Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1877)
- Date
- 1877-07-17
- Page
- Seite 460 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Rumänien. Wien, Anfangs Juli. (Privatmitth.) Hier ist im Druck das Protokoll veröffentlicht worden, welches die vom österreichischungarischen Consulate nach Darobani zur Untersuchung der Vorgänge abgesandte Commission nach Prüfung der T hatsachen aufgesetzt und unterfertigt hat. Es werden hierdurch die Thatsachen constatirt, sowohl über den Ausbruch, den Fortgang und die Opfer der schändlichen Exceffe als auch über deren Urheber, wie diese Zeitung sie wiederholt und ausführlich mitgetheilt hat. Wir enthalten uns daher des Abdrucks dieses Berichtes, aus welchem wir nur die Bestätigung der Nachricht unsres Correspondenten in Nr. 28 hervorheben, daß die Gräfin Cimara, die eigentliche Urheberin der Greuelthaten, noch jetzt auf freiem Fuße ist, während ihr Mann und einige wenige der thätigsten Verbrecher verhaftet sind und zwar in leichter Haft. Wien, 6. Juli. Wie der „Israelitischen Allianz" zu Wien berichtet wird, erregt die Art und Weise, wie der in der Affaire Darobani dahin aus Bukarest geschickte Judicatoriu (Richter) verfährt , mannigfache Bedenken gegen die Unparteilichkeit seines Vorgehens. Abgesehen davon, daß Belastungszeugen, die sich meldeten, nicht einmal vernommen wurden, hatte der in Eid genommene Bezirksarzt constatirt, daß der Gesundheitszustand der Frau Cimara ihre Ueberführung in das Gefängniß zu Dorohoi vollkommen gestatte. Diese Aussage gefiel jedoch dem Herrn Instructions-Richter so wenig, daß er nach Dorohoi reiste, um die Delegirung eines andern Arztes zu erwirken. Mehrere durch Zeugen überwiesene Attentäter befinden sich auf freiem Fuße, und man hat es nur dem Präfecten Janke Ruffet zu danken, daß ein Theil der Räuber in Haft genommen ist. Cimara selbst ist zwar in Haft, doch wird ihm ohne Controls mündlicher und schrifüicher Verkehr gestattet, ungeachtet dies den bestehenden Gesetzen zuwiderläuft. Der soeben eingetroffene Monitorulu Official enthält einen Vortrag des Ministers des Innern, Bratianu, an den Fürsten Carol vom 11./23. Juni d. I., worin auf den beklagenswerthen Zustand der Landgemeinde Darobani und aus den Umstand hingewiesen wird, daß die Leitung der Gemeinde in die Hand eines Primars und dreier Gemeinderälhe gelegt ist, welche sämmtlich weder schreiben noch lesen können und unfähig sind, ihre gesetzliche Mission zu erfüllen. Nur dadurch seien Raubthaten an Gemeinde - Jnsaffen am Hellen Tage möglich, welche von der Gemeindeverwaltung rechtzeitig hätten verhindert werden können. „Im Gegentheile," so heißt es wörtlich, „wurde sogar constatirt, daß sie sich zu Mitschuldigen jener Unordnung (!) gemacht haben, indem bei einigen von ihnen auch Gegenstände gefunden wurden, die zu den geraubten gehören." Aus Grund dieses Vortrages wurde der Gemeinderath von Darobani aufgelöst. Rußland. Berlin, im Juli. Die hiesige „Voff. Ztg." läßt sich aus Rußland schreiben: „Selbst polnische Juden zeigen einen offenbaren Antagonismus gegen ihre russischen Glaubensgenoffen, für welche sie den Schimpfnamen „Litrak" immer in Bereitschaft haben. Nicht zu leugnen ist, daß der polnische Jude, gebildet oder ungebildet, ein viel gemüthvollerer Mensch ist, als der russische Jude, der meist einen an Cynismus grenzenden Charakter verräth und viel schlauer und durchtriebener ist. — Aus den nach dem Kriegsschauplätze abmarschirten Regimentern sind sämmtliche Juden entfernt worden und in die im Innern verbliebenen Truppentheile gethan worden. Wie es scheint, traut die Regierung ihrem Patriotismus nicht, oder sie will ihnen keine Anwartschaft auf spatere Concessionen einräumen. Immerhin bleibt dies ein bezeichnendes Symptom. Amerika. New-Aork, im Juni. (Privatmitth.) Wir würden über einen mißlichen Vorfall geschwiegen haben, da er doch nur durchaus vereinzelt dasteht und von der ganzen amerikanischen Preffe verurtheilt worden ist, wenn er eben nicht viel von sich hätte reden gemacht, und bereits selbst von der europäischen Preffe erwähnt worden. In Saratoga *) wurde ein sehr angesehener Israelit, Herr Seligman, in das Grand Union Hotel nicht ausgenommen , auf ausdrücklichen Befehl des das Hotel leitenden Richters Hiltvn, und zwar weil er grundsätzlich keine Juden in vas Hotel zulaffen wolle. Das Hotel ist ein Actienunternehmen, und hat im vorigen Jahre keine Dividende gezahlt, was bekanntlich die Directoren solcher Actienunternehmungen sehr wenig kümmert. Hilton ist ein sehr reich gewordener Emporkömmling, über deffen Vorleben viel Dunkel schwebt. Seligman hingegen und seine beiden Brüder sind sehr geachtete Männer, die namentlich an der Spitze sehr vieler Wohlthätigkeitsanstalten, allgemeiner wie auch jüdischer, stehen, bescheidene und gebildete Männer. Man kann es als einen glücklichen Zufall ansehen, daß gerade einen solchen Mann, der in der öffentlichen Meinung anerkannt ist, der unduldsame Ausspruch jenes Hilton traf, weil hierdurch dem Publicum die Unvernunft deffelben um so klarer entgentrat. Wir glauben nicht, daß Hilton in der ganzen Union nur einen Nachahmer finden werde. 1) Saratoga ist ein Städtchen im Staate New-Iork, bei welchem das berühmteste Bad der Union Saratoga-SpringS liegt, das jährlich von 25—35,000 Badegästen besucht wird.