Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1877)
- Date
- 1877-07-24
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
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471 denken, daß das Papstlhum nur ein Gespinnst, wie das der Penelope wäre, nur daß hier am Tage aufgetrennt ward, was in der Nachr gesponnen worden. Aber schließlich ging das Papstlhum Loch immer, wenn nicht siegreich, doch mit dauerndem Bestände hervor, bis mit dem Zeitaller forlschreitender Aufklärung sein welllicher Besitz gesicherl, seine geistlich-politische Macht herabgemindert ward. Die Kirche selbst in sehr vielen ihrer Geistlichen neigte sich der Aufklärung zu. Aus diesem Zustande wurde das Papstthum mit der französischen Revolution herausgerissen und zum Bewußtsein seiner neuen Lage gebracht. Mit dem Sturze Napoleons wieder in den Kirchenstaat eingesetzt, begriff es von da ab, daß es mit dem modernen Geiste nicht zu transigiren vermöge, daß es mir jedem Zugeständniß an den Geist der Zeit ein Stück seiner Lebenskraft und einen Theil seines Terrains aufgebe. Bon da ab stellte es sich fein vollständiges Ziel rn unnachgiebiger Weise fest und alle seine Schritte waren dahin gerichtet, es in vollem Maße zu erreichen. Die Wiederherstellung des Jesuitenordens 181ö war die erste Thal, der Syllabus und die Dogmalisirung der Unfehlbarkeit die letzte. Was dazwischen liegt, galt zunächst der Wiedererlangung und Ausdehnung der kirchlichen Rechte, welche in Concordalen festgestellr wurden, soweit sie nur irgend zu erlangen waren. So lange die Reacrion in Europa herrschte, hatte man leichteres Spiel, und selbst wenn eine Regierung einen Augenblick widerstand, wurde sie durch die reaelionären Einslüsie, die überall sich Geltung zu verschaffen wußten, zum Nachgeben gebracht. Aber die Aera der Revolution trat wieder ein und hatte die Ausbreitung und Stärkung des constilulionellen, des liberalen Regimes zur geordneten und gesetzlichen Folge. Dies schreckte die römische Partei nicht ab, sondern rief sie aus dem oben bezeichnelen Gesichtspunkte erst recht zum Kampfe heraus. Selbst der Verlust des Kirchenstaates thal nur das Scinige, um die Festigkeit der päpstlichen Partei zu stärken unc bis zur äußersten Hartnäckigkeit zu bewegen. Offener als je trat sie mit ihren Ansprüchen auf, und verstand es, gerade die ihr ungünstigen Ereignisse zu benutzen, um sich mir dem ganzen KatholicismuS zu idenlificiren, das System zu vollenden und alle Glieder der Kirche sich völlig unlerlhämg zu machen, noch mehr, das Feuer der Begeisterung zu wecken und das persönliche Jnteresie mir ihr zu verschmelzen. Die römische Partei will also die Weltherrschaft des unfehlbaren Papstes und die völlige Unterordnung des Staates unter die Ansprüche cer Kirche, welche bekanntlich so gut wie keine Grenze haben! In einer Zeit, wo der Staat eine so außerordentliche Consistenz, man möchte beinah sagen Omniporenz in der Bezriffswelt der Menschen erlangt hat, wo andererseits bei einer immer wachsenden Berstandesbildung Phantasie, Glaube und Romantik so sehr zurückgewichen, und Wissenschaft und Literatur zu herrschenden Factoren des Lebens geworden, kann man einer solchen Idee, einem solchen Ziele und dem Streben darnach Kühnheit und schöpferische Kraft nicht absprechen, Nach dieser Seite hin möchte man sie bewundern. Was will hiergegen die Organisation der griechischen Kirche, das Khalifat im Islam sagen! Noch niemals hat irgend eine Religion eine solche Erscheinung zu Tage gebracht; nur einige prophetische Aussprüche über den Messias in der h. Schrift, können als ihr Borbtld angesehen werden, sollten aber Schilderungen einer Zukunft abgeben, während cas Papstthum auf die vollste Wirklichkeit losdnngt. Welche Momente sind es nun, die die römische Partei zur Ausführung ihrer Idee für wirksam hält, durch welche sie die Weltherrschaft in der Thal erlangen zu können glaubt? Sie sind innerer und äußerer Art. Von innen ist es der seil Jahrhunderten von ihr gepredigte Glaube, daß Jesus selbst die römische Kirche gegründet und durch die Apostel Petrus und Paulus eingesetzt habe, caß deshalb der Papst der Stellvertreter Jesu auf Erden mit der Unfehlbarkeit durch den h. Geist ausgerüstet und zum höchsten Richter über alle christlichen Völker, eigentlich über alle Crealur auf Erden geweiht fei. Mil diesem Glauben wird dann der an caS Besitzrecht auf den Kirchenstaat verbunden. Wir brauchen nicht hinzuzusügen, daß dieser Glaube selbst auf dem christlichen Boden auch nicht die geringste Kritik auszuhalten vermag. Aber gerade die Kritik wird von vornherein verdammt und dieses Dogma als unantastbar den Gläubigen gelehrt. Ebenso wenig ist hervorzuheben, daß dieser romantische Glaube im Widerstreit steht nicht blos mir der ganzen antiken, sondern auch mit der Geistesentwickelung der letzten vier Jahrhunderte, abgesehen vom Judenihume, von der griechischen Kirche und von den zahlreichen Kirchen und Seelen, die sich seit der Reformation auf dem früheren Gebiete des Karholiclömus selbst gebildet haben. Zu den äußeren Momenten gehört vor Allem, caß immer noch ein großer Theil des katholischen Volkes diesem Glauben anhänzr, rhn als die alleinige Wahrheit annimml und auf Grund desselben ferne Gorlesverehrung abhält. Unter Volk ist hier allerdings der Zahl nach die niederere, wenig unterrichtete und der Anfklärung noch fernstehende Masse zu verstehen, jedoch der Bedeutung nach auch zahllose Glieder der gebildeten und einflußreichen Stände, besonders solche, welche durch die liberalen Institutionen ihre Vorrechte verloren haben und den beherrschenden Einfluß, soweit er ihnen geblieben, zu verlieren glauben. Giebr es doch auch nicht wenige Geister, welche, wenn sie sich von Kindesbeinen an in einen noch so phantastischen Glauben versenkt haben, sich aus denselben nicht zu lösen vermögen. Die abfällige Welt zu riesen anhängig gebliebenen zurücksühren und mir Hülfe der ungeheuren Massen die Ketzer überwinden und vernichten zu können, gehört zu jenem Glauben. Hat man nur erst die Schule und die Familie wieder in seine Gewalt bekommen, so hält man den Sieg jenes Glaubens für sicher. Vorerst aber will man mit dem treugebliebenen Volke operiren und alle Mittel sowohl der bisherigen Praxis als auch welche gerade die liberalen Einrichtungen des Staates jeder Partei gewähren, verwenden, um jenes in seinem 30 *