Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1877)
- Date
- 1877-07-10
- Page
- Seite 443 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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443 Austrittsgesetz verdanken. Auf die Bestimmung deS §. 6 gestützt, der die BeitragSpflicht der Ausgetretenen bis zum Ende res auf die Austrittserklärung folgenden Kalenderjahres ausdehnt, hatte der Borstand in regelmäßiger Weise die Beitrage der beiden Ausgetretenen für das Jahr 187 7 ausgeschrieben, und die Heberolle war, wie immer, von der königl. Regierung für executirbar erklärt. Dennoch erhoben die beiden Ausgetretenen eine Klage gegen den Vorstand bei dem königl. Bezirks-Verwaltungs-Gericht in Stettin, in welcher sie sich darauf stützten, Laß sie bereits vor dreizehn Jahren, weil die Gemeinde mehrere Gebete im Gottesdienste weggelasien, sich von der Gemeinde getrennt, ihren Gottesdienst für sich gehalten und die Anstalten der Gemeinde nicht mehr benutzt hätten. Ihr Austritt sei also nicht vom Tage ihrer gerichtlichen Erklärung, sondern viel früher her zu datiren. Der Vorstand berief sich in seiner Klagebeantwortung einfach auf den $. 6 des Gesetzes und das genannte Gericht wies die Kläger ab und verurtheilte sie in die Zahlung der Beiträge und in die Kosten, da sie niemals einer anderen gesetzlich constituirten Gemeinde angehörten und ihre früheren Beschwerden und Gesuche durch Ministerialrescript abgewiefen wurden. Seesen, 29. Juni. (Privalmitth.) Am 21. d. verstarb zu London der Rittergutsbesitzer Herr Meyer Jacobson, der älteste Sohn des unvergeßlichen Präsidenten Jacobson, in seinem 88. Lebensjahre. Er war der Stifter der Jacobson'schen Waisen- Anstalt zu Seesen, die seit 25 Jahren neben der berühmten Jacobson'schen Schule besteht. Der Jnspector dieser Anstalt, Herr I. Stern, schreibt in einem Schristchen, das wir in der nächsten Nummer besprechen werden. Folgendes über den Verstorbenen. „Am 14. August 1789, in der denkwürdigen Nacht der Bastillenstürinung, wurde Meyer Jacobson in Halberstadt geboren. Schon sein Großvater, Israel Jacob, neigte etwas zur MendelSsohn'schen Schule, deren treuer Anhänger sein Vater, der Präsident des jüdischen Consistoriums für das Königreich Westphalen, der Stifter der Jacobson-Schule in Seesen, wurde. In diesem Sinne leitete derselbe die Erziehung seines ältesten Sohnes, unseres Meyer I., den er nur kurze Zeit der Schule anvertraute, ihm aber dann in dem nachherigen Director der Jacobsonschule, Herrn Hofrath Schott, einen ebenso fähigen als gewiffenhaften Lehrer und Erzieher gab." „Im Jahre 1815 verheirathete sich Jacobson mit der Tochter des Juweliers und Krontaxators David Rieß, Henriette. In demselben Jahre begründete er ein Bankgeschäft, dem er zehn Jahre hindurch Vorstand. Dann überließ er dieses Geschäft seinen Theilhabern, indem er dem Geräusche der Stadl das Landleben vorzog. Er kaufte später das Gur Grambow in Mecklenburg, welches er nach einjährigem Betriebe seinem einzigen Sohn übergab. Im Jahre 1840 erwarb er das Rittergut Schulzendorf bei Kvnigs-Wusterhausen, auf dem er bis zum Juli 1874 lebte. Da zwang ihn das vorgerückte Alter, der ferneren Bewirthschaftung auch dieses Gutes zu entsagen, er siedelte nach Berlin über, wo er in der Zurückgezogenheit anderthalb Jahre verbrachte, im Juli 1876 besuchte er das Seebad Mistroy und zog im September desielben Jahres nach London zu seinem Sohne, um im Kreise der Seinigen sein Leben zu beschließen. Es war sein Wunsch, an der Seite seiner im Jahre 187" entschlafenen treu geliebten und nie vergesienen Gattin in seinem Erbbegräbniß zu Seesen eingethan zu werden. Ehre seinem Andenken, Friede seiner Asche!" Bonn, 24. Juni. Zur Charakterisirung der ultramontanen Presie bringt die „Deutsche Vereins- Correspondenz" ein Citat aus dem seit dem I. April im Verlage der „Germania" erscheinendem „Schwarzen Blatt", welches im Haste gegen das deutsche Reich und Preußen ein Aeußerstes leistet, beide mit ren Juden identificirt und zugleich einen Beweis liefert, wie ausgedehnt rie Preßfreiheit in Preußen geübt wird. Wir wollen daher aus diesem Citate einiges Charakteristische entnehmen. Das genannte Schandblatt veröffentlicht nämlich in seiner Nummer vom 15. Juni unter der Ueberfchrift „Kleiner Reichst atechism u s oder die Kunst, in 24 Stunden ein R e i ch s s e i n d zu werten" eine Zusammenstellung von 21 Fragen und Anrworten, in denen das Deutsche Reich als eine Gründung der schändlichsten Art, als eine pure Bergewaltigungsmaschine für die außerpreußischen Staaten u. dgl. dargestellt wird. So heißt es gleich zu Anfang: I. „Was ist das Deutsche Reich? Auf dem Papier ist es ein Bund, inv Wirklichkeit ein Band, an dem Preußen die anderen Staaten führt." Und eine Anmerkung fügt hinzu: „Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." 4. „Warum nennt man das Reich ein Deutsches? Weil es von einer slaviscben Gegend aus regiert wird, und die Juden das große Wort führen." Bei einem solchen Haß gegen die „slavischen Preußen" begreift es sich, daß dieselben in einigen späteren Fragen und Antworten folgender Maßen verarbeitet werden: 8. „Warum nennt man das herrschende Volk Preußen? Weil es mit der hochedlen Nation der Russen verwandt ist." 9. „Wie zeigt sich diese Verwandtschaft besonders? Im Culturkampfe: Die einen behandeln die Katholiken milder Knute, die andern mit Maigesetzen; die einen schicken den Bischof nach Sibirien, die andern schicken sie aus dem Lande." II. „Giebt es viele rechte und echte „Preußen"? Ihre Zahl ist nicht so groß-als ihr Mund." 12. „Welche rechnest du zu cen echten „Preußen"? Alle beschnittenen und unbeschnittenen Juden und außerdem noch diejenigen, welche so unvorsichtig gewesen sind, in der Mark Brandenburg zur Welt zu kommen." 13. „Wen darfst du mit den echten „Preußen" nicht verwechseln? Die gutgerathenen Nachkommen der urdeulschen Stämme