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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-08-07 · Heft 32 (7.8.1877) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 32 (7.8.1877)
Date
1877-08-07
Page
Seite 511 (sequence 11)
Language
German
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511 gilt von Schulbüchern überhaupt. Wenn beispielsweise in einem geographischen Lehrbuche angegeben ist, daß sich die Menschen in Rücksicht der Religion theilen und mit den Juden die Christen und die Muhammedaner aufgeführt werden, so ist dagegen selbstverständlich nicht das Mindeste einzuwenden. Würde aber der Verfasier eines geographischen Lehrbuches in ähnlicher Weise, wie es in demjenigen Dolzer's (Hannover, 1829, Verlag der Hahn'schen Hofbuchhandlung, S. 25) geschieht, sich vernehmen lasten: „Noch leben in Europa zerstreut Juden und Zigeuner", so wäre dies eine Form, die dem betreffenden Leitfaden in der Jetztzeit fein Verbleiben in öffentlichen Lehranstalten unmöglich machte. Auf die Form kommt es wesentlich an, und in dieser Beziehung lobe ich mir unter unseren Dichtern Chamiffo. Während besten Zeit- und auch Allersgenoste Rückert einem Borurtheile Nahrung zuführt — was zu seinem Ausspruche in den Makamen: „Milde ist eine Tugend" in keinem richtigen Berhältniste steht: brandmarkt Chamiffo eben dieses Vorurtheil, das sich wie eine ewige Krankheit sortgeerbl; er zeigt das ewige Walten der Nemesis, die den Meister Niklas endlich doch erreicht, als er sich nur noch lachend erinnert, einst einen Juden im Walde erschlagen und ihn seiner ganzen Baarschaft von acht Pfennigen, einer Baarschaft also beraubt zu haben, die nicht vom Erlöse für goldene Blatter herrühren konnte. Wünschenswerth, recht nothwendig wäre es vom Standpunkte der Pädagogik, daß, den humanen Anschauungen und Bestrebungen der Gegenwart entsprechend, jenes Rückert'sche Gedicht entweder in Schullesebücher gar nicht mehr ausgenommen, oder aber, wenn es doch erhalten werden soll, an jener Stelle — durch Substituirung eines andern Wortes für „Jude" — abgeändert würde. „Vom Standpunkte der Pädagogik", sage ich, denn es kommt hierbei das Wohl der gesammten deutschen Schuljugend in Betracht, welcher zu wünschen ist, daß ihr Geist nicht in Festeln von Vorurtheilen geschlagen, daß ihrem kindlichen Gemüthe nicht ein Bild vorgeführt werde, durch welches sich ein dauernder, unvertilgbarer Haß unter Genoffen ausbildet, welche später gemeinsam das Wohl des Vaterlandes erstreben, erringen und, erforderlichen Falles, erkämpfen sollen. Ob nun eine wie angedeutete Aenderung sich vornehmen, ob der eine oder der andere Präcedenzfall sich dafür finden laste? Zunächst möchte ich hier nur eine öffentliche Erörterung dieses fraglichen Punktes bei lieben Berufsgenosten im Predigt- und Schulamt angeregt haben. Erklärt sich aber ein größerer Theil derselben bei genauer Erwägung des nur scheinbar unbedeutenden Gegenstandes zu collegialem Vorgehen bereit, so wird ein bezügliches Bittgesuch an die königl. Staats- und Schulbehörden seine Wirkung nicht verfehlen. Trüge auch ein solches Gesuch den Stempel des Egoismus an sich, so dürste man gleichwohl um eines höhern Zweckes willen, nicht anstehen, einem lebhaft empfundenen Wunsche entsprechenden Ausdruck zu geben. „In der Schule liegt die Zukunft". Die Schule verhält sich zum Leben, wie die Aussaat zur Ernte. Auch auf dem Felde des Geistes ist, wie Plato in dem oben angeführten Satze lehrt, die sorgfältige Pflege gerade der jungen Sprossen von der größten Wichtigkeit. Bemerkung der Redaction. Unser gesch. Herr Mitarbeiter verlangt auch unsre Ansicht zu kennen. Sie ist die folgende. So wenig wie Ellern im Stande sind, ihre Kinder in zarterem oder reiferem Alter vor allen Schwierigkeiten, Prüfungen und Geschicken zu bewahren: ebenso wenig vermögen wir die israelitische Jugend vor allen Kränkungen, die ihr wegen ihrer Religion und wegen ihres Stammes zu Theil werden, vor allen Spuren der Borurtheile und der Gehässigkeit zu schützen, auf die sie stoßen wird. Wir müßten uns mit der ganzen Welt herumschlagen, und würden doch nicht zum Ziele gelangen. Der Verfasser könnte z. B. ebensogut die vielverbretteten geographischen Lehrbücher von Daniel aufschlagen, um stets Juden und Zigeuner nebeneinander zu treffen. Was wir dagegen zu thun haben? Erziehen wir unsre Jugend zum vollen Bewußtsein ihrer Religion und Geschichte, und dann zu wahrer Bildung und bürgerlicher Tüchtigkeit. Sie werden dann gerüstet sein gegen alle derartigen Verwundungen und die Christen werden sich umsehen, nach den Juden, die jenen Carrikaturen gleichen und sie nicht mehr finden. Dann werden jene schiefen Zeichnungen immer mehr verschwinden. Rückert hat doppelt gefehlt, denn er sagte nicht „Ging ein Jude", sondern „Ging der Jude", als wenn er mit dem Juden gar keine andere Vorstellung verbunden hätte als die der personificirten Habgier mit langem Sack und langem Bart. Daß es nicht erst eines Juden bedurfte, um die goldenen Blätter abnehmen zu sehen, sondern daß hierzu der erste beste Christ ebenso tauglich war, brauchen wir nicht hinzuzusetzen. In dem Gedichte könnte es ganz einfach heißen: „Ging ein Räuber durch den Wald mit großem Sack und großem Bart." Sieht man keinen Juden mit großem Sack und großem Bart oder nur höchst selten, so wird Rückerts Vers auch nichts mehr schaden. Vermischtes. Ein schönes Wort Johann Jakoby's. In einem Aufsatz: „Der freie Mensch, Rück- und Vorschau eines Staatsgefangenen" sagt Johann Jakoby unter Andrem: „Die Weltgeschichte ist die stetig fortschreitende Entwicklung der menschlichen Erkenntniß — und Erkenntniß ist der Weg zur Menschenliebe und zum Menschenglück. Es genügt nicht, daß wir selber frei, gut und glücklich sind; zu unserer Glückseligkeit gehört auch, dahin zu wirken, daß die Anderen derselben theilhaftig werden. Dies Streben edler Menschenfreunde und andererseits der Widerstand, welchen Selbstsucht und träge Gewohnheit entgegenstellen — das ist seit Anbeginn der Dinge bis heute

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