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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-08-14 · Heft 33 (14.8.1877) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 33 (14.8.1877)
Date
1877-08-14
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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527 Reckt in die Wolken seine hohle Stirn, Weil federleicht im Schädel das Gehirn, Schaut immer aufwärts zu den hohen Sphären, Als wollt' er Schicksals-Räthsel Dir erklären. Ihm fehlt nur Eins; er hat zu wenig Zeit, Zu viel zu thun, ist deshalb sehr zerstreut; Da sind Berechnungen zu registriren; Er muß für combinirte Fälle disponiren, Prophetisch ahnen manche Conjuncturen Und sie verfolgen auf geheimsten Spuren. Der weise Salomo in seinem großen Reich, War ihm in Plan und Ausführung kaum gleich. Gönnt sich der Vielbeschäftigte ein Stündchen Ruh', So wird sie auch gar wohlbenutzt, und zwar dazu, Än nachbarlichen, neiderfüllten Kreisen Sein Wissen und Talent sehr hoch zu preisen; Erzählt, wie rasch sich seine Schätze mehren, Wie man ihn überschüttet mit den höchsten Ehren. Und in der That, man wird nicht müd' und satt, Zu reden und zu rühmen in der müff'gen Stadt Von seinen Gärten und den schönen Pavillons, Und seinen Sommerhäusern in den Environs Mit allen Kunst-, Comfort- und Luxusgegenständen, An Reiz und Pracht wahrhaftig zum Verblenden. Wie Burgen ragen stolz und feste, Die Häuser, die er baut, und die Paläste. Die Felder macht ertragreich er durch die Cultur Und nirgends sieht man eines Unfalls Spur. Und doch ist dieser Mann ein Bettler an Verstand, Für ihn ist Wiffenschaft ein unentdecktes Land, Hat nichts gelernt, darum auch nichts vergessen. Sein Urtheil aber über Alles höchst vermessen, Und er hoffärtig gar, wie ein Tyrann sich spreizt, Durch den geringsten Widerspruch zum Zorn gereizt, Den Biele schon so schmerzlich mitempfunben, Die durch des Dienstes Noth an ihn gebunden. Possierlich aber ist's, wenn zu berathen Für's allgemeine Wohl die Pläne und die Thaten, Die Aeltesten der guten Stadt sich sammeln. Den stolzen Reichen hören eine Rede stammeln. Er denkt ja wie er spricht, und spricht — als Radebrecher, Und ist trotz alledem der lauteste der Sprecher. Er führt das Wort, obgleich ergraute Weise Und hocherfahr'ne Männer sind im Kreise, Bor seinem Stolz mag sich die Weisheit beugen. Wenn er bramarbasirt, muß Jeder sofort schweigen. „Mein JaV, tobt er, „und auch mein Nein, „Muß ein für alle Mal Gesetz hier sein! „Sprecht! Wem von Euch hält' ich zu weichen? „Wer wagt es wohl, mit mir sich zu vergleichen? „Wer hat die Stadt denn so in Flor gebracht, „Den Handel und Verkehr lebendiger gemacht? „Wo wäre die Gemeinde hingerathen, „Wenn sie nicht förderte der Einfluß meiner Thaten? „War Industrie und Wohlstand nicht gestört, „Als man noch meines Raths und meiner Macht entbehrt? „Wer hat vom Bürgerthume abgewendet Noth, „Mit der schon schwere Zeiten oft gedroht? „Wer hat Verdächtigungen und Beschwerden „Entkräftet stets bei Fürsten und Behörden? „Wer hat gehemmt des Glaubenshasses Hetze, — „Und abgewandt die Schmach entehrender Gesetze? „Das konnte nur der reichen Opfer Macht, „Die ich dem allgemeinen Wohle Hab' gebracht. „Mein Einfluß hat die Schranken all durchbrochen; „Denn da, wo er nicht hals, Hab' ich mit Gold bestochen. „Es ist nun einmal so auf dieser Erdenwelt, „Es giebt nur einen starken Hebel, unv der heißt: Geld! „Wer ihn nicht hat, darf in gedrückten Lagen „Zu deren Hebung auch den Versuch nicht wagen; „Die Tröstung ohne Macht ist eiteles Betrügen, „Dem Schwachen ziemt's, demüthig sich zu fügen; „Es hört sich nichts possierlicher wohl an, „Als kluger Rath von einem armen Mann! „Wer nach dem Wort die That nicht auch kann zeigen, „Thut besser b'ran, bescheiden ganz zu schweigen." So spricht der Prahlhans, und man sollte meinen. Er würde bald als Schutzhort auch erscheinen — Doch nein! Die tägliche Erfahrung hat bewährt, Was schon die Weisen früher Zeit gelehrt: „Die Reichen seien, wie der Erde Angesicht, „Das blumig schön nach Außen viel verspricht, „Doch streift man ihr die äußere Hülle ab, „Geräth man auf Gewürm, auf Moder nur und Grab!" So wird das große Wort zur eitlen Prahlerei Und die Verheißung auch zu purer Heuchelei. Versprechen mag der Geck, verschwendrisch wie ein König, Doch was er hält, ist weniger noch als wenig. Ich hab's unzählige Male mit eigenem Ohr vernommen. Wie solch ein Prahlhans sich im Sprechen übernommen, Wo's galt, einfältige Menschen zu erregen. Durch Vorspieglung die Herzen zu bewegen. Da schwärmte er ohn' Grenzen weit und breit. Unmöglichstes ist ihm nur Kleinigkeit; Jedoch, wenn's galt, zu lösen durch die That Was er so feierlich erst angelobet hat, Die wachgerufenen Wünsche zu erfüllen. Die Noch zu heben und den Schmerz zu stillen. Da wird es klar — das Lügenmaul hat gelogen, Der Redlichen Vertrauen ward betrogen! 33*

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