Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1877)
- Date
- 1877-07-24
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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479 des Geistes und Vervollkommnung der Phantasie erreichten sie es. Der Grieche überlieferte uns geistige und ästhetische Gaben — das Wahre und Las Schöne — nie das Gute. *) Der Hebräer war gegen äußere Schönheit gleichgültiger, er suchte die Schönheit des Geistes. Ein Ausspruch wie: „Wie der Hirsch schmachtet nach frischem Wasser, so schmachtet meine Seele nach Dir, o Gott", findet man in der gesammten heidnischen Literatur nicht." Nunmehr wandte sich der Redner zu der großen Lehre, welche die Juden durch die Ertragung unermeßlicher Leiden um ihres Glaubens, um ihrer Ueberzeugung willen der ganzen Welt anderthalb Jahrtausende hindurch gegeben habe. Er schildert dies in den ergreifendsten Zugen. Daraus bespricht er die Sittlichkeit der Juden, fragt, ob einer unter ihnen eine Stadt um Millionen betrogen habe «wie dies in Amerika wiederholt von christlichen Beamten vorgekommen), ob die Gerichtshöfe des Landes von jüdischen Angeklagten, die Gefängnisse von jüdischen Verbrechen gefüllt seien? Gerade das Gegentheil; ob in den Straßen New-Iorks jemals Juden in unehrenhaftem Zustande getroffen werden? Und so weiter. Mit bittren Sarkasmen überschüttet er die Aristokraten von Saratoga und das betreffende Hotel, und schließt mit einer eindringlichen Mahnung. Die Predigt hat eine tiefe Wirkung hervorgebracht, und wurde durch mehrere Zeitungen durch das ganze Land verbreitet. Bonn, 15. Juli. (Notizen.) Aus Paderborn vom 12. Juli meldet mau uns das Hinscheiden der hochverehrten Begründerin und Vorsteherin des israelitischen Waisenhauses, des Fräuleins Fanny Nathan nach schwerem sechsmonatlichem Leiden. Die Beerdigung finde: den 15. Nachmittags statt. Wir werden in einer der nächsten Nummern einen Nekrolog der auch von uns sehr geschätzten Verstorbenen bringen. — In Köln ist dieser Tage die Entscheidung des Unterrichtsministers eingetrofsen, welche den Recurs der Stadtverordnetenversammlung gegen den Bescheid der Kgl. Regierung zurückweist. Wie wir in d. Ztg. berichteten, ging der Plan der städtischen Behörden dahin, die 1) Das ist zu stark gesagt; man braucht nur an das xahyvxäynd-ov j und das suimuuni bonum zu denken — nur ging bei Hellenen und Griechen das „Gute" mehr vom selbstischen Standpunkte aus, die „Nächstenliebe" war ihnen ein unbekannter Begriff. Red. gesammten Volksschulen Kölns in Simultanschulen zu verwandeln, was die Provinzialregierung nicht genehmigte. Die Stadtverordneten recurrirten bei dem Ministerium, während das evangel. Presbyterium und der israelitische Gemeindevorstand für Beibehaltung ihrer Consessionsschulen petitionirten. — Gestern verstarb der frühere preußische Cultus- und Unlerrichtsminister von Belhmann-Hollweg. Man erinnert sich noch, daß derselbe in einer parlamentarischen Rede die Juden der Unduldsamkeit zieh, woraus der Redacteur dies. Ztg. in eineny, durch die Zeitungen veröffentlichten kurzen „Offenen Brief" den Minister aufforderle, die geschichtlichen Thatsachen anzuführen, durch welche der ganze jüdische Stamm im langen Lause seiner Geschichte diesen Charakter der Unduldsamkeit erwiesen habe. Diese Aufforderung machte damals großes Aufsehen, aber der Minister — blieb die Antwort schuldig. Bonn, 15. Juli. (Literarische Notizen). Man schreibt aus Wien: Die Wiener Akademie rer Wissenschaften hat laut einer an den Fünskirchner israel. Seelsorger, 1>r. Kohut, herabgelangten Zuschrift den Beschluß gefaßt, das von ihm herauszugebende, auf acht Bände berechnete wifsenschasrliche Werk „Verbal- und Reallexicon zum Talmud" mit 400 fl. per Band zu subvrntioniren. Das großangelegte Werk, welches die Arbeit eines ganzen Menschenlebens beansprucht, ist zum großen Theile bereits druckserlig; doch gebricht es dem Autor an den Druckkosten, die ein Capital von 15,000 st. beanspruchen. Die Wiener Akademie der Wissenschaften, welcher das drucksertige Manuscript des ersten Bandes zur Prüfung vorlag, hat dasselbe nach eingehender Prüfung mit dem obgedachten, dem höchsten von ihr ausgegebenen Unterstützungsbeitrag ausgezeichnet. Der Anfang wäre denn gemacht, jetzt fehlt nur noch die fördernde Fortsetzung. Zunächst wäre eine rege Abonnements-Betheiligung seitens der Glaubensgenossen des Autors erwünscht. Es ist aber auch zu hoffen, daß die Ungarische Akademie der Wissenschaften das Beispiel der Wiener Anstalt um so bereitwilliger nachahmen wird, als das Zustandekommen eines solchen monumentalen Werkes auch dem ungarischen Namen zu nicht geringer Ehre gereichen würde — vor rem Auslande, welches sich noch immer nicht recht entschließen kann, Ungarns wissenschaftliche Bestrebungen gebührend zu würdigen. Feuilleton. Ein Srief Savonarola's an die Srguoria von Lucca in Setreff -er Juden. *) Mitgetheilt von M. Mannheimer in Darmstadt. Savonarola, geboren zu Ferrara in Italien 1452, ein Vorläufer der Reformation, dessen Statue daher bei Luthers Denkmal l) Savouarola, einer der Kirchenreformatoren. gicbt uns durch diesen Brief abermals einen Beweis, daß die Männer der Äirrchenzu Worms einen Platz fand, war ganz erfüllt von dem Feuereifer, die schlechten Sitten seiner Zeit zu verbessern, den entresorm des 15. Jahrhunderts noch keine Ahnung von der Glaubensfreiheit und dem Menschenrecht hatten. Wir tadeln sie deshalb nicht, denn Jeder ist ein Sohn seiner Zeit. Aber auch zur Erkennlniß unsrer Zeit gehört es, die Beschränkung zu kennen, in welcher jene Heroen noch standen. Wird es dadurch uns doch erklärlich, wenn wir noch heute Männer, die sonst an Wissen und Bildung hervorragen, in gleicher Befangenheit sehen. Deshalb standen wir nicht an, den Brief Savonarola's mitzutheilcn. Redaction. 30*