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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-08-07 · Heft 32 (7.8.1877) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 32 (7.8.1877)
Date
1877-08-07
Page
Seite 510 (sequence 10)
Language
German
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510 Zleuilleto«. Eine literarische Frage. Bon Dr. S. Cohn in Oels. ^Ood'tös kan Ttöv vi(ov txouixov imjtisXr]- &rlrm, öcrcos taovxai oxt aoioxoi, cogtieq yecooyov aya 9~( v x<Zv vttav (pvxcöv eixuS Ttocüxov i7lifi£/.rtd'rivcu, fxexa. Si xovxo y.al rcäv aXi.cov. Plato. Wird die erziehliche Thätigkeit der Schule seit einem Jahrzehnt, namentlich in ihrer vollen, hochwichtigen Bedeutung, allgemein anerkannt und ist nunmehr in gesetzgebenden und schulbehördlichen Kreisen das Streben darauf gerichtet, wie durch Aufhebung der sogenannten Armen- und durch Errichtung von Simultanschulen, so auch im Besondern durch Einführung von Lesebüchern, die in weiser Mäßigung keine Confesfion verletzen, den pädagogischen Grundsatz Diesterweg's zur Wahrheit werden zu lassen, daß die Schule die ihr anvertrauten Zöglinge einen, nicht trennen solle: so dürfte es wohl an rer Zeit sein, die Erörterung eines Punktes anzurcgen, der ganz gewiß schon manches jüdische Herz betrübt, verwundet hat. Ohne jeden Umschweif nenne ich jenen Punkt. Er ist ein einziges Wort nur, aber ein ungehöriges, verletzendes an seinem Platze — in dem Gedichte Friedr. Rückert's: „Vom Baumlein, das andere Blätter hat gewollt." „Aber wie es Abend ward, Ging der Jude durch den Wald Mit großem Sack und großem Bart." Wußte etwa der gedankenreiche Meister der Sprache, dem die goldenen Früchte des Dichterruhms aus den Blüthen der orientalischen Poesie erwuchsen, nur einen Juden als den Plünderer der „goldenen Blätter", wußte er die Hab- oder gar Raubsucht unter keinem andern als dem von ihm gewählten Bilde darzustellen? Oder vermeinte der Poet, mit letzterm den Dank derjenigen seiner Leser zu ernten, die unseren Stammgenoffen so gern das „virius posi nummos“ als deren vermeintlichen Wahlspruch andichten? Beides bleibt dahingestellt. Das aber steht unumstößlich fest: der in Vorstehendem citirte Vers trägt das Signum einer durch Voruriheile nächtlich trüben, jener sogenannt alten, guten, frommen Zeit an sich, in welcher die Schmähung einer Religionsgesellschaft, die Beschimpfung einer ganzen Klaffe von friedliebenden und treuen Bürgern ungestraft hingehen konnte. Wäre Rückert noch am Leben, so hätte ich an ihn einen eben solchen Brief, wie jüngst an den Verfaffer einer lateinischen Grammatik gerichtet, der drei das Judenthum recht beleidigende Sätze in die „Uebungsaufgaben" ausgenommen hatte. Nachdem ich den Herrn Gymnasiallehrer auf das Unpaffende und überdies Falsche der in jenen Sätzen gemachten Angaben hingewiesen, forderte ich ihn auf, binnen acht Tagen die Erklärung abzugeben, in einer zu veranstaltenden neuen Auflage das Gerügte wegzulafsen, widrigenfalls ich nach verstrichener Frist bei dem königl. Cultnsministerium die Entfernung des betreffenden Lehrbuchs aus lämmtlichen preußischen Gymnasien erbitten würde. Nach drei Tagen schon traf die Antwort nebst entsprechender Zusicherung ein und die Sache war damit privatim erledigt. Ein ganz anderer ist aber der vorliegende Fall. Fort und fort erscheinen neue Gedicht- und Schullesebücher und in einem großen Theile derselben blüht immer wieder das Bäumlein mit den anderen Blättern auf. Das „Bäumlein" ist nicht mehr das Eigenthum eines Einzelnen, es gehört jetzt der deutschen Nation an, und da frägt es sich nur, ob der gegenwärtige Besitzer eine Aenderung an dem Erbe vorzunehmen berechtigt, resp. gewillt ist. Fällt eine dahin zielende Frage verneinend aus, so mag das Erbe durchaus unangetastet bleiben, aber auch unerwähnt in den Lesebüchern derjenigen Schulklaffen, deren Jnsaffen noch in zartem und darum für gewiffe Dinge um so empfänglichern Lebensalter stehen. Noch erinnere ich mich des peinlichen Gefühls, das mir die Schamröthe in's Gesicht trieb, da ich einst als Primaner bei der Lectüre des Horaz die Verse vorzuübersetzen hatte, in welchen das famose: „crcilat Juüaeus Apella“ enthalten. Allein auf den bereits entwickelten, wohlwollenden Charakter der meisten meiner christlichen Mitschüler konnte die erweislich nur vom Zaun gebrochene Bemerkung des alten Römers ebensowenig einen schädlichen Einfluß ausüben, wie jener Satz in Georg Weber's Literaturgeschichte es vermöchte, in welchem er, der Herr Profeffor, eine gewisse destructive Gattung der Literatur den jüd. Schriftstellern — von den zum Chrifienthum übergetretenen Autoren Heine und Börne ist die Rede — ob dem „ihrer Nation innewohnenden Jnstincte für das Gewinnbringende, Vortheilhafte und Zeitgemäße" zuschreibt. Wenn dahingegen ein Sextaner oder Quintaner das hier bereits erwähnte Röckert'sche Gedicht für den Actus einübt, welchem überdies, bei der starken Frequenz höherer Unterrichtsanstalten seitens israelitischer Schüler, viele angesehene Bürger jüdischer Confesfion beiwohnen; ja, wenn die Schüler derjenigen Anstalt, in deren Lehrplan nunmehr der jüdische Religionsunterricht ausgenommen, sich den Juden so vorstellen, wie Rückert ihn darstellt: welches Mißverhältniß wird da zwischen christlichen und jüdischen Knaben entstehen und mit welcher gewissermaßen anerzozenen Geringschätzung werden christliche Schüler auf den jüdischen Lehrer herabsehen, der — nebenbei sei es bemerkt — um 11 Uhr vielleicht in dieselben Räume tritt, in welchen eine Stunde früher die Declamation jenes Gedichtes schallendes Hohngelächter hervorgerufen hat! Daß der Name „Jude" in einem Schullesebuche gar nicht erwähnt werden solle, meine ich durchaus nicht; es kommt dabei lediglich auf die Form an, in welcher dies geschieht — und dies

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