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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-07-10 · Heft 28 (10.7.1877) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 28 (10.7.1877)
Date
1877-07-10
Page
Seite 440 (sequence 4)
Language
German
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steht. Das Judenthum steht allein und fest auf dem Boden der Gotteserkenntniß und Gottesverehrung, aus welchem alle seine Consequenzen erwachsen — der Socialismus beruht auf dem materiellen Wohlbefinden und Genuß, aus denen allein er seine Consequenzen zieht. Jenes fordert die Gleichheit in Recht und Pflicht, die persönliche Freiheit und das Eigenthum — dieser auch die Gleichheit in Erwerb und Genuß ohne Beachtung der Arbeit, ihrer Natur und ihres Maßes, mit Aufhebung des Eigenthums und mit der äußersten Beschränkung der persönlichen Freiheit. Daß als letzte Consequenz der Socialismus auch die Familie aufheben muß, sei hier nicht noch besonders betont. Bei solchen Gegensätzen wird der wirkliche Bekenner des Judenthums dem Socialismus nicht näher zu treten vermögen und ihm niemals durch Verwischung der Grenzen, welche beide trennen, zu schmeicheln suchen. Daß auch als Juden geborene Männer als Socialifien auftraten und wirkten, kann hieran nichts ändern. Im langen Laufe unsrer Geschichte haben wir manche Juden in feindlichen Lagern gesehen. Daß hingegen das Judenthum von seinem Ursprünge an die sociale Frage auf's Sorgfältigste in Betracht nahm, und durch Gesetz und Institutionen auf's Nachdrücklichste zu lösen suchte, glauben wir erwiesen zu haben. Es war und bleibt Gegensatz zu Allen, welche die Gesellschaft zu erschüttern und umzustoßen suchen und hat fest und sicher die ewigen Fundamente aufgeführt, auf welchen die Gesellschaft zum Wohl und Heil aller ihrer Glieder bestehen muß. Die Gebete -er Falaschas. Im Jahre 1867 machte Herr Joseph Halevy eine Reise in's Innere von Abyssinien mit dem besonderen Zwecke, die Falaschas genauer kennen zu lernen, und endlich die Streitfrage, ob sie Juden seien oder nicht? zur Entscheidung zu bringen. Er theilte 1869 in dem Kulletin de la Soci&e de Geographie einen Theil seiner Beobachtungen mit, welche keinen Zweifel über das Judenthum des zwischen die abyssinischen Christen und Mohammedaner eingezwängten Stammes mehr zuließen. Zu gleicher Zeit erschien auch von dem Missionär Martin Flad eine Schilderung der Falaschas, die er als „Abyssinische Juden" bezeichnete. Aus der Controle der Angaben des jüdischen Reisenden und des christlichen Missionärs, die fast in allen Punkten übereinstimmten und sich gegenseitig ergänzten, mußte die Ueberzeugung eine vollständige werden. Wir gaben damals Auszüge aus beiden Schriften, Jahrg. 1869, S. 795. 813. 833. 853. Herr Hattvy hatte eine umfängliche Arbeit aus seinen umfaffenden Beobachtungen abgefaßt, aber der Krieg von 1870/71 verhinderte die Drucklegung und brachte ihn um sein Manuscript. Um nun etwas Wichtiges zu retten, hat er jetzt mit Hülfe der Alliance zu Paris und der 8ocietv oC Hebrew Literature zu London eine Schrift herausgegeben unter dem Titel: ö'sjbey; mberi -112 ■nbn tpv> ■>-r by rriayb rPEJisa pry: (Paris, Joseph Baer 1877). Sie enthält auf 58 Seiten den Text von Gebeten der Falaschas in äthiopischer Sprache und auf 28 Seiten deren hebräische Uebersetzung mit einer hebräischen Vorrede in ausgezeichneter Ausstattung. Wir wollen uns hier nicht wiederholen und verweisen auf unsre oben angeführten Artikel. Für diejenigen unsrer Leser, welche den gedachten Jahrgang nicht zur Hand haben, entwerfen wir ein gedrängtes Bild der Falaschas, Der Name selbst bezeichnet sie als „Söhne des Exils", Exulanten. Ihr Ursprung ist bis jetzt noch dunkel; Halevy hält sie für Abkömmlinge der Agauischen Race, vermischt mit gefangenen Himjariten aus Jemen, von denen sie zum Judenthume bekehrt wurden. Eine Sage läßt sie freilich von einem Sohne des Königs Salomon abstammen. Sie sprechen einen eigenen Dialect des Agauischen Idioms. Die hebräische Sprache kennen sie durchaus nicht und besitzen die Bibel (einschließlich der Apokryphen) nur in der äthiopischen Uebersetzung, und nehmen nur Schriften als autorisirt an, welche in dieser enthalten sind. Sie haben überkommene Gebete in äthiopischer Sprache, beten in ihren Synagogen aber auch in ihrer eigenen und zwar mit größerer Andacht, weil sie diese verstehen. Ihren Kindern wird die Bibel aus dem Aethiop. in ihre Sprache zu übersetzen gelehrt. Diese Synagogen sind nach dem Vorbild des Tempels zu Jerusalem eingerichtet und sie haben Priester, Kahen genannt, welche jedoch nicht aus einem besonderen Stamme sind. Sie bringen gewisse Opfer dar, halten die mosaischen Reinigkeitsgesetze sehr streng, ebenso den Sabbath, an welchem sie weder Licht noch Feuer anzünden, die Beschneidung, die biblischen Feste (mir Ausnahme des Rosch-Haschanah), das Schlachen der Thiere, und halten sich in strenger Absondederung von der übrigen Bevölkerung. Sie wohnen im Gebirge in besonderen Dörfern. Sie zeichnen sich durch ihre Mäßigkeit und Thätigkeit aus. Sie üben alle Handwerke, wenn auch der Ackerbau ihre Hauptbeschäftigung ist.- Sie fabriciren sämmtliche Utensilien, die sie gebrauchen, sind Maurer, schmieden Waffen und weben Baumwolle; gegen den Handel haben sie einen Widerwillen. Die Stellung der Frau zeugt von hoher Moralität: sie steht dem Manne völlig gleich, geht nicht verschleiert und kommt in Gesellschaft der Männer. Beide Gatten liegen den Arbeiten ihres Standes ob, sie haben keine Sklaven. Die Falaschas sind sehr muthig und werden ernsthaft gefürchtet. Eine große Zahl derselben diente in der Armee des Königs Theodor und haben viele Kriegszüge zur Vertheidigung Abyssiniens mitgemacht. Sie lieben ihr Vaterland auf's Innigste und fühlen sich durch üble Aeußerungen über dasselbe sehr beleidigt. Wenn schon aus diesen äußeren Umriffen die Zugehörigkeit der Falaschas zum Judenthume hervorgeht, so erhalten wir durch die vorliegende Schrift auch einen Einblick in ihre religiösen Anschauungen, und konnte HalLvy mit Recht in dem Vorworte sagen, daß der Glaube der Falaschas derselbe sei wie der unsrige.

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