Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1877)
- Date
- 1877-07-17
- Page
- Seite 455 (sequence 3)
- Language
- German
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455 die Beantwortung der Frage: wie es kam, daß gewisse römische Autoren so hart über die Juden urtheilten? Renan saßt das Jahrhundert in's Auge, in welchem nach dem Falle der Julier und Flavier eine Reihe trefflicher Männer Len Thron der römischen Cäsaren einnahm, Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius, Markus Aurelius (von 98 — ISu). Es war die Blüthezeit des römischen Kaiserlhums, welche Renan mir ffcherm Griffel vor uns abzeichnet. Militärischer Ruhm verband sich mit der Entwickelung des Rechts und mit einer reichen Entfaltung der Literatur und Kunst. Der Staat war wieder, nach Renans Ausdruck, Republik geworden, der Kaiser aber der erste und einzige Republikaner. Er vergleicht dieses Jahrhundert in einigen zutreffenden Zügen mit dem 18. Jahrhundert. Die Ideologie suchte sich mit der Praxis in der Politik, wie auf allen Gebieten des Lebens und der Wiffenschaft zu verschmelzen. Jnscnders war es die stoische Philosophie, welche sich in ein populäres Gewand geschlagen hatte, und eine strenge Sittenreinheit, Entsagung und Erhebung über jede Leidenschaft und jeden niedrigen Sinn predigte und aus der Aristokratie der Gesellschaft sich einen weiten Kreis von Anhängern bildete. So war es durchaus der griechische Geist, der seit so langer Zeit still wirksam, endlich die römische Schwere durchbrach und zu einer eigenthümlichen Herrschaft gelangte. Wie gesagt, Renan schildert diese Zeit, ihre Ursachen und Wirkungen sehr zutreffend, wenn wir auch nicht verkennen, daß er in seinem oratorischen Schwünge nicht selten Bezeichnungen gebraucht, welche über die rechte Grenze hinausgehen. Dieser aristokratische, philosophische und literarische Geist brachte nun nicht blos eine Entfremdung der herrschenden Kreise vom gesammten Bolke, sondern auch ganz besonders eine Stimmung der Mißachtung gegen die Juden hervor, die unter den Juliern und Flaviern nicht ohne Einfluß in Rom, deren Häupter, soweit sie sich Rom zuncigten, nicht ohne Ehren- und Gunstbezeugungen geblieben waren. Renan fährt fort: Der Hellenismus litt hierunter nicht, denn er verstand es durch seine Schmiegsamkeit (soupiere) oder durch seine Bedeutung sich bei der besten römischen Welt Aufnahme zu verschaffen. Aber das Judenthum und das Christenthum litten darunter. Die Juden hatten keinen Adel; die weltlichen Juden, wie die Herodianer, Tiberius Alexander rc., waren todt; jeder Israelit warb zukünftig als ein Fanatiker angesehen, der von der Welt durch einen Abgrund getrennt sei; gerate die Aufgeklärten dieser Zeit, die in der Stoa und in der griechischen Literatur gebildeten, sahen im Mosaismus nur eine Anhäufung von Absurdem und Unzukömmlichem. Die Juden erschienen ihnen zugleich abergläubisch und irreligiös, Atheisten und dem gröbsten Glauben ergeben. Ihr Cultus kam ihnen wie eine umgestürzte Welt, ein Widerspruch gegen die Vernunft, ein Gegensatz gegen die Gebräuche der anderen Völker vor. Ihre Geschichte wurde auf eine groteske Weise entstellt und in's Lächerliche gezogen; im Allgemeinen glaubte man, daß sie eine Cultussorm des Bacchus gehabt; Antiochus habe vergebens sie zu bessern gesucht. Man schob ihnen unter, Alles zu Haffen, was nicht zu ihnen gehörte. Man verbreitete die Jcee, daß der Proselyt vor Allem gelehrt werde, die Götter zu verachten, jedes patriotische Gefühl abzulegen, Eltern, Kinder, Brüder zu vergessen. Ihre Wohlthängkeit sei nur Egoismus, ihre Sittlichkeit nur scheinbar. — Ties ist kurz zusammenzezogen, was Renan aus den römischen Schriftstellern auszuziehen hatte. Was wir hier gewünscht, wäre, daß Renan noch stärker auch die andere Seite hervorgehoben hätte. Wenn nämlich der neue militärische Ruhm, die Philosophie und eie literarische Ausbildung, sowie das Bewußtsein, auf dem beschrittenen Wege den Staat von innen wieder einmal zu Sicherheit und Ordnung zuriickzuführen, diese römischen Aristokraten zur Verachtung und Feindseligkeit betreffs der Juden veranlaßten, und jene absprechenden und verdammenden Urtheile in ihnen Hervorriesen: so trug andererseits ganz besonders die krasse Unwissenheit hierzu bei, welche über die Religion und die Geschichte der Juden bei den Griechen und Römern obwaltete, und die zu zerstreuen sie sich niemals die Mühe gaben, die grobe Unkennrniß der äußeren und inneren Verhältnisse der Juden, die sie nicht einmal durch die Schriften des Jofephus, welche diesen Zweck gehabt, zu vermindern die Lust hatten. So verbanden sich der aristokratische Geist der griechisch gebildeten Römer jener Zeit mit ihrer Unwissenheit auf unsrem Gebiete und dem bösen Willen, den sie uns enigezentrugen, um sonst hochstehende und bewunderte Autoren zu den böswilligsten und sinnlosesten Urtheilen zu verleiten. Ist längst die Unzulänglichkeit der griechischen und römischen Literaten in Allem, was andere Völker betrifft, anerkannt, den Griechen von strengen Kritikern nach dieser Seile hin sogar Verlogenheit zugeschrieben: so kommen eben die angeführten Momente für das zweite Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung noch dazu, um die Ungunst zu erklären, in welcher die Juden bei den Schriftstellern jener Zeit standen. — Renan fährt fort: „Trajan, Hadrian, Antonin, Marc-Aurel hielten sich so hinsichtlich des Judenlhums in einer Art hochmülhiger Entfernung. Sie kennen es nicht und kümmern sich nicht darum, es zu studiren. Tacitus, der für die große Welt schrieb, spricht von den Juden wie von einer exotischen Kuriosität, völlig ungckannt von denen, an die er sich wendet, und seine Ärrthümer setzen uns in Erstaunen. Das ausschließliche Vertrauen dieser edlen Geister in die römische Tisciplin ließ sie sich nicht kümmern um eine Lehre, die ihnen fremd und absurd erschien. Die Geschichte muß mit Achtung von den ehrlichen und murhigen Staatsmännern sprechen, welche die Welt aus dem Schmutze zogen, rn welchen sie der letzte Julier und der letzte Flavier geworfen; aber sie hatten auch die Unvollkommenheiten, die eine natürliche Folge ihrer Eigenschaften waren. Es waren Aristokraten, Männer der Traditionen, der Vorurtheile, eine Art englischer Tories, ihre Kraft aus ihren Vorurtheilen selbst ziehend. Sie waren durchaus Römer. Ueberzeugl, daß, wer nicht reich oder von guter Geburt sei, kein anständiger Mann 29*