Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1877)
- Date
- 1877-07-24
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
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477 Jndifferentismus für alles Jüdische durchdrungen und die Börse und die Universität zeigten sich bis jetzt als die tödtlichsten Feinde des Judenthums und der Judenheit im großen, weiten Czarenreiche — das Volk siecht hin — und es erscheint kein Erretter! — M. Aus dem Russischen, im Juni. Oeffentliche Blatter theilen Folgendes mit: Im Gouvernement Woronesch bestehen schon seit längerer Zeit kleine Gemeinden von sogenannten „Subbotniki" (Sabbathianern), welche eine gewisse Hinneigung zu dem Judenthum hatten, sich aber nur dadurch zu erkennen gaben, daß sie auch den Sabbath feierten, während sie im Uebrigen gute orthodoxe Christen waren und die orthodoxen Kirchen besuchten, auch sich von den orthodoxen Geistlichen taufen und trauen ließen. Neuestens stellt es sich jedoch heraus, daß sie auch die Beschneidung adoptirt haben, und daß der Bauer Ephim Botscharenkoff im Dorfe Ozerok im Bobrowskischen Kreise des Woronescher Gouvernement als ihr Rabbiner fungirt und jene jüd. Ceremonie vollzieht. Seit die milde Regierung des Kaisers Alexander II. den meisten Seelen gegenüber mit Nachsicht auftritt, wagen auch die „Subbontniki" sich etwas mehr an das Tageslicht hervor- Sie nennen sich jetzt „Gläubige der Bibel Moses", verwerfen die Gottheit Christi und Marias, beten die Heiligen nicht an, haben ihre Heiligenbilder fortgegeben und unter die Nachbarn vertheilt, tragen kein Kreuz auf dem Halse und bekreuzigen sich nicht, sondern sagen: „eher lassen wir uns die Hand herunterhauen, als Laß wir mit ihr das Kreuzeszeichen machen". Auch fangen sie an, den orthodoxen Priestern aus dem Wege zu gehen und den Kirchenbesuch zu unterlassen. Sie haben sich bereits wiederholt an den Minister des Innern mit der Bitte gewendet, ihnen besondere Kirchen anzuweisen, haben jedoch keine Antwort erhalten. Das Woronescher Eprrchialblatt, das Organ des Bischofs von Woronesch, behauptet, daß die meisten Sabbachianer in dem Pawlowsker und Bobrowsker Kreise Vorkommen. Doch sind auch schon in dem benachbarten Don'schen Gubernium, so neuestens in der MichailowSker Stanitze, Uebertritte vom griechisch-orientalischen Ritus zum sabbathianischen Glauben vorgekommen. Das Merkwürdigste ist, daß alle Liese Judaisten echte russische Nationalbauern sind. (Wir haben in Nummer 16 und 17 d. I. ein Stück aus der „Geschichte der Juden in Polen" mitgetheilt, aus welchem hervorging, daß eine starke Hinneigung zum Mosaismus schon zur Reformationszeit in einem Theile des russischen Volkes stattfanv und nur durch Gewalt unterdrückt werden konnte. Die obige Erscheinung ist jedenfalls ein Ueberrest aus jener Zeit, und man kann wohl darauf gespannt sein, wie sich die russische Staatsregierung auf die Länge zu ihr verhalten werde. Red.) Amerika. St. LvUiö, im Juni. (Privatmitth.) Vor uns liegt ein Bericht über die hiesige „Shaare Emelli Sabbath School“. — Unter Sabbathschulen versteht man Schulen, in welchen am Samstag und Sonntag jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird — der seines allgemeinen Inhalts wegen wohl beachtenswerth erscheint. In ihm wird nämlich mit nachdrücklichen und beredten Worten ausgesprochen, daß die in den amerikanischen Sabbathschulen bisher befolgte Methode, nur auf Grund von Katechismen und Lehrbüchern in Religion und biblischer Geschichte zu unterrichten, ohne irgend welchen Unterricht im Hebräischen, von geringem Ersolge gewesen sei, indem daraus nur eine oberflächliche, bald wieder vergessene formale Kenntniß des Judenthums erflossen sei. In ganz Amerika habe sich die Ueberzeugung gebildet, daß, um in der Jugend tiefere und dauerndere Sympathien für das Judenthum zu wecken, die Unterweisung im Hebräischen und zwar in einer umfänglichen Weise stattfinden müsse. Der Bericht behauptet, daß deshalb an fast allen amerikanischen Platzen desfallsige Vorkehrungen und Umgestaltungen der Sabbathschulen begonnen oder ausgeführt seien. Verhält sich dies also, so entnehmen wir daraus eine günstige Vertiefung im Judenthum, wie sie die amerikanischen Israeliten bis jetzt nicht bethatigr hatten, indem sie die religiösen Dinge oberflächlich nahmen und behandelten. Wir haben diese vielversprechende Wendung wohl dem Umstande zu verdanken, daß die Zahl der Israeliten in den Vereinigten Staaten während des letzten Jahrzehnts durch Einwanderung bedeutend gewachsen ist, wodurch einerseits das Interesse am Judenthum naturgemäß gestiegen, andererseits auch mehr Individuen mit stärkerem religiösen Bedürfniß und tüchtigeren geistigen Kräften in's Land gekommen. Der besprochene Bericht beschränkt sich natürlich nicht auf jene allgemeinen Sätze, sondern stellt auch einen neuen Plan für die genannte Schule auf. In der vierten (untersten) Classe soll das hebräische Lesen, ein abgegrenztes Vocabularium und einige Elemente der Grammatik gelehrt werden, kein Katechismus und keine biblische Geschichte nach gedrucktem Buche, sondern der Lehrer soll die ersten Elemente dieser Zweige an passenden Stellen dem hebräischen Unterricbte einstreuen. In der dritten Classe Grammatik bis einschließlich die leichtere Wandelung des regelmäßigen Zeitwortes, nebst Uebersetzung der leichteren hebräischen Gebete; Katechismus und biblische Geschichte nur durch mündliche Einschiebung ihrer Hauptelemente wie in der vierten Classe. Die zweite Classe das unregelmäßige Verbum, hebräisch Schreiben, ausgewählte Stücke des Pentateuchs und der Sprüche Salomonis, Unterricht im gedruckten Katechismus und biblischer Geschichte. Die erste Classe soll die Syntax, schriftliche Uebersetzungen aus der biblischen Geschichte, ausgewählte Stücke des Pentateuchs, der Propheten und Psalmen, und Katechismus und biblische Geschichte wie in der zweiten Classe lehren. — Niemand kann zweifelhaft sein, daß diese Verbindung des hebräischen Unterrichts der biblischen Geschichte und des Katechismus theoretisch das Richtige und Erfolgreiche ist. Dann aber müßte die Stundenzahl wenigstens in den beiden oberen Claffen bedeutend vermehrt werden. Wenn 30