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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-26 · Heft 26 (26.6.1877) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 26 (26.6.1877)
Date
1877-06-26
Page
Seite 411 (sequence 7)
Language
German
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411 dingen (Aargau-, war von Jugend an ein begeisterter Pionier; für Licht, Recht und Wahrheit und mit jugendlichem Feuer kämpfte er unentwegt für die Ideale des Schönen und Guten. Einziger Sohn wohlhabender Eltern, wählte er matererielle Bortheile verschmähend, Len dornenreichen Beruf eines Lehrers. Ein eifriger Freund der Wissenschaft, hatte er sich den Weg zur Hochschule in Basel, wo er unter DeWette, Wackernagel, Fischer, Brenner, Lintner und Stählin studirte, großenteils durch Selbstunterricht gebahnt und spater bei Fellenberg in Hofwyl lehrend und lernend sein Wißen erweitert, das mehr in die Tiefe als in die Breite ging. „Als Lehrer einer israelitischen Gemeinde war sein Hauptwirken darauf gerichtet, seinen Glaubensgenosien in moralischer und politischer Hinsicht ein menschenwürdigeres Dasein zu bereiten." Nachdem dann Einiges über das Leben des Verstorbenen gesagt worden, was bereits in Nr. 25 mitgetheilt ist, heißt es weiter: „Am offenen Grabe rief einer der Söhne in ergreifenden Worten dem geliebten Pater das letzte Lebewohl zu. Dann trat Herr Furrer, Pfarrer zu Sr. Peter, an den Sarg. Als ein besonderes schönes Zeichen der Zeit verdient es hervorgehoben zu werden, daß ein protestantischer Geistlicher am Sarge eines Juden steht und spricht, wie dies der hochbegabte Redner von St. Peter gethan. Wie Prophetenstimmen drang cs durch Slurni und Wetter in die Herzen der von Nah und Fern herbeigeeilten Verehrer des Verstorbenen. Die Worte, sie sind nicht verhallt im Brausen des Sturmes; sic weiden sortleben wie. das Wirken des Berblichenen. Wir können eS uns nicht versagen, diese Worte hier wiederzugeben. „leidtragende Freunde!" so sprach Herr Furrer, „wir stehen am Grabe eines Mannes, dem der allgütige Gott verliehen, bis in die letzten Stunden seines Erdentages für die Ideale seines geistigen Lebens die unverminderte Kraft und Frische des Gemüthes bewahren zu können. Als schönsten Ehrenkran; dürfen wir aus sein Grab das Zeugniß legen, daß er die Grundsätze, die er einst mir jugendlicher Wärme ersaßt harte, für die er mit der besten Kraft seiner Mannesjahre eingestanden, auch sterbend noch festgehalten hat und daß er der Mahnung des großen deutschen Dichters eingedenk war: „Saget ihm, daß, wenn er Mann sein wird, er nicht verachten soll die Träume seiner Jugend, daß er nicht soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit Begeisterung, die Himmelstochter, lästert." Wenn aber ich, freundlichem Wunsche folgend, an seinem Grabe rede, so thue ich dies nicht blos in dankbarer Erinnerung an das Wohlwollen, das unser entschlafener Freund meiner geistigen Arbeit schenkte, sondern noch mehr auf Grund zweier großen Principien, zu denen wir uns gemeinsam bekannt haben. Er wirkte in seinem Kreise mit aller Begeisterung, daß Freiheit des Gewissens und Glaubens zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehöre, daß alles, waö die Menschheit wahrhaft groß und gut macht, nur in der Himmelsluft der Freiheit gedeihen und sich mehren könne. Ja, ihm war cs zweifellose Gewißheit, gerade in unserer Zeit müsie ein Jeder in freier eigener Geistes-- arbcit sich eine feste Ueberzeugung gewinnen, wenn anders er einen Halt haben wolle für Leben und Sterben, jeder müsse durch eigene Anstrengung die uralte heilige Wahrheit sich zum persönlichen Eigenthum machen. Daher sei im Interesse der allgemeinen höchsten Lebensgüter und im festen Vertrauen auf die schließliche Allgewalt dessen, was Gottes ist, die volle Freiheit geistigen Lebens und Strcbens zu gewähren. Aber Freiheit und Freisinnigkeit soll nicht Gleichgültigkeit gegen die Heiligthümer der Seele bereuten, soll nicht leichtfertige Veneinung alles dessen sein, wofür einst die Väter geglüht, gekämpft und geblutet haben. Nein, cs soll unvergänglich cas Menschenherz eine heilige Stätte in sich bewahren. Tugend ist kein leerer Wahn, der Glaube an eine ewige Weisheit, Macht und Güte kein bloßer Traum, sondern innerste Gewißheit. Und die hohen himmlischen Güter des Geistes erst geben dem Menschenleben seinen heiligen Werth, wie seine unsterbliche Bedeutung. So suchte der Entschlafene nach seiner Weise mit frischem, furchtlosem Vorwärtsstreben pietätsvolles Festhalten zu vereinen, nicht am Buchstaben der Väter, aber an dem, was von Gottes Geist getrieben sie geglaubt und verkündet hatten. In dunkler Gewillerstnnde stehen wir am Grabe dieses Mannes. Wie oft, meine Freunde, hat es um Israel trüb und dunkel ausgcsehen, wie oft schien sternenlos seine Nacht zu sein und grenzenlos sein Leid! Aber immer wieder ist Israel gerettet worden, gerettet durch den Idealismus seiner besten Söhne, durch den kühnen Glauben, die hochherzige Gottesliebe seiner Sänger und Propheten zum weltgeschichtlichen Beweis dafür, daß eine große, tiefgewurzelte religiöse Ueberzeugung vereint mit tiefem siltlichem Ernst, die stärkste Macht auch für die Völker ist in allem Sturm und Schmerz der Zeiten. Gegen das Volk aber, aus dessen Reihen die größten Wchlthäter des menschlichen Geschlechtes hervorgegangen sind und welches die Züge seines Genius in ihrem unsterblichen Bilde verklärt Hai, erfüllt mich ein Gefühl reiner und freier Dankbarkeit. Israel hat zu allen Zeiten das Gebot hochgehalten: „Ehre deinen Vater und deine Mutter", und fern vom allen Heimathland in dankbarer ehrfurchtsvoller Liebe gegen die Eltern für minder und Kindeskinder die beste Stütze der Erhaltung der engsten Heimalh gesucht und gefunden. Möge dankbare Kindestreue bleiben Israels unvergänglicher Ruhm. Möge an Gattin und Kindern unseres entschlafenen Freudes all' die Liebe gesegnet sein, welche als hellster Sonnenschein sein Leben durchleuchtet hat, möge gesegnet sein die Liebe, die eines treuen Vaters über Tod und Grab hinaus nicht vergessen will, und möge gesegnet sein Alles, was unser Freund mit Gottes Gnade ausgestreut hat als Samenkörner ewigen geistigen Lebens. Das walte Gott!"

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