Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1877)
- Date
- 1877-07-10
- Page
- Seite 446 (sequence 10)
- Language
- German
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446 kaum der hundertste Theil aufgebracht worden, und daß geringe Aussicht auf die Wiedererlangung der Habe für die Betroffenen vorhanden ist, da die Uebelthäter den größten Theil vernichtet, in Brunnen oder Teiche geworfen haben. Fast alle Beschädigten, die sich früher eines gewiffen Wohlstandes, sogar Reichthumes erfreuten, sind vorderhand oder bleiben für immer Bettler. Ueber die den österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen durch die Emeute zngefügten materiellen Verluste hat die Commission ein besonderes Protocoll ausgenommen. Bonn, 2. Juli. (Privatmitth.) Unser zuverlässiger Correspondent theilt uns aus einem hebräischen Schreiben, das er aus Botuschan vom 25. Juni erhalten hat, eine ausführliche Schilderung der in Darobani vorgefallenen großen Excesse mit, deren umfänglichster Theil jedoch völlig mit den Mittheilungen übereinstimmt, die wir bereits in dieser Zeitung gegeben. Wir ergänzen diese daher, besonders über den Streit, welcher feit längerer Zeit zwischen dem Bodenbesitzer Cimara und den Juden des Städtchens vorausgegangen, einen Punkt, der bis jetzt noch im Dunkel geblieben war. Die circa 500 jüdischen Familien lebten von jeher mit ihren christl. Mitbürgern in Eintracht, und erst seit vier Jahren hatten sich Zerwürfnisse zwischen ihnen und dem Griechen Cimara erhoben. Die Eltern der Frau Cimara hatten als die Besitzer des Städtchens mit den Juden vor 45 Jahren einen Vertrag abgefchloffen, wonach diese 30 Jahre lang eine jährliche Steuer zu zahlen hatten, um nach Ablauf dieser Frist von allen Ansprüchen der Bodenbesitzer stei zu sein. Dieser Vertrag war seit 15 Jahren abgelaufen. Bor 4 Jahren nun trat der Cimara, um sich aus seinen Geldverlegenheiten zu retten, in welche er theils durch seine Verschwendung, theils durch falsche Speculationen gestürzt war, mit neuen, ganz rechtswidrigen Forderungen an die Juden auf und erbot sich für 40,000 Ducaten(N) seine vermeintlichen Ansprüche für immer aufzugeben. Die Juden wollten dies natürlich nicht zugestehen, und die Gerichte sprachen sie von allen Verpflichtungen frei. Hieraus erklärt sich der Haß der Cimara's gegen die Juden, namentlich die leidenschaftliche brutale Verfahrungsweise der Frau Cimara, welche als die unmittelbare Urheberin der Greuel zu betrachten ist. Am Freitag Abend (1. Juni) brach im Hofe des jüdischen Holzhandlers Baray Feuer aus, welches dessen beträchliches Holzlager gänzlich verzehrte, und das nur Lurch energische Hülfe der herbeigeeilten Juden gelöscht ward. Der Plan der Frau Cimara, das ganze Städtchen dadurch in Feuer aufgehen zu lassen, war auf diese Weise vereitelt. Am Morgen des 3. Juni begann nun der Ueberfall der Griechen und Bauern und dauerte die Plünderung, Verheerung und Mißhandlung von 9 Uhr Vorm, bis 6 Uhr Abends, bis der Sohn der Cimara aus erster Ehe, Hr. Stourdza, dem Frevel Einhalt lhat, sonst wäre schwerlich ein Jude dem Unheil entgangen. Der weitere, sehr specielle Bericht bringt uns nichts Neues. — In dem Blatte „Plexutol" vom 25. Juni giebt ein Herr Labin einen Bericht, der mit dem Obigen übereinstimmt. Nach ihm sind 159 jüdische Hauser völlig zerstört, 65 jüdische Personen stark mißhandelt und 18 fast bis auf den Tod verwundet, einige mit Revolverschüffen. Nach Herrn Labin war übrigens bis zum 25. nur Cimara verhaftet, während die Frau Cimara noch unbehelligt auf ihrem Sommerschloffe verweilt. Egypten. Alexandrien, im Mai. Während das Gute und Nützliche sich so überaus langsam in halbcivilisirten Ländern verbreitet, durcheilt sie das Abergläubische und Gehässige mit Siebenmeilenstiefeln. Der Orient hat bekanntlich von der mittelalterlichchristlichen Erfindung des Blutgebrauchs bei den Juden am Pessach * niemals etwas gewußt. Seitdem aber 1840 die Franzosen dieses Gespenst nach Damaskus verpflanzt und die in der Türkei wohnhaften Griechen dasselbe wiederholt in Scene gefetzt haben, hat es sich zum Nachtheil der Juden bei den Mohammedanern verbreitet, wovon jüngst, wie der Alliance berichtet worden, auch das Dorf Damanhur in Egypten ein Beispiel gab. Die Einwohner und viele Leute aus den Nachbarorten waren am 4. April, dem siebenten Pessachtage, auf dem Marktplatz versammelt, als ein arabisches Weib zu schreien ansing, daß ein Jude ihm sein zweijähriges Mädchen aus den Armen gerissen, in die Synagoge gebracht und getödtet habe. Da die Bevölkerung von einigen Fanatikern aufgeregt, sich auf die Israeliten werfen und mißhandeln wollte, eilte einer der Letzteren H. Moses Scerussi, zum Gouverneur, Sr. Exc. Giafer Pascha, welcher das Weib sofort verhaften ließ, das seine Aussagen zu wiederholen und sogar zu unterzeichnen wagte. Hierauf wurde der Mann desselben gerufen, der nur erklärte, daß er im Begriffe sei, seine Tochter zu suchen, und von dem Raube, dessen seine Frau die Israeliten beschuldigt, nichts wisse. Dennoch wurden Nachsuchungen (der Form wegen, sagte der Gouverneur) in der Synagoge vorgenommen, natürlich erfolglos. Gegen Abend fand man das Kind spielend in dem arabischen Viertel. Die Mutter gestand sodann ein, daß sie gelogen und diese Geschichte auf Anstiflen einiger Araber erfunden habe. Sie wurde mit ihrem Manne in's Gefängniß gesetzt, und 6 bis 8 Individuen, die durchaus nicht das Volk gegen die Israeliten aufgereizt haben wollten, erhielten die Bastonnade. Bonn, 24. Juni. (Notizen.) Man schreibt aus Wien: Vor Kurzem besuchte die Kaiserin Elisabeth das israelitische Taubstummen-Jnstitut. Man meldet darüber, daß die Begrüßung der hohen Frau durch die Dameu des Vorstandes und durch Herrn Director Deutsch stattfand. Die Kaiserin, welche über eine Stunde im Institute verweilte und besonders dem Unterrichte große Aufmerksamkeit schenkte, sprach sich in den anerkennendsten Worten über die humane Anstalt aus. — Die israelit. Cultusgemeinde im Bezirke Sechshaus (bei Wien), deren Tempel vor Jahresfrist