Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1877)
- Date
- 1877-07-24
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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478 wir aber auf dem Umschlag des gedachten Berichtes lesen, daß die Unterrichtszeit der Sabbathschule sich auf Sabbalh Vormittag von 9—10 und Sonntag Vormittag von 9—11 beschrankt, so glauben wir nicht, daß das obengesteckte Ziel in Wirklichkeit erreicht werden könne. Dies wird jedoch praktisch sich Herausstellen; vorerst können wir dieser neuen Einrichtung nur Glück wünschen, besonders auch da sie zugleich eine vortheilhafte Wendung im religiösen Geiste der amerikanischen Judenheit bekundet. New-Aork, 26. Juni. (Privatmitth.) Der Vorgang im Bade Saratoga (von dem wir in vor. Nummer berichtet haben) hat in der ganzen Union ein außergewöhnliches Aufsehen gemacht. Alle Zeitungen beschäftigen sich wiederholt damit, und bezeugen ihren Unwillen gegen den Richter Hilton, welcher sich eine solche ungerechtfertigte Ausschließung erlaubt hat. Denn darin stimmen Alle überein, daß der Herr Seligmann, den jene betroffen, ein in jeder Beziehung ehrenvoller Mann ist. Große Sensation machte eine Predigt res bekannten Herrn Beecher, der am letzten Sonntag in der Plymouth-Kirche schon beim Morgengottesdienste anzeigte, daß er am Abend „Ueber Juden und Christen" predigen werde. Ich gestatte mir, über diese merkwürdige Predigt theils in wortgetreuer Uebersetzung, theils auszüglich einen Bericht zu geben. Die Kirche war lange vor dem Beginn der Predigt dicht gedrängt voll, und den Worten des Redners wurden mit der größten Aufmerksamkeit gelauscht. Mit ganz besonderem Beifall wurden die Sarkasmen ausgenommen, welche er gegen „die amerikanische Aristokratie" richtete. Sein Text war Apostelgeschichte 19, 34. Nachdem der Redner hieran angeknüpft, ließ er sich über die Persönlichkeit des Herrn Seligmann in günstigster Weise aus. Er kennt ihn seil langer Zeit als einen wahrhaften Gentleman, deffen Benehmen stets ein höchst lobenswerthes gewesen, so daß kein Mann eine größere Hülfsbereirschaft in allen wohlthätigen und gemeinnützigen Werken bethätigen könne als er, und in ganz New-'7)ork gebe es Niemanden, welchem unverdienterer Weise eine solche Beleidigung Härte widerfahren können. — Von hier aus ließ sich Beecher über die Juden im Allgemeinen aus. Er sagte: „Sieben Millionen Juden leben in der Welt Lurch alle civilisirten Länder zerstreut. Sie übertreffen alle Völker in der Kunst, Verachtung zu ertragen. Keine anderen sind solche Wohlthäter der Menschheit gewesen; keine anderen sind so wie verächtliche Ungläubige behandelt worden. Seit 2000 Jahren sind sie unter den Menschen ausgestoßen, verachtet und gehaßt, gedrückt und niedergetreten worden, doch nie haben sie sich durch ihre traurigen Erfahrungen oder ihre Leiden vernichten lasten. Sehen wir, wie viel die Hebräer zu unseren jetzigen vorgeschrittenen Verhältnisten beigetragen haben. Es mag Viele überraschen zu erfahren, daß unser Gemeinwohl seine Quelle in ihnen gefunden, aber es ist so. Die Begründung alles wahren Gemeinwohls entspringt aus den Institutionen von Moses. Er errichtete die^Säulen, auf denen wir das Gebäude aufbauen. Die Volksfreiheit hat sich am meisten unter den Regierungen entwickelt, welche der hebräischen Verwaltung am meisten gleichen. Die Erziehung des Volkes zu politischen Gefühlen und das Verlangen nach Selbstverwaltung trat zuerst in der hebräischen Gemeinde aus. Je mehr man sich in den Geist ihrer Institutionen vertieft, desto mehr erkennt man, daß wir unsere Nahrung aus diesem verachteten Volke gezogen haben. Nah verwandt mit der Volksverwaltung ist die Hausverwaltung. Nun, die Familie löste sich aus der wilden Barbarei früher bei den Juden als bei irgend einer anderen Nation. Denn obgleich Moses die Polygamie gestattete, so duldete er sie nur und unter einer Bedingung, die sie nothwendiger Weise verdrängen mußte und auch that. Und abgesehen von der moralischen Zügellosigkeit einiger der Könige und Anführer wurde das Volk selbst im wahren Geiste der Monogamie erzogen. Im Geiste der reinen Liebe eines Mannes für eine Frau, in der geheiligten Abgeschlossenheit des Hauses, in der Macht der Reinheit und in der Entwickelung der geistigen Kraft und Moralität, wurde das Haus die Schule aller Tugend und Wahrheit und des Glückes. Eine Hauptsache bei diesem Volke war die sorgsame Erziehung der Kinder. Dieser Zug ging mit ihnen durch alle ihre Leiden und charakterisirt sie noch jetzt. In keiner christlichen Familie giebt es Kinder, welche sie an Reinheit, Intelligenz, Thätigkeit, geistiger Regsamkeit oder Bildung übertreffen. In der geordneten und sorgsamen Erziehung unserer Kinder folgen wir nur ihrem Beispiele. Ich kann nicht unterlassen aus ihre Neigung zum Fleiße zu verweisen. Seit jener Zeit, wo jeder Arbeiter von allen Wohlthaten und Freuden der Gesellschaft ausgeschlossen wurde, bis zu unserer Zeit, wo wir durch die Sklaverei so sehr dazu beitragen, die Arbeit zu entehren, hat der Jude seit viertausend Jahren bis auf den heutigen Tag seine Kinder den Adel der Arbeit gelehrt. Und auch hier haben wir von ihnen gelernt." „Und dann bedenken Sie, daß vor Jahrtausenden bei ihnen die Frau jene Stellung einnahm, welche sie jetzt allmälig durch die erleuchtende Kraft der christlichen Grundsätze gewinnt. Als rings um die Juden herum die barbarischen Nationen aus Frauen Sklavinnen machten, als selbst in Griechenland eine reine Frau abgeschlossen bleiben mußte und nichts von Poesie oder Wissenschaft wissen durfte (nur eine Courtisanin durfte unterrichtet werden, aber eine tugendhafte Frau mußte unwissend bleiben), — um diese Zeit durfte in Palästina die Mutter, Frau und Tochter mit unverschleiertem Antlitz jedem Manne in's Gesicht sehen. Jeden Stand, jede Kunst durfte sie erlernen. Alles, was sie gut machen konnte, durfte sie thun, und das haben wir von dem frühen Beispiel dieses großen Volkes gelernt. Sie gaben uns auch eine praktische Religion, die nicht nur in Ritualien bestand, sondern ihre Entwickelung im lhätigen Leben suchte. Ihr Wort Gerechtigkeit, das sie so oft anwenden, bedeutet „Mannhaftigkeit", und diese suchten sie in vollkommener Form, und in den ausgezeichneten Eigenschaften der Tapferkeit, Menschenliebe, Demuth, Adel