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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-07-03 · Heft 27 (3.7.1877) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 27 (3.7.1877)
Date
1877-07-03
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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429 Stipendien. Für 58 Knaben und 49 Mädchen wurden Schulgeld und Schulbedürfnifse mit 3439 M. besorgt. Für 454 M. wurde Holz vertheilt und 585 M. an außerordentlichen Unterstützungen gewährt. Hierauf folgen die Berichte des israelitischen Vereins für Krankenpflege und Beerdigung, des Frauenvereins für die gleichen Zwecke, des weiblichen Vereins für Armenpflege, ves Frauenvereins zur Unterstützung israelitischer Wittwen und Waisen, in deren Details einzugehen hier zu weit führen würde. Sie alle haben eine zahlreiche Mitgliedschaft, vergrößern mehr oder weniger ihre Fonds und bethätigen ihre Lebenskraft in zunehmenden Maßen. Hieran schließt sich noch der Bericht der Religionsschule unter der Leitung des Herrn Rabbiner Di*. Bamberger mit 263 Zöglingen. Dr. B. sendet demselben jedesmal ein Programm voraus, das wegen seines trefflichen Inhalts im vorigen Jahre in d. Ztg. einen Wiederabdruck fand. In dem vorliegenden Berichte beklagt Dr. B. den religiösen Jndifferentismus, der sich bei unseren Glaubensgenoffen ganz besonders betreffs der jüdischen Literatur zu großem Nachtheile für die Bekenner des Judenthums selbst, sowie für deffen Literatur kundgebe. Die Mehrheit der Juden bleiben ohne Kenntniß der Geistesbewegung und Geistesthätigkeit, die im Judenthume vor sich geht, und die erweckende und befestigende Wirkung, welche die Lectüre tüchtiger Schriften ausübt, bleibt hier selbstverständlich aus. Die weitere Folge ist der allmälige Verfall dieser Literatur selbst, da neue Schriften nur selten erscheinen können und die producirenden Geister sich immer mehr abwenden. Als Mittel dagegen regt Dr. B. besonders die Gründung von Gemeinde- und Bolksbibliotheken an, deren Grundstock leicht die Privaten durch Spenden der bei ihnen vorhandenen und von ihnen wenig benutzten hebräischen u. anderssprachlichen Werken beschaffen könnten. Ferner sollten die Gemeinden Lesezimmer errichten, in welchen die wichtigsten jüdischen Schriften und Zeitschriften auflägen, und ein Cultusbeamter könnte leicht beauftragt werden, von Zeit zu Zeit, etwa wöchentlich, in einem Vortrage, das Wichtigste aus diesen für die Zuhörer zusammenzufaffen. Wer stimmt wohl diesen Ansichten nicht bei, und wünschte nicht deren zahlreiche und umfängliche Ausführung.^) 1) Der Krebsschaden dieses Jndisserentismus laßt aber eben auch die Beherzigung. Ausführung und Wirksamkeit solcher an sich sehr richtigen Vorschläge nicht zu. Für Errichtung von Schulbibliothcken agitirten wir in den vierziger und fünfziger Jahren auf's Lebhafteste, und das Resultat bestand in kaum sechs oder sieben solcher, von deren Fortführung wir spater nichts mehr hörten. Herr Dr. B. erwähnt in seinem Aufsätze auch des „Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur" und würdigt besten Verdienste. Die Gerechtigkeit fordert aber unsrerseits die Bemerkung, daß es die Lauigkeit des Publikums doch nicht allein war, welche nach achtzehnjähriger Thatigkeit das Auf- Hören des Instituts verursachte. Wer die Abonenntenlisten des Instituts durchmustert, wird bemerken, wie verhältnismäßig äußerst wenige Rabbiner die Agentur des JnstiMts übernahmen, die noch dazu mit Dortheilen verbunden war, von denen nur eine kleine Zahl Agenten zu Gunsten des Instituts keinen Gebrauch machten. Noch mehr, die Ungunst der Rabbiner zeigte sich darin, daß sie dem Institute sogar widerstrebten und wegwerfende Urtheile über deffen Leistungen, die doch von Leipzig, im Juni. (Privatmilth.) Den Lesern d. Ztg. ist die hochherzige Idee bekannt, welche der hier gestifteten „deutschisraelit. Darlehenscaffe für Frauen und Jungfrauen" zu Grunde liegt. Sie soll Frauen und Jungfrauen zinslose, aber rückzahlbare Darlehen bieten, um durch Selbfihülfe eine feste Existenz sich beschaffen z» können. Die Idee ist modern; in ftüherer Zeit kannte man nur jüdische Ausstattungscaffen für arme Bräute; aber die moderne Entwickelung stellte ganz andere Bedingungen auf. Es gilt nicht sowohl, armen Mädchen zur Ehe zu verhelfen, in welcher sie oft in noch viel größere Armuth und erdrückenderes Unglück verfallen, sondern Mädchen und Frauen die nöthige Hülfe zu reichen, um in einer redlichen Weise selbstständig ihr Brod zu verdienen. Bekanntlich gaben zwei hiesige Herren und ein Fräulein je 15,000 Mark dazu her, wozu noch zwei Schenkungen von 632 Mark kamen, so daß der Fond gegenwärtig 45,632 Mark beträgt. In diesen Tagen erschien der Rechenschaftsbericht des ersten Jahres. Er lautet insofern nicht befriedigend, als einerseils trotz vielfacher versandter Aufrufe nur die Gemeinden Gehaus, Thorn, Nordhausen, Leipzig und Münsterberg dem Vereine beitraten und Beiträge zusicherten, andererseits sich nur wenige Bewerberinnen und zwar nur in Leipzig und deffen nächster Umgebung einstellten. Der Verwaltungsrath läßt jedoch die Hoffnung nicht fallen, daß sich die Idee der neuen Stiftung mit der Zeit Bahn brechen werde, und hat seine Thätigkeit schon begonnen. Siebzehn Darlehen wurden bewilligt: drei zur Anschaffung von Nähmaschinen, drei zu Möbeln zu chambres garnies, neun zur Errichtung von kleinen Geschäften, eines zur Ausstattung, um in Condition zu treten, eines zur Ausbildung für das Theater (250 Mark», zusammen 2550 Mark. Da nun die Einnahmen 5045Mark betrugen, so ist im Januar 1877 ein verwendbarer Bestand von 2463 Mark verblieben. Zu bemerken ist, daß unter den Einnahmen auch bereits 205 Mark Rückzahlungen sich befinden. Der Verwaltungsrath Hat bereits in zehn Städten bevollmächtigte Damen ernannt, welche die Zwecke des Vereins zu fördern haben, so auch Anträge zu Darlehen zu stellen. Wir wünschen lebhaft, daß sich der gute Gedanke der Stiftung immer weiter verbreite und immer ftuchtbarer werde. den bedeutendsten jüdischen Literaten herrührten, mündlich und schriftlich verbreiteten. Das urthcilslose Publikum folgt dann bald nach. Diese Mißgunst, um es doch einmal auszusprcchen, hat sich allen unseren Unternehmungen entgegengesetzt, und wenn diese dennoch durchdrangen, so war und ist doch ihr Wirkungskreis dadurch immerhin bcnachtbeiligt. Wir haben, so weit die Bescheidenheit uns dies gestattete, die Herren wiederholt aus die Schädlichkeit solchen Gcbahrcns für die allgemeine Sache aufmerksam gemacht, und ihnen vorausgesagt, daß die Folgen ihnen selbst nachtheilig werden würden. Erscheint doch manchem Rabbiner der Erfolg eines jüdischen Schriftstellers als eine Schädigung seines eigenen Ansehens in seiner Gemeinde. Daß übrigens eine Abnahme der productiven Kraft in den Mischen Kreisen sich innerhalb dersLiteratur fühlbar ^nachte, so daß cs an Werken, welche das Jntcrcffc des Publikums zu segeln vermochten, zu mangeln ansrng, was allerdings für den Nachwuchs kein ehrendes Zeugnrß ist, eine Haupttricbfeder mit war, weshalb wir das Institut aufbören ließen, haben wir zur Zeit offen ausgesprochen. Die Redaction. 27

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