Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1877)
- Date
- 1877-07-31
- Page
- Seite 492 (sequence 8)
- Language
- German
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492 Ordinariat will aber allein ein Recht besitzen. Was nun die Israeliten anbelangt, so würden sie, da sie wahrscheinlich Anstand nehmen würden, ihre Angehörigen auf einem „christlichen" Friedhof zu begraben, einen entsprechenden abgesonderten Raum erhalten. Nimmt die Regierung die Vermittlung an, so kann dabei nur das Ordinariat gewinnen; denn im Falle daß die Frage zur gesetzlichen Entscheidung an das Ministerium gelangt, könnte dieselbe nach dem Sinne des Gesetzes vom 25. Mai 1868 nur dahin lauten, Laß der Friedhof ein paritätischer, d. h. confessionsloser sein müsse. Frankreich. Paris, 18. Juli. (Privatmitth.) Was schon so oft beobachtet worden, wo eine besondere politische Constellation, ein Conflict der Parteien eingetreten, das zeigt sich auch gegenwärtig hier zu Lande seit dem 16. Mai in der kritischen Lage, in welche Frankreich in seinem Innern gerathen ist. Es giebt keine jüdische Partei, sondern es finden sich Juden in der Mitte und an der Spitze aller Parteien; ja solche Parteien selbst, die man nach ihren Tendenzen als judenfeindlich, als in früherer oder späterer Zeit die Jntereffen des Judenthums und der Juden gefährdend ansehen muß, erfahren von Jucen Unterstützung. Wir meinen nicht, daß dies eine sehr rühmliche oder nützliche Erscheinung ist, aber sie ist eine Thatsache, die man jener so oft gehörten Fiction, als ob die Juden eine einzige politische unv sociale Cameradie bildeten, entgegenhalten muß. Bekanntlich stehen sich in Frankreich überhaupt unv seit dem 16. Mai wieder ganz besonders die republikanische Partei auf der einen, die drei monarchischen Parteien auf ver anderen Seite zu schwerem Kampfe gegenüber. Heute hält sich Vieser noch auf den verfasiungsmäßigen Wegen; ob er aus diesen Bahnen schreiten und zu einer unheilvollen Verwirrung führen werde, wer kann dies sagen? Die republikanische Partei zählt in allen Nuancen Juven unter den thätigsten Mitglievern, an ihrer Spitze nennen wir nur den Senator Herrn Crömieux. Dagegen haben soeben die Herren Rothschilv eine halbe Million Franken zur Kaste des Wahlcomites der Conservativen, d. i. der vereinigten monarchischen Parteien gesteuert, und ein anderer Israelit 200,000 Frcs. Bei der Freiheit, in politischen Fragen seiner persönlichen Ueberzeugung nachzufolgen, ließe sich hiergegen gewiß nichts sagen: denn aus höherem Gesichtspunkte hält ja selbst die gegenwärtige französische Berfastung für 1880 die Frage noch offen: ob Monarchie, ob Republik? Aber ebenso sicher ist es, daß mit dem Siege dieser „conservativen" Partei der Klerikalismus in Frankreich zur vollen Herrschaft gelangen, und diesen Sieg benutzen werde, um alle Institutionen vem Syllabus gemäß zu verändern unv sich möglichst tief einzuwurzeln. Daß jüdische Hänee zu diesem Siege mithelfen, jenem Ultramontanismus dienen, welcher auch an der Seine das Judenthum mit Schmähschriften überhäufte — das ist doch das Aergerliche dabei! Türkei. Aus der Türkei, im Juli. Bei den Bombardements der türkischen Festungen haben auch die in denselben wohnenden Juden außerordentlich gelitten. In Rustschuk, dessen Bombardement plötzlich eintrat, so daß die Bewohner keine Vorbereitungen treffen konnten, wurden sehr viele, namentlich Frauen und Kinder, von den Granaten erschlagen und verwundet, die Hauser eingeäschert, so daß keine Familie ohne Todte oder Verwundete ist. In Wivdin trat Hungersnoth ein, und die dort wohnenden 700 Juden, von denen die meisten sehr arm sind, leiden die höchste Noth. —. Die bulgarische Stadt Nikopolis, welche in diesen Tagen von den Russen eingenommen wurde, hat neben 900 osmanischen 25 israelitische Häuser, welche sich nahe der verfallenden katholischen Kirche zu einem eigenen Viertel gruppiren. Diese 25 Häuser, zum Theil von europäischem Anstriche, werden von spanisch-jüdischen Familien bewohnt, welche eine ziemlich rege Getreide- und Rohwaaren-Ausfuhr betreiben. Rußland. Warschau, 10. Juli. (Privatmitth.) Jedes Zeichen eines ehrenden Andenkens giebt sowohl für den Werth und die Bedeutung dessen, dem der Act der Erinnerung gefeiert wird, als auch für die Würdigung der Verdienste desselben, für die Erkenntnis daß er den rechten Weg gegangen, offenbare Kunde. Von diesem Gesichtspunkte ist es hervorzuheben, daß heute allhier der 25-jährige Sterbetag des am 10. Juli 1852 verstorbenen Directors des damaligen Rabbinerseminars Eisenbaum feierlichst begangen wurde. In dem schwarz ausgeschlagenen Tempel, der von schwarzen Kerzen erhellt wurde, versammelte sich eine dichtgedrängte Masse Theilnehmender, welche mit bewegtem Herzen den Gesängen und der ergreifenden Rede des hiesigen Predigers, vo. Klüger, lauschten. Eisenbaum hat um die hiesigen Israeliten und deren Bildung unsterbliche Verdienste. Bon armen Eltern geboren (13. Mai 1791), in einem Cheder unterrichtet, wie dies zur Verkrüppelung des Geistes noch heute geschieht, wußte er, von Wissensdrang getrieben, in ein Gymnasium zu gelangen, erhielt dann die Stelle eines Translators der französischen und deutschen Sprache und faßte den Plan, eine jüdische höhere Bürgerschule zu gründen, gab eine Zeitschrift in polnischer und jüdischer Sprache: „Der Beobachter an der Weichsel" heraus, und erreichte am 26. Novbr. 1826, nach Ueberwindung außerordentlicher Schwierigkeiten, vorerst sein Ziel, eine sg. „Rabbinerschule" zu eröffnen, zu welcher er freilich sich erst die Schüler, und dann die Mittel, diese zu ernähren, erbetteln mußte; in dieser Schule wurden alle profanen Wissenschaften von den besten Lehrkräften unterrichtet. Rabbiner gingen aus derselben nicht hervor, wohl aber über 1200 Schüler, Aerzte, Advocaten, Kaufleute u. s.w.