Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-07-24 · Heft 30 (24.7.1877) · p. Seite 472

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 30 (24.7.1877)
Date
1877-07-24
Page
Seite 472 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227154--35522-3305493
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

472 Glauben festzuhalten und zu fanatisiren. Das zweite, worauf sie rechnet, ist, daß bei den vielfachen Elementen, die noch in den Völkern und Staaten mit dem liberalen Systeme auf gespanntem Fuße stehen, dieses wieder gestürzt werden könne, und vaß dann der reaktionären Richtung selbst in protestantischen Staaten nichts übrig bleibe, als in engster Verbindung mit der römischen Partei dieser die möglichste Befriedigung zu gewahren. Ueberhaupt aber rechnet man von der einen Seite auf den Wechsel der regierenden Persönlichkeiten, welche immerhin mehr Neigung für die sog. conservativen als für die liberalen Parteien besitzen, von der anderen Seite auf die wachsende socialistische Bewegung, welche man vorerst zur Erschütterung und Zerrüttung der bestehenden Gesellschaft benutzen kann, um spater dem wankenden Staate seine Hülse unter entschiedenen Zugeständnissen seitens der Staatsgewalt darzubieten. Hierzu kommen endlich die politischen Berhältnisie. Noch heute wie in allen Zeiten stehen sich gewisie Nationen und Staaten gegenüber, nur günstige Umstände erwartend, um immer wieder den alten Kamps zu erneuen. Hierzu suchen sie Bundesgenoffen, und die römische Partei ist bereit, ihre Bundesgenoffenschaft dem zu gewähren, der sich ihr am vollständigsten ergiebt. Die gegenwärtige Lage in Europa bietet hierzu Aussichten genug. Das Verhältniß Frankreichs zu Deutschland, Oesterreichs zum neuen deuffchen Reiche läßt eher schwere erbitterte Kriege als einen dauerhaften Frieden voraussehen. In Frankreich selbst ist der innere Kampf der Parteien so stark, wie er jemals war seit 90 Jahren, und Alles, was nicht zur republikanischen Fahne schwört, hangt dem Klerus an, um sich auf ihn und seine Herrschaft über einen Theil der Volksmaffe zu stützen. Rom sucht daher zunächst seiner Partei in Frankreich zum Siege zu verhelfen und dann den Krieg in Deutschland und Italien zu beginnen, der sofort die französische Nation unter dem nationalen Banner vereinigen und in Deutschland wie in Italien in dem treugebliebenen Theile des katholischen Volkes eine gewichtige Hülfe finden soll. Von Oesterreich erwartet man zuerst Neutralität, dann bei günstigem Erfolge Cooperation. Rußland ist noch lange im Oriente beschäftigt und Englands Interesse mehr auf diesen als den Continent gerichtet. Dies ist die politische Constellation, welche die römische Partei zur Ausführung ihrer Pläne ersehen, und zum Theil herbeigeführt hat, und die, wie man sieht, einen nahen Ausbruch verheißt. Zunächst sind die französischen Wahlen und was sich an deren Ausgang knüpfen würde, der Wendepunkt. Daß in diesem Entwürfe die Wahl der Mittel, wie Krieg, Bürgerkrieg, Umsturz der Verfassung, Verletzung des gültigen Rechts keine Gewiffensunruhe macht, ist man seit alter Zeit von Seiten Roms gewohnt. Niemand wird sagen können, daß wir irgend übertreiben, oder die Dinge aus feindseligem Gesichtspunkte auffaffen, denn die ultramontanen Literaten selbst haben dies Alles oft genug seit Jahrzehnten in Büchern, Pamphleten und Zeitungen unumwunden ausgesprochen. Man wird zugeben müssen, vaß der Entwurf an mancherlei Schwächen leidet und in vielen Punkten auf Voraussetzungen und Eingebildetem beruht; wir bezeichneten ihn ja darum als fantastisch. Heben wir nur Eins hervor: der gläubige Theil der Franzosen hängt dem Klerus nur so lange an, als er von dessen Einfluß keinen Druck verspürt; im anderen Falle bäumt er sich schnell gegen ihn auf und trifft ihn mit einer Wuth, wie sie sich in keinem anderen Lande bis jetzt erwiesen hat. Und dann ist die Macht der Verstandesbildung, der Staatsidee und der dem Katholicismus feindlichen Kirchen zu groß, um nicht gerade durch einen etwaigen Sieg der Ultramontanen zu einem um so heftigern Kampf aufgerusen zu werden, dessen Ausgang kaum zweifelhaft und für das Papstthum höchst gefährlich sein würde. Nichtsdestoweniger befinden sich in dem Recheuexempel der römischen Partei viele thatsächliche Punkte, welche bei irgend weiteren günstigen Umständen von nicht zu unterschätzender Wirkung werden können und die bei der Kampflust, Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit dieser Partei jedenfalls tief erschütternde Aufregungen, schwere Verwickelungen und auch blutige Kämpfe heraufzurusen vermögen. Um so nothwendiger ist es, sich den Kriegsplan der Ultramontanen in allen Stücken klar zu machen, und sie aus jedem Schritte vorwärts genau zu überwachen. Die Indolenz und die Vertrauensseligkeit sind stets die besten Bundesgenossen jener gewesen. So heilig uns, auch vom religiösen Standpunkt des Judenthums, die Grundsätze der gegenwärtigen Gesellschaft sind, und so gefahrdrohend für uns der Sieg der Ultramontanen wäre: so dringend ist für uns die Pflicht, auf Seiten der staatlichen Gesellschaft zu stehen. Hier kann von keiner religiösen Unduldsamkeit von unsrer Seite die Rede sein. Wir gönnen dem Katholicismus die freie Entfaltung aller wahrhaft religiösen und sittlichen Momente, die er enthält, und es fällt uns nicht im Traume ein, mit dem eigentlichen Katholicismus in Streit zu leben. Aber zu oft hat der Ultramontanismus den Kreuzzug gegen uns gepredigt, und zwar in der jüngsten Zeit am heftigsten und unumwundensten, als daß nicht auch wir zu entschiedener Abwehr auf der Huth sein sollten. Gutachten -es Lau-rabbinats in -er Angelegenheit -er Mosenthal'schen Orden. An die Herren Synagogen-Aeltesten, Wohlgeboren zu Cassel. Cassel, den 15. Juni 1877. Nachdem der mitunterzeichnete Herr Landrabbiner das Schreiben, welches Sie an ihn unterm 12. lfd. Mts. gerichtet hatten, die testamentarische Anordnung des zu Wien verstorbenen Dichters Mosenthal, seine Orden in der Synagoge zu Cassel aufzuhängen betreffend, dem ergebenst Unterzeichneten Landrabbinate mit dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.