Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1877)
- Date
- 1877-06-26
- Page
- Seite 417 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227150--35463-3305424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
417 noththue und in erster Reihe gefordert werden müsse, das sei die Errichtung von Simultanseminaren, in welchen durch echt-humane Bilvung ein anderer Geist in den Lehrern gepflegt werde — ohne diese unumgängliche Vorbedingung sei die Simultanschule nicht Lenkbar. Die Versammlung einigte sich deshalb mit großer Majorität zu folgender Fassung der Resolution: „Die rheinisch-wefiphälische Conferenz israelit. Lehrer zu Castrop erklärt, daß das Judenthum der Einführung von Simultanschulen unter möglichster Berücksichtigung der localen Verhältnisse nicht entgegen sei, namentlich, wenn alle dabei in Frage kommenden Conseguenzen als „simultane Seminare, Gleichberechtigung bei Anstellung ver Lehrer aller Confessionen" volle Geltung finven." Damit schloß die lange Vormittagssitzung. In den freien Besprechungen während des Nachmittages hielt Blumenfeld - Essen einen Vertrag über die Mängel des jüdischen Religionsunterrichtes an höheren Lehranstalten. Redner tritt mit warmer Begeisterung für die allgemeine Einführung desselben ein, schildert deffen Unzulänglichkeit und hebt insonders hervor, wie, da ihm der obligatorische Charakrer meist fehle, derselbe der Willkür seitens der Schüler wie der Ellern preisgegeben sei. Der erschreckende Jndifferentismus der jüdischen Eltern gegen diesen wichtigen Lehrgegenstand und die natürliche Folge davon, die schwache Betheiligung der Schüler daran, die oft noch geringere Theilnahme, bezw. Aufmerksamkeit, welche diese dem Religionsunterricht schenken, woran ein Theil der Schuld dem Umstand beizumefsen sei, daß man die bez. Stunden in die Freizeit der Schüler verlege, all' das und noch mehr ward vom Redner und Anderen in drastischer Weise drrgethan. Der jüd. Religionsunterricht müsse nicht geduldet oder zugelafsen, sondern berechtigt, d. h. ein integrirender Theil des Gesammtunterrichtes werden. Ohne wahre religiöse Bildung sei eine allgemeine Bildung nicht denkbar. Zu diesem Zwecke müsse der jüdische Religionsunterricht an den höheren Lehranstalten durch einen angestellten Lehrer oder Rabbiner bis in die höchsten Clafsen ertheilt werden; ohne dies verliere die Heranwachsende jüdische Jugend den soliden Grund unter den Füßen, da Unwissenheit in religiösen Dingen dem Un- und Irrglauben die Wege bahne. Darum seien die z. Z. bestehenden leidigen Hindernifle zu einem gedeihlichen Religionsunterrichte mit befferen und nachhaltigeren Erfolgen aus dem Wege zu räumen und mit allen Mitteln müsse der obligatorische Charakter desselben angestrebt werden. Redner empfiehlt deshalb mit eindringlichen Worten unbedingten Anschluß an die bekannte diesbez. Breslauer Petition und schließt unter lautem Beifall der Versammlung. Diese stellt demgemäß folgenden Antrag: „Die rhein.-westph. Conferenz israel. Lehrer ermächtigt den Vorstand, eine diesbez. Petition an den Cultusminister zu erlassen", welcher Beschluß einstimmig Annahme fand. Die Tagesordnung der demnächstigen Conferenz in Ruhrort umfaßt folgende Punkte: 1) Welche Mittel und Wege stehen dem jüdischen Lehrer und Cultusbeamten zu Gebote, dem Vorurtheile gegen Juden und Judenthum entgegenzutreten? Referent: Kronenberg-Ruhrort. 2) Ueber die Erziehung im Judenthum. Res.: Blumenau- Bielefeld. Nach einigen dankenden Anerkennungsworten an die Castroper Gemeinde, deren Vertreter, sowie verschiedene Mitglieder, den Verhandlungen mit sichtlichem Interesse beigewohnt, für die gastfreundliche Aufnahme, welcher Dank von dem Vorsteher, Herrn Cohen, herzlich erwiedert ward, und nachdem dem Vorsitzenden der verdiente Dank für die umsichtige Leitung der Verhandlungen einerseits und die mühevolle, hingebende Führung der Bereinsangelegenheilen andererseits bezeugt war, schloß dieser mit dem Rufe: „Auf frohes Wiedersehen und zahlreiches Erscheinen in Ruhrort" die Sitzung. L. Oppenheimer. Vermischtes. Albert Cohn und Fould. Die Arch. isr. erzählen folgenden Zug von dem kürzlich verstorbenen Albert Cohn zu Paris: Es war zur Zeit, als das Wohlthätigkeitscomit6 des Consistoriums unter dem Vorsitze Albert Cohn's eingesetzt wurde, daß man bemerkte, einer der großen israelitischen Finanziers, Fould, befände sich unter den Beitragenden. Albert Cohn, als Comitemitglied, wollte zwei Delegirte beauftragen, Herrn Fould deshalb zu besuchen, und auf die Bemerkung, daß dieser Besuch schon stattgefunden und F. nicht unterschreiben wolle, sagte Albert Cohn, daß er selbst hingehen wolle. Und er ging hin. Vergebens sprach er von den Leiden der Armen, von dem Elend, dem abzuhelfen sei, von den Bedürfnissen des Comitv's, von den Pflichten, die man gegen die Unglücklichen habe, nichts half, F. wollte auf nichts hören. Nach einem Plaidoyer von einer halben Stunde verlangte Cohn die Erlaubniß, in 14 Tagen wiederkommen zu dürfen, indem er hoffe, daß Herr F. sich eines Besseren besinnen werde. Vergebene Mühe! F. sagte auf's Höflichste zu Cohn, daß seine Bemühungen ganz verloren seien, daß er seinen Entschluß nicht ändern werde. Cohn äußerte, indem er seinen Hut ergriff, um sich zu entfernen, daß es ihm leid thue, so viel gebeten zu haben, daß er wohl wisse, daß er nicht in seinem eignen Hause sei und gewiß Höflichkeitsformen beobachten müsse, daß es ihm aber nichtsdestoweniger vor dem Fortgehen leid thue, ihm bemerken zu müssen, daß er nie gedacht hätte, sich in dem Hause eines