Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1877)
- Date
- 1877-06-26
- Page
- Seite 410 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Mann stark sein mochten. Diese Leute wurden, mit 'Zalagaus unv Pistolen bewaffnet, auf den Markt geschickt, um die Bauern für das Unternehmen zu gewinnen. Frau Cimara fuhr ebenfalls, mit einer Pistole bewaffnet, in Begleitung Bewaffneter durch die Stadt und liest gratis Schnaps venheilen. An dreißig bis vierzig Bauern wurden gewonnen, und dann ging es über die nichts ahnenden Juden her. Sie wurden fast sämmtlich geschlagen, viele verwundet, einige erlagen sofort den Mefferstichen der Griechen, andere starben den Tag daraus. Die Weiber und Kinder flohen aus dem Orte. Aller Häuser wurden zerstört, die Habe auf Leiterwagen geladen, die Waaren, das Silberzeug weggcschleppt. Was nicht mehr mitgenommen werden konnte, wurde vernichtet. Die Synagoge wurde erbrochen, und die heiligen Bücher wurden aus den Straßen mit Füßen getreten. Die ganze jüdische Bevölkerung ist an den Bettelstab gebracht; Einige, die ein Vermögen von fünf- bis zehntausend Ducaten hatten, haben heute faciisch nichts zu essen. Der Verlust muß ein immenser sein. Wie ich soeben erfahre, soll die Regierung sehr energische Maßregeln behufs Bestrafung der Schuldigen ergriffen haben. ES ist zu wünschen, daß die Untersuchung eine rasche, die Strafe eine exemplarische sei, wenn Europa nicht mit Fingern auf uns deuten soll. Die in Wien erscheinende Pol. Eorr. bringt eine Schilderung der in obigem Briefe beschriebenen Vorgänge, welche zur Ergänzung des entsetzlichen Gesammlbilres dienen können. Frau Cimara rief laut und vernehmlich den Bauern zu, sie sollten über die Juden herfallen, sie schlagen, sie tödten und sich dann die Habe derselben als Belohnung theilen. Hinter ihrer Kutsch: fuhr ein Gursverwalter Cimara's, der mehrere Fäßchen Branntwein aus seinem Wagen hatte, die alsbald auf der Straße abgeladen und den Bauern gespendet wurden. Jeder konnte unentgeltlich trinken so viel er wollte und ko viel er vermochte. Die Dame hatte auch zwanzig Griechen von ihrem Gute mit sich gebracht, welch die Bauern ebenfalls aufhetzten und sich — nachdem der Schnaps seine Wirkung gethan hatte — an die Spitze derselben stellten und über die Juden he, sielen. Vierhundert >üd. Häuser wurden ganz ausgeplündert. Die Waaren aus den Buden der Juden wurden aus Bauernwagen geladen; alles Geld, Silberzeug, Schmuck geraubt, die Bücher und Schrrflen verbrannt oder zerfetzt, alle Juden, ohne Ausnahme, thalsächlich mißhandelt, Weiber, Greise und Kinder nicht ausgenommen. Vielen wurden durch die 4)atagans der Arnauten die Sehnen durchschnitten; die Synagoge wurde erbrochen, alle darin besinrlichen Gegenstände wurden auf die Straße geschleppt, unter dem Gejohle der besoffenen Meure m l Füßen getreten und in tausend Stücke zeri trümmert. Der Werth der geraubten Waaren, Gelt- und sonstigen Werihsachen wird auf mindestens 60,000 Ducaten veranschlagt. Vierhundert Familien sind obdach- und brotlos geworden. Von den nach der Stadt Dorohoi iu's Spital geschafften mißhandelten Juden sind bereits mehrere ihren Wunden erlegen. — Nachdem der traurige Act vollbracht war, erschienen der Präfect und der Procuror aus der Stadt Dorohoi, nahmen mehrere Verhafttingen vor und leiteten sofort die Untersuchung ein. Ein Telegramm desselben Blattes aus Jassy lautet: Der der Anstiftung der letzten Juden-Excesse in Darobani beinzichtigte Gutsbesitzer Cimara und dessen Frau wurden verhaftet. Andere Schuldige sind gleichfalls verhaftet. Aus Berlin schreibt man, daß die dortige Allianz bei rem Staatsminister v. BLlow wegen der schändlichen Ereignisse in Darobani vorstellig geworden. Es ist zu erwarten, daß das deutsche auswärtige Amt der geschändeten Menschlichkeit sich annehmen werde; doch wird die rumänische Regierung aus die bereits ergriffene gerichtliche Untersuchung Hinweisen. — Der Einzige, der wirklich helfen könnte, wäre jetzt der Kaiser von Rußland. Wir haben der >11. isr. univ. vorgeschlagen, sich an diesen zu wenden. Wir haben einen solchen Schritt 1556 und später mit Erfolg gethan — jetzt aber, wo die Juden in der >11. eine Art Gesammtverlretung haben, ist es die Sache dieser.') Eine Ne-e eines protestantischen Pastors. Wir können es uns nicht versagen, an dieser Stelle die Rede eines protestantischen Pfarrers wiederzugeben, so gediegen an Inhalt und Form, so wahrhaftig und warm, daß sie auch uns rief bewegte. Wir geben sie wieder als ein Zeugniß, daß der Geist der Liebe und der Erleuchtung doch noch nicht ganz vor der consessicnellen Zwietracht und Verdunkelung geschwunden ist, und zugleich als ein Zeugniß, mit welcher Freude wir jede Kundgebung eines edlen und humanen Geistes aufnehmen. Die „Schweizer Grenzpost", die zu Basel erscheint, enthält in ihrer Nummer vom 11. Juni einen Nekrolog des jüdischen Lehrers Markus G. Dreifuß, über dessen Hinscheiden wir in voriger Nummer berichtet haben. Er beginnt: „Bei dem orkanartigen Sturm, der in entfesselter Mackt, Freitag Nachmittags, über die Stadt Zürich zog, wurde auf dem dortigen israelitischen Friedhofe die irdische Hülle eines Mannes in die Erde gesenkt, der es wohl verdient, daß seiner erwähnt werde. „Markus Dreifuß, bis vor kurzer Zeit Religionslehrer an der israelitischen Cultusgemeinde Zürich, früher Lehrer in Ent> Die „Köln. Ztg." vom if>. d. zweites Blatt enthält eine Correfpondcnz, wetche, w weitschweifig sie ist und io wenig Thatsachcn sie enthält, cdciisovicle boshafte Unrichtigkeiten dringt. Sie verfolgt die übrigens undankbare Tendenz, die Juden und die Rumänen zugleich zu schmähen und anzuschuldigcn, die Griechen dagegen, namentlich den Grafen Cimara und seine Frau von der Urheberschaft und Leitung der Emeutc frcizusprcchcn. Dabei widcrsährt dem Berichterstatter das Unglück, in einem Athem die Borgänge „ungeheuerlich" zu nennen und doch das, was geschehen, auf ein harmloses Minimum herabfctrcn zu wollen.