Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1877)
- Date
- 1877-07-03
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
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424 Herrn Abb6, die angegebenen Dogmen in den egyptischen Monumenten vollständig wiederzufinden, und in der heiligen Schrift deutliche Spuren derselben. Er mußte sie finden und — fand sie. Seine erste Bemühung galt nun, als die Basis der egyptischen Religion die Lehre vom einzigen, allweisen und allgütigen Gotte nachzuweisen. Er widmet dieser sein drittes Capitel. Bleiben wir hierbei einen Augenblick stehen. Wer die egyptische Mythologie kennen lernt, die zahllosen Tempel und Heiligthümer überblickt, die den verschiedensten Göttern erbaut waren, wie jeder Nomos, jede Stadt, einer anderen Hauptgottheit huldigte, wie diese Götter in den mannigfaltigsten und sonderbarsten Gestalten dargestellt und in vielen Thieren verkörpert gedacht und verehrt wurden, der wird von dem vorgegebenen Monotheismus der Egypter höchlichst überrascht sein. Allein egyptologische Hypothesenjager und mit ihnen Herr Anceffy wiffen sich zu helfen. Sie meinen, primitiv war auch der Egypter Monotheist; die Erkenntniß des einzigen Gottes blieb esoterisch bei den Priestern, während das Volk polytheistisch wurde und zu seiner Befriedigung die mythologische Götterlehre erfunden ward. Die Eingeweihten erkannten nur eine Gottheit an und sahen diese nur nach ihren verschiedenen Eigenschaften in den einzelnen Göttern dargestellt zur Verehrung. Dieser jetzt vielfach verbreiteten, gekünstelten Hypothese, welcher schon a priori die Natur der menschlichen Seele und ihres Entwickelungsganges entgegentritt, widersprachen sehr tüchtige Egyptologen, unter ihnen Mariette. Sie sagten, wenn man auf den Monumenten und in den Texten auch bisweilen das Eigenschaftswort „einzig" und „bester" bei einem Gotte findet, so ist es eben nur dem Gotte beigelegt, dem die Inschrift oder der Text gilt. Selbst in den Texten macht fich der Gedanke eines Gottes, der „Vater der Götter" ist und genannt wird, geltend. In dem großen Pantheon zu Denderah findet sich diese Bezeichnung gar nicht. Wir fugen hinzu, daß in der h. Schrift immer nur von „den Göttern Mizraims" die Rede ist; Pharao hat keinen Begriff von einem einzigen, ewigen Gotte, und weist diesen entrüstet zurück (2 Mos. 5, 2), wohingegen er „einen Gott der Hebräer" gelten laßt (V. 3). In den Beziehungen der Schrift zu Egypten waltet also unzweifelhaft die Voraussetzung des egyptischen Polytheismus vor. — Für diesen hypothetischen Monotheismus findet nun der Verfasser auch bald die Dreieinigkeit heraus, und zeigt das Dogma von der Menschwerdung Gottes, von der Existenz des Satans, von der Erlösung der Menschheit, von der Auferstehung der Todten und dem Weltgericht in den Sagen über Osiris wieder, und er steht nicht an, Osiris vollständig mit Jesus zu vergleichen, den Einen an die Seite des Anderen zu stellen, und in Jesus nur die Verwirklichung dessen zu finden, was in Osiris vorausgesagt worden; Osiris ist ihm typisch Jesus. Daß er hierbei auf viele Widersprüche und Abweichungen trifft, ist natürlich, wie z. B., daß es erst Horus, der Sohn des Osiris, ist, der diesen rächt und die Wiederbelebung desselben vorstellt; aber über solche Schwierigkeiten kommt man mit Worten leicht hinweg, wenn man seine Meinung im Voraus festgestellt hat. Wir bekennen offen, daß wir es nicht für unsre Aufgabe halten, zu erörtern, in wie weit der egyptischen Mythologie hierbei Gewalt angethan wird, und noch weniger, ob die christlichen Theologen sich mit dieser Vergleichung einverstanden erklären werden, welche der Verfasser allerdings nur unternimmt, um den Glauben an die christlichen Dogmen zu begründen und zu bestärken. Wir wenden uns vielmehr gegen den zweiten Theil seiner Deductionen. Die Semiten sollen also primitiv dieselben Dogmen mit in ihre neue Heimath genommen haben, ihre Natur jedoch denselben ungünstig gewesen sei, bis namentlich die Israeliten in ihrem 'trengen Begriff von Monotheismus diese Dogmen bekämpft und zuletzt vergessen halten. Dennoch konnten nicht alle Spuren verwischt werden. Der Verfasser erinnert hier an die bekannten Auslegungen christologischer Art, z. B. auch daß die drei Engel bei Abraham die Dreieinigkeit enthielten. Vorzugsweise jedoch findet er die Dogmen der Welterlösung, der Auferstehung und des Weltgerichts im Hiob Cap. 19, V. 25—29. Hier hätten sich jene Dogmen aus dem tiefsten Bewußtsein heraufgearbeitet und seien zur unumwundenen Aussprache gekommen. Zu diesem Zwecke versucht er es, dem Buche Hiob das höchste Alter zuzuschreiben, und es am liebsten in die vorabrahamitische Zeit zu versetzen. Was an Sprache und einzelnen Bemerkungen gegen diese Annahme und für die Abfassungszeit in der Periode des Iesaias spricht, das ist dem Verfasser als spatere Veränderungen erklärlich. Eine andere Schwierigkeit mußte er darin finden, daß nach seiner Voraussetzung die angeführte Stelle der Haupt- und Endpunkt des ganzen Buches sein, diese Sentenz für die ganze Streitfrage des Buches entscheiden und die folgende Debatte beherrschen mußte. Bon allem dem keine Spur. Die Verhandlungen, die Reden und Widerreden gehen ruhig weiter, legen auf diesen Haupteinwurf — nach Anceffy — gar kein Gewicht, Hiob selbst kommt nicht wieder darauf zurück; die Entscheidung des Streites wird Gott selbst in den Mund gelegt, und dieser gedenkt jener vermeintlichen Hauptlehren nicht mit dem geringsten Worte, und schließlich erhält Hiob eine volle Entschädigung in langem Leben, Familie und Besitz, also im schärfsten Gegensätze zu den Dogmen, die nach dem Verfasser die Hauptsache des ganzen Buches bilden. Es gelingt dem Verfasser nicht, diese Schwierigkeit auch nur einigermaßen zu überwinden. Die Dogmen treten plötzlich aus dem Dunkel, und verschwinden ebenso plötzlich in völliger Nacht. Wie dies möglich, wenn Hiob solche Dogmen als feine Ueberzeugung in seinem Bewußtsein trug, kann er nicht erklären. Wie dergleichen Traditionen bestehen und doch so völlig einfiußlos bleiben und ihrem Gegensatz auch nicht im Entferntesten entgegentreten und entgegenwirken mochten, ist völlig unverständlich. — Doch sehen wir hiervon ab und kommen zu den Worten an der angeführten Stelle selbst. Den Zwang, der ihnen angethan werden muß,