Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1877)
- Date
- 1877-07-17
- Page
- Seite 463 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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463 Eines Tages empfangt er von dem Jnspector der Strafanstalt in Stein einen Brief, in welchem ihm der Verwalter die Anzeige machte, der jüdische Sträfling Lazar N. habe heimlich ein Stück Speck gegessen und er habe ihm daher, da er durch diesen unerlaubten Genuß die Satzungen der jüdischen Religion übertreten, im Disciplinarwege fünfundzwanzig Stockprügel aufzählen lassen. Der Jnspector fügte dieser Mittheilung die Bemerkung hinzu, daß er glaube, der Herr Feldprediger werde mit dieser Maßregel sich einverstanden erklären. Im ersten Augenblick konnte sich der Empfänger des Briefes der komischen Wirkung seines Inhaltes nicht entschlagen, denn wenn man schon einem armen Sträflinge, der einmal eine ungesetzliche Speise genossen, gleich eine solche Tracht Prügel zum Nachtisch bescheert, so hilft ein nachträglicher Protest blutwenig. Indessen wollte der menschenfreundliche Prediger wenigstens für die Zukunft solchen harten Proceduren Vorbeugen und erwiderte diese Anfrage mit einer Zuschrift, in der er seine Mißbilligung über diese grausame Behandlung aussprach. Der Jnspector fühlte sich aber dadurch in seiner Würde verletzt und zeigte den ganzen Sachverhalt dem Justizministerium an, daS wieder — mit solcher Wichtigkeit behandelte man damals solche Angelegenheiten — den Act der Cultusgemeinde mit einigen scharfen Randglossen übermittelte. Der Urheber dieser leidigen Affaire, der menschenfreundliche Religionslehrer, wurde sofort all auöiemlum verbum vor das Tribunal der Cultusgemeinde citirt. Mit strenger Amtsmiene saßen sie im Kreise die Herren Ritter v. Wertheimstein, Goldschmidt, Königswarter rc. und verlangten Rechenschaft von dem freimüthigen Seelsorger, der den Genuß eines Speckstückes für kein solches Verbrechen ansah und dieser Anschauung in beredten Worten Ausdruck verlieh. Aufmerksam hörten die Machthaber der Gemeinde dieser Auseinandersetzung zu und die Erklärungen machten einen so tiefen Eindruck auf die Zuhörer, daß zuerst der zur Aufklärung geneigte Ritter v. Goldschmidt vom Sitze sich erhob und sagte: „Meine Herren, unser Seelsorger verdient keinen Vorwurf, die Hand auf's Herz, meine Herren! Wenn man das Speckessen für ein solches Verbrechen hält, dann haben wir wohl nichts Besseres zu thun, als uns der Reihe nach selbst aus die Bank legen und die Stockschläge appliciren zu lassen." Allgemeine Heiterkeit folgte dieser offenherzigen Erklärung, und nun nahm der alte Herr v. Königswarter das Wort, sagte, daß er der Urheber dieser Vorladung gewesen sei, er sehe sein Unrecht ein, der Seelsorger habe seine Vollmacht nicht überschritten, wenn er dem Jnspector der Strafanstalt für sein rüdes Vorgehen einen Verweis gegeben, und er fühle sich verpflichtet, in öffentlicher Versammlung den eifrigen Vertreter der Menschenrechte um Verzeihung zu bitten, daß er ihn für sein Vorgehen zur Rechenschaft habe ziehen wollen. So dachte und handelte der alte Königswarter, als er zur Erkenntniß gelangte, daß er in einem Jrrthum befangen gewesen; sein Sohn jedoch ist unbeugsamer, er bleibt starr und fest bei seinem einmal gefaßten Entschlüsse und weist standhaft jede Gegenvorstellung zurück. Vermischtes. Der Judenberg in Siebenbürgen. Der „Pest. Ll." theilt Folgendes mit: Die Gegend von Zalarna, der Hauptorl des siebenbürgischen Erzgebirges am goldführenden Ompoy, ist ein besonders ergiebiger Fundort für römische Alterthümer. In der Nähe der Stadt liegt der Judenberg — zsiiluvär — hier blühte einst die alte römische Colonie: Auraria Parva, wo römische Münzen geprägt wurden. Jüdische Sklaven sollen die Stadt gebaut und in den noch heute ergiebigen Bergwerken gearbeitet haben. Nach der Niederschlagung des furchtbaren Aufstandes unter dem falschen Messias Bar-Cochba durch Julius Severus wurden von Egypten und Palästina Tausende von jüdischen Sklaven hierher verpflanzt. Waren ihrer doch damals so viele, daß, wie der Historiker Jcsephus Flavius erzählt, auf den Sklavenmarkten zu Kyrene und Askalon zehn jüdische Sklaven um einen Scheffel Gerste erhältlich waren.Nachgrabungen, die man am Fuße des Berges gemacht, haben eine Menge großer Ziegel von eigenthümlicher Form und behauener Steine zu Tage gefördert. Auf einzelnen der letzteren war das Wörtchen „Jehova" deutlich genug auszunehmen. Welche Gebete mögen die Lippen des Sklaven aus dem Lande Kanaan oder Mizraim bewegt haben, als er den Namen seines Gottes in den Stein grub! Mit welchen Gefühlen mochte er, der starre Deist, unter der Geißel seiner höhnenden Peiniger Handlangerdienste gethan haben bei dem Bau rer ihm verabscheuten Baaltempel zu Ehren Poseidon's oder Jupiter's, die über seinen Jehova triumphirt. Börne's Geburtstag und die früheren Civilstandsregister bei den Juden. Man schreibt uns aus Frankfurt am Main, daß in der Notiz aus Laupheim Nr. 21, S. 335, ein kleiner Jrrthum sich vorfinde, da, wenn Tannebaum 1790 geboren, er nicht 6, sondern 4 Jahre jünger war als sein Vetter Börne, der am 6. Mai 1780 das Licht der Welt erblickte. Zugleich wurde uns folgende l > Der Verfasser dieses Artikels begeht den schon einmal von uns gerügten Jrrthum, die Eroberung Jerusalems durch Titus mit dem t>0 Jahre späteren Ausstandc unter Bar-Eochba zu verwechseln. Zu der Zeit des letzteren lebte Joscphuü schon :u> Jahre nicht mehr, und was er berichtet, bezieht sich auf den Fall Jerusalems. Redaction. 2) Dieser Triumph des Poseidon und des Jupiter über Jehova dauerte nicht lange. Der Gott, den Israel anberere und verkündete, triumphirtc sehr bald über die Götzen, deren Tempel bald wieder in Trümmer zerfielen und deren Anbeter von der Erde verschwanden, während die Abkömmlinge des durch das brutale Schwert aus ihrem Balerlande vertriebenen Juden noch heute bestehen. Redaction.