Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1877)
- Date
- 1877-07-24
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
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480 schwundenen Glauben wieder zu entzünden und die in den Sumpf des Lasters und der Verdorbenheit gesunkene Geistlichkeit zu reformiren. — Seit dem Tode Pius II. hatte jene abscheuliche Sittenlosigkeit der Päpste begonnen, die später in Alexander VI. (Borgia) ihren Gipfel erreichte. — Aber seine innige Liebe zum Volke zog Savonarola auch in's politische Leben hinein. Florenz, wo er stch in dem Kloster San-Marco befand, wurde damals von Piero von Medici mit List und Grausamkeit regiert. Alle republikanischen Freiheiten waren vernichtet. Savonarola's hinreißender Beredtsamkeit, die er in seinen in der starkbesuchten Kirche von San-Marco gehaltenen Predigten entfaltete, gelang es, das Volk von Florenz aus seiner Gedankenlosigkeit aufzurütteln. Piero von Medici wurde verjagt, die Oligarchie abgeschafst und eine demokratische Republik hergestellt. Alles Uebrige und Dazwischenliegende im Leben dieses Märtyrers übergehend, will ich nur noch Folgendes von seinem Ende mittheilen. Savonarola, der Volksversührung angeklagt, vom Papste excommunicirt, wurde, obgleich er unter der erdenklichsten grausamsten Folter, die ihm die Glieder verrenkte und die Muskeln zerriß, nichts als seine Unschuld bekannte, zum Tode verurtheilt und nebst seinen zwei Getreuen, die ihn in seinem edlen Berufe unterstützten, am 23. Mai 1498 hingerichtet. Zuerst wurde er gehenkt und dann verbrannt. Und das Volk, dem zu Liebe Savonarola Alles gethan und gelitten, war maffenweise herbeigeströmt und labte sich an dessen Martern und Oualen. — Dieser Savonarola war es, von welchem der rubricirte Brief herrührt, er ist ein Autograph. Im Jahre 1493 nämlich wollten Juden in Lucca ausgenommen werden. Ich vermurhe, daß es -nso von den aus Spanien Vertriebenen waren. Die Bürgerschaft, resp. der Senat, war getheilter Ansicht. Die Gegner beriefen sich auf die canonischen Gesetze, welche die Aufnahme der Juden verbieten; die Beschützer der Juden hingegen auf eine vom Papste Nikolaus erlassene den Juden günstige Bulle. In diesem Streite wandte sich die Regierung von Lucca an verschiedene Autoritäten der Theologie und des Kirchenrechts und unter Andren auch an Savonarola. Das Gutachten desselben ist in dem hier mitgetheilten Briefe enthalten. Derselbe wurde von dem Historiker Bongi in einem Bande des Staatsarchivs von Lucca (Serie A. Schrank XXII. No. 201) sammt vielen andern auf diese Angelegenheit bezüglichen Documenten entdeckt und im Juli 1859 in dem Giornala siorico rc. zum erstenmale verössentlicht. An die erlauchten Herren Aeltesten und den Gonfaloniere di Giustizia des Volkes und der Republik von Lucca, hochzuverehrende Herren in Lucca. Erlauchte und verehrte Herren! Da die Juden, wie St. Thomas lehrt-), Zeugen unsres Glaubens sind:5), so sollen sie 2) „St. Thomas lehrt". Dies ist St. Thomas Aquinas. Schon in seiner Jugend zogen ihn die Schriften dieses Scholastikers mit einer solchen Gewalt an, daß er sich gante Tage lang wie in einem Zustande der Exstase in sic vertiefen konnte. M. 3) „Die Juden sollen Zeugen unsres Glaubens sein". Wie der aus den christlichen Staaten nicht vertrieben werden, indem der Psalmist 4) sagt: Erwürge sie nicht, daß es mein Volk nicht vergesse; zerstreue sie aber mit deiner Macht. Daher können die Christen ohne Gefahr für ihr Gewissen den Juden Häuser vermiethen und mit ihnen verkehren, wenn sie nur darauf sehen, daß ihre Aufnahme nicht gegen das natürliche oder göttliche Recht verstößt, und wenn sie alle Gesetze und apostolischen Statuten beobachten, die durch die Bulle des Papstes Nikolaus5) nicht aufgehoben werden. Indem nun diese Bulle gestattet, die wuchertreibenden Inden aufzunehmen, nicht aber sagt, daß man sie aufnehmen dürfe, damit sie Wucher trieben, so bewahrt sich der Papst vor einem Widerspruche gegen das göttliche und natürliche Recht. Denn ich glaube, daß der Papst nimmermehr erlaube, die Juden aufzunehmen, damit sie Wucher treiben, denn die dialektische Regel sagt: waS in böser Absicht geschieht, daß ist auch an und für sich böse und kann also auf keine Weise gut werden. Denn was seiner Natur nach böse ist, daß kann Niemand gut machen. Dagegen können die Juden ausgenommen werden, nicht damit sie Wucher treiben, wohl aber damit sie im Staate wohnen, um anderer Vortheile des Staates willen; und Zusammenhang beweist, so ist der Sinn dieses Satzes: die Juden sollen durch die ihnen zu Theil gewordene Unterdrückung und Zerstreuung den Beweis geben, daß sie durch die Verleugnung und Zurückweisung Christi als Gottessohnes oder incarnirten Gottes immerwährende Strase verdienen und erleiden müsien. So lehrte die intolerante Kirche, und das in Aberglauben und Dummheit erhaltene Volk hatte weder die Fähigkeit noch den Trieb, eine solche Lehre seinem Nachdenken und Beurthcilcn zu unterziehen, sonst wäre cs leicht durch einen ähnlichen Schluß zu einem entgegengesetzten Resultate gelangt. Es ist doch nämlich Thatsache, daß bis in unser Jahrhundert hinein ganze christliche Bolksclassen, und zwar gerade die zahlreichsten und größten, und die am christlichen Glauben mit mehr Innigkeit und Festigkeit hingen als die sie bedruckenden bevorzugten Clasicn, in schmachvoller Knechtschaft und Unterdrückung gehalten wurden. — Man denke nur an die Leibeigenschaft in den christlichen Staaten, von mubammedanischen nicht zu reden. — Könnte man da nicht ebenso schließen: weil Millionen Christen schon Jahrhunderte lang geknechtet und mißhandelt werden, so legt dies Zengniß ab gegen den Sohn Gottes, zu dem sie sich so fest halten: Man sieht, man kann den Unsinn pro und contra anwenden. — In Wahrheit beweist jede Unterdrückung, jede Beeinträchtigung der Menschenrechte nichts weiter, als daß bei den Unterdrückern Macht vor Recht geht, sie beweist nur den Mißbrauch, den der Mensch von seiner Willenssreiheit macht. — Sav. glaubte weder an das scrvum nrbiiriuni (Knechtschaft des Willens) Luthers noch an die Prädestination (Borhcrbcstimmung, Gnadenwabl) Calvins: er betonte vielmehr bei jeder Gelegenheit die Freiheit des menschlichen Willens und citirte öfters den Psalm 51, wonach der Mensch sich durch seinen fteicn Willen zur Buße, zum Gebete und zu guten Werken erheben könne. Da lag es ihm doch nahe genug, die Unterdrückung in dem Mißbrauche dieses freien Willens zu suchen; allein die Ideenwelt seines Geistes war noch mit vielen Borurtheilen der Kirche verflochten. und so hat er sich denn auch des erwähnten Dorurtheils über die Juden nicht entschlagen können. M. 4) Das Citat aus Psalm 59, 12 ist sehr unglücklich gewählt: denn David, der in Noch und Bedrängniß diesen Aus)pruch über seine übcrmiithigen Verfolger von den Anhängern Saul'8 that, dachte hierbei sicher nicht an seine verfolgten «stammgenossen A. 1493 n. Chr. M. 5) Welcher Papst Nikolaus hier gemeint fei, ist schwer zu rathen- Der letzte dieses NamenS vor Sav., Nikolaus V., hat im Gegentheil die Privilegien der Juden Italiens außer Kraft gesetzt und die barten canonischen Gesetze auf's neue bestätigt. Es könnte vielleicht heißen müssen: Marlin V. M.