Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1877)
- Date
- 1877-07-03
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227151--35470-3305432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
423 vacant geworden, Dutzende von Bewerbern einfinden. Unter solchen Umständen werden die Vorsteher nie belehrt werden, daß sie sich eines Mißbrauchs ihrer Gewalt schuldig machten. Es sind jetzt 33 Jahre her, daß wir zum ersten Male die Rabbiner zu einer Versammlung, zum Austausch ihrer Ansichten und zur Vereinigung in ihren Tendenzen aufriesen. Es folgten mit der Zeit noch drei Rabbinerversammlungen und zwei Synoden. Aber die Theilnahme an denselben beschränkte sich stets auf eine geringe Anzahl Rabbiner und waren es immer fast dieselben Männer, die erschienen. Selbstverständlich wurden hierdurch diese Versankmlungen eine Parteisache, was sie durchaus nicht zu sein brauchten. Die große Mehrheit der Rabbiner hielt sich fern. Die Früchte dieser Versäumnisse werden jetzt geerntet. Unsre oftmalige Voraussage ging in Erfüllung. Jndeß kann in einer Gesammtheit auch das, was verfehlt worden, nachgeholt werden. Und so wünschen wir, daß unsre heutigen Worte nicht wiederum erfolglos bleiben mögen. Egypten un- -ie heilige Schrift. Unsere Leser wissen, daß wir einen großen Werth den Fortschritten und Ergebnissen der Egyptologie beilegen. Alle Beziehungen, die zwischen den künstlerischen und literarischen Monumenten der Eghpter und den Büchern der h. Schrift aufgefunden werden und nicht auf Hypothesen, sondern auf realen Nachweisen beruhen, sind von großer Bedeutung, sei es in geschichtlicher, sei es in exegetischer Hinsicht. Wenn wir, was die religiöse Lehre und ihre Institutionen betrifft, namentlich auch die Eultusformen, die Gleichmacherei mancher Forscher zwischen dem Egyptismus und dem Mosaismus, so daß sie Liesen am liebsten zu einem bloßen Abklatsch des ersteren machen möchten verwerfen und vielmehr die Verschiedenheit, ja den Gegensatz zwischen beiden in großen und kleinen Zügen erhärteten: so haben wir damit nicht grundsätzlich jede Aehnlichkeit und Verbindung zurückweisen wollen, erkannten vielmehr sehr häufig gerade in der Gegensätzlichkeit die Absicht, es bewußt anders haben zu wollen als in Egypten, wo sich die nachtheiligen Folgen bekundet hatten. Diese bewußte Gegensätzlichkeit kommt auch oft genug in der Bibel zur Aussprache, zeigt aber darum ihrer Natur nach auf die Verbindung und Einwirkung zwischen beiden Nationen. Andererseits sind wir auf egyptologischem Boden noch lange nicht zum Ende gekommen; wir haben vielmehr erst einige Stadien sicher hinter uns. Jede neue Erscheinung zieht daher unsre Aufmerksamkeit auf sich, und als - wir jüngst lasen, daß soeben erschienen sei: Job et L’Egypte, Le redenipleur et la vie future Jans les eivilisalions primitives par I'abbö Victor Ancessi. Paris, Ernest Leroux, 1877, so sorgten wir dafür, daß diese Schrift uns bald zugesendet wurde. Obschon sie nun ziemlich umfänglich ist (XXXIX und 317 S.), so scheint es uns doch nicht, daß viel Nutzen daraus zu schöpfen sei. Wir gehen dennoch etwas näher darauf ein, um diese Art Methode und diese Anschauungs- und Auslegungsweise abzulehnen. Die Schrift leidet unsrer Ansicht nach an zwei Grundfehlern, welche wissenschaftlichen Forschungen nur Schaden thun: sie ist einerseits in viel zu viel schöne und sentimentale Phraseologie eingehüllr, andererseits geht der Vers, von einem völlig christlich theologischen Standpunkte aus. Man sagt den Franzosen mit Recht nach, daß sie es vorzugsweise verstehen, selbst strengwissenschafrlichen Gegenständen eine Tarstellungsweise zu geben, welche sie dem VerstLndniß und Geschmack des großen Publikums näher bringt. Das ist recht gut, aber artet zu leicht in Weitschweifigkeit und Schönrednerei aus, welche nöthigt, den ernsten Kern mühsam aus der Schale zu lösen. Dies ist bei Herrn Ancessi der Fall. Schlimmer aber ist, daß er vom rein christlich-theologischen Gesichtspunkte ausgeht, von diesem auS und für diesen Beweise sucht und darum auch sinder, wo sie nicht vorhanden. Was haben Theologen aller Eonfessionen und Secten nicht schon in die Bibel hineingelegr? und was können sie nicht darin leisten, wenn sie Lies auch z. B. an den egyplischen Monumenten zu thun sich bemühen! Herr Ancessi, ein sehr empfindungsvoller Mann, ist von dem Glauben an die christlichen Dogmen, die Dreieinigkeit, die Menschwerdung Gottes, eie Erbsünde, die Welterlösung durch den Tod Jesu, die Besiegung Les Satans, die Wiederbelebung der Todten in ihren Leibern und das jüngste Gericht vollständig durchdrungen, und steht dabei vor dem Problem, wie Gott den Menschen schaffen und alsbald der Süntenschulv und dem Satan verfallen, und darin Jahrtausende lassen konnte, ehe er durch die Menschwerdung seines Sohnes und dessen Tod die Menschheit wieder erlöste? Dieses Problem will er nun dadurch lösen, daß er annimmt, die angeführten Dogmen seien dem Menschen gewissermaßen von Anfang an mitgezeben worden, so daß der Glaube an sie die Menschen so lange zu trösten und zu erheben vermochte, bis jene „Welterlösung" wirklich eintrat, nur daß sich ihre Tradition in dem einen Menschenstamme erhallen und weniger verhüllt hat, in dem anderen aber frühzeitig erblaßte und sich fast ganz verlor. Der erstere Stamm ist ihm der chamitische, rer zweite der semitische. Im ersteren finden sich daher — vermeint nämlich der Verfasser — jene Dogmen völlig ausgesprochen und nur durch die spätere Entwickelung verdunkelt, im semitischen Stamme nur einige Spuren derselben. Als sich die beiden Stämme in der Vorzeit trennten, nahmen beide dieselben Traditionen mit; doch nur der egyptische bewahrte sie treuer, der semitische schied sie aus und bekämpfte sie. Die Arier sind dem Verfasser zu jung, um von dieser primitiven Tradition etwas Namhaftes empfangen zu haben. Dies ist die Ansicht des Herrn Abbe, um damit zugleich die Wahrheit der christlichen Dogmen zu beweisen, vie somit schon bei der Schöpfung aus der Hand Gottes hervorgegangen und zu den primitiven Grundelementen des menschlichen Geistes gehöNen. Nach dieser Theorie galt es für den