Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1877)
- Date
- 1877-06-26
- Page
- Seite 412 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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412 2&eltiuicj 6acccßu/c(ateit. Deutschland. Berlin, int Juni. (Privatmitth.) Zu den eigenthümlichen Erscheinungen unsrer Zeit gehört es, daß, wo irgend eine kirchliche Besprechung über eine die Gegenwart bewegende Frage hervortritt, sie sofort auf alle anderen Religionen und Confessionen zum Schmähartikel wird. Es ist, als ob der kirchliche Geist sich gar nicht mehr zu äußern vermöge, ohne auf andere Parteien Schimpf und Schmach zu häufen. Bon jeher war es gewöhnlich, daß jede Religionspartei die ganze und unbedingte Wahrheit zu besitzen meinte und vorgab und darum jede andere als im Jrrthum begriffen, verurtheilte. Wir stellen daher gar nicht einmal die Forderung an eine Darstellung aus kirchlichem Gesichtspunkte, daß sie unbefangen und gerecht die Lehrmeinungen anderer Religionen prüfe und wiedergebe. Wir stellen sie nicht, weil wir voraus wisien, daß sie nicht erfüllt werde. Muß aber darum von kirchlicher Seite gleich geschimpft und geschmäht und der Andersgläubige in den Abgrund des Unsinns und der Bosheit geschleudert werden? Sie thun es aber nicht anders, so daß man glauben muß: sie können es nicht anders. Dies ist aber ein schlimmes Zeichen sowohl für die sittliche als für die intellectuelle Bildungsstufe dieser Leute, ebenso wie ein Zeugniß für die Schwäche ihrer Sache. Fühlten unv wüßten sie, daß ihre Beweisführung eine siegreiche, eine logische und überzeugende sei, warum noch die anderen Religionen verleumden und mit Koth bewerfen? . . . Bor Kurzem erschien von einem Pastor Todt ein Buch, betitelt: „Der radikale deutsche Socialismus und die christliche Gesellschaft, auf Grund der Untersuchung des 'Reuen Testaments" (Wittenberg, Rust, 1877). Es ist ein dickes Buch von 479 Seiten, welches Nachweisen soll, worin die gerechten Forderungen der Socialisten bestehen, daß diese sammtlich bereits im Neuen Testamente ausgesprochen und gebilligt seien, so daß dieses die Lösung der socialen Frage enthalte, und sich Jedermann denselben nur anzuschließen brauche, um die sociale Frage vollständig unv friedlich zu lösen, renn ein Gesetz und den Zwang eines Gesetzes verwirft Herr Todt. Es ist nicht unsre Sache, die Auslegungsweise, die hier den Aussprüchen des N. T. angethan wird, zu prüfen und zu beurtheilen. Es ist ganz recht, wenn rer Protestantismus Stellung zu der socialen Frage zu nehmen sucht, worin ihm ja der Ultramontanismus vorangegangen. Dennoch hat ihnen beiden auch hierin das Judenthum den Rang abgelaufen, denn schon 1847, also vor drei Jahrzehnten, hat der Reracteur dieser Zeitung in seinen „Vorlesungen über die religiöse Idee" und „Die Religion der Gesellschaft" die sociale Frage vom Standpunkte des Judenthums erörtert und festgestellt. Wie gesagt, über den eigentlichen Gehalt des dicken Buches mögen wir nicht sprechen. Warum hielt es aber nun ,Herr Todt für angezeigr, auf Judenthum und Juden zu schimpfen, dieselben herabzuwürdigen, über den Talmud alle Lügen der Herren Rohling und Consorten zu wiederholen, mit einem Worte, zu den wüstesten ultramontanen und pietistischen Pamphletisten herunterzusteigen? Der Islam kommt selbstverständlich auch schlecht weg, doch wird er wenigstens nicht geradezu ehrenrührig behandelt. Der vielgerühmte deutsche wiffenschaftliche Geist, der leider aber immer mehr abhanden kommt und bald mit der Laterne gesucht werden muß, zeigt sich auch hier äußerst schwächlich, denn mit einem einzigen irgend wo aufgelesenen Koranspruch glaubt der Berfasier den Islam abgelhan zu haben, als wenn ein gleiches Verfahren nicht auch mit diesem und jenem neutestamentlichen Verse gegen das Christenthum trotz des dicken Buches des Herrn Todt geschehen könnte. Man brauchte dies einfach gar nicht zu lesen, was man in der That Vielen gar nicht verdenken könnte. Mit solchen Geistern kommt die menschliche Gesellschaft nicht um einen Schritt weiter. Berlin, 15. Juni. (Privatm.) Sie haben bereits mehrere Male des Unfugs gedacht, welcher im zweiten Mindener Wahlbezirke durch die pietistische Partei gegen den früheren Abgeordneten res Kreises, General von Etzel, getrieben worden. Unter Anderem machte man ihm zum Vorwurfe, daß er einen Juden, den Prof. Lazarus, an der Kriegsakademie als Lehrer der Philosophie angestellt habe. Wir wollen hier nicht hervorheben, daß die Wahl dieses trefflichen Mannes und besonders ausgezeichneten Redners in den Augen aller Vernünftigen dem General nur zur Ehre gereichen wird. Vielmehr mögen wir nur bemerken, daß diese Wahl ja gar nicht einmal von Etzel allein abhing, sondern daß sie von dem damaligen Unterrichtsminister v. Mühler und dem Kriegsminister v. Roon gnehmigt werten mußte, zwei Männern, welchen Niemand die conservativste Richtung und den kirchlichen Sinn absprechen wird. Dies mußten die Gegner ebenso gut wiffen wie wir, unv es zeigt sich hierbei abermals, daß diese frommen Männer sich der offenbarsten List nicht enthalten, wenn es gilt, zu Gunsten ihrer Partei zu wühlen. — . Biel Aufsehen macht hier jetzt ein zweites Disciplinarverfahren — das erste fand vor einigen Jahren statt — gegen oen Privatvocenten vr. Dührin g wegen grober und wahrheitswidriger Aeußerungen gegen einige hiesige Mitglieder der philosophischen Facultät und diese letztere selbst in mehreren Schriften. Das Unterrichtsministerium wird über die Entfernung Dühring's von der Universität zu entscheiden haben. Unsere Leser werden sich aus N. 27 und 28 des Jahrgangs 1875 der groben und wahrheitswidrigen Ausfälle Dühring's gegen die Juden erinnern, deren verleumderischer Charakter dem „socialisirenden" Philosophen und Nationalöconomen so haarscharf nachgewiesen wurde. Es zeigt sich also auch hier, daß eine unparteiische und wiffenschaftliche Behandlung der Dinge mit solchen unsittlichen Tendenzen