wiederholte Borwurf, daß die Juden auf naturwiffenschaftlichem Gebiete nichts leisteten, ist hierdurch abermals widerlegt. Holland. Rotterdam, 30. Juli. (Privatmitth.) Das rühmlichst bekannte Taubstummen-Justitut allhier unter der Direction des verdienstlichen Herrn Hirsch wurde den 19. d. überrascht von dem Kaiser und der Kaiserin von Brasilien in Begleitung vom Bürgermeister und mehreren Honoratioren. Mit besonderst Jntereffe erkundigte sich dieser intelligente Fürst nach allen Verhältniffen dieses Instituts und mir der größten Aufmerksamkeit beobachtete er den Unterricht. Und um eben den gewöhnlichen Gang desselben abzusehen, trat er mit seinem hohen Gefolge ganz unerwartet in die Wohnung des Directors. Sie begaben sich sämmtlich in die Schule, wo alle Klaffen in ihrer üblichen Thätigkeit begriffen waren. Ihre Majestäten brachten eine Stunde hier zu, um Alles genau kennen zu lernen. Beim Heimgehen gaben sie dann auch ihre volle Zuftiedenheir darüber zu erkennen. Dieser ehrende Besuch wurde besonders veranlaßt von unserer vielgeliebten, jetzt leider tief betrauerte» Königin, die einige Zeit vor ihrem Hinscheiden die Aufmerksamkeit des Kaisers nachdrücklich auf dieses Institut geleitet mit den Worten: „Wenn Ähre Majestäten nach Holland kommen, müffen Sie vor Allem die merkwürdige Taubstummen-Anstalt in Rotterdam besichtigen: j denn diese arbeitet zum Heile für so viele Unglückliche in der