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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-26 · Heft 26 (26.6.1877) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 26 (26.6.1877)
Date
1877-06-26
Page
Seite 408 (sequence 4)
Language
German
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408 ist es nun zu verwundern, daß schließlich auch die anderen Volkselemente über die Juden hersallen und sie als gute Beute betrachten und behandeln? Man fragt sich entrüstet: woher dieser unerbittliche Judenhaß? Würde dieser seit alter Zeit zu den hergebrachten Erscheinungen dieses Landes gehören, so wäre die Erklärung leicht. Man hätte die Fortsetzung eines alten Nebels vor sich und könnte daran nur den Culturzusland dieses Volkes und seiner Regierung bemesien, der noch heute zuließe, was im übrigen Europa seil mehreren Jahrhunderten verschwunden ist. Aber die Sache verhält sich gerade umgekehrt. In der alten Moldau und Walachei erfreuten sich die Juden einer verhältnißmäßig guten Behandlung. Das Volk lebte mit ihnen in Frieden; sie waren in gewerblicher Beziehung weniger beschränkt als anderswo; in Ländern unter türkischer Oberhoheit kannte man in örtlicher und gewerblicher Beziehung keine Ausnahmegesetze. Sie trieben Landwirthschast, in ausgedehntem Maße Handwerke und Tagelöhnerei, sowie Groß- und Kleinhandel. Der Haß und die Verfolgung begannen erst mit der Selbstständigkeit und der Vereinigung der beiden Donaufürstenthümer. Diese Verfolgungswuth ist also erst ein Product der Neuzeit, seitdem die türkische Autorität vollständig beseitigt ist. Da zugleich jedes politische Moment fehlt, da die Juden auch nicht im Entferntesten dem rumänischen Staate irgend eine Opposition oder nur Schwierigkeit bereiteten, so haben wir es hier lediglich mit den Ausbrüchen einer durch die Cioilisation nurchalb gebundenen Barbarei und gemeinen Rohheit zu thun, die wie das unterirdische Feuer der Erde nach einer Eruption drängt und ihre glühende Lava über die wehrlosen Juden ergießt. Dies ist die einzige mögliche Erklärung, La alle anderen Momente fehlen. Der jüngste grausige Vorgang zu Darobani hat nun noch das Eigene, daß die schändlichen Urheber keine Rumänen, sondern Griechen waren, mit denen sich nur schließlich, da es an's Plündern ging, rumänische Bauern verbanden. Daraus wird, es sich auch erklären, daß die rumänische Regierung diesmal einige Thäligkeit in der Auffindung der Uebelthärer entwickelt. Die gleichzeitigen Vorgänge in Jasiy aber zeigen, daß dieselbe Rohheit in allen Theilen des rumänischen Volkes vorhanden, und überall bereit ist, zum Durchbruch zu kommen. Helsen kann nur eine thatsächliche Intervention von ganz Europa. Daß aber diese eintreten werde, jetzt oder in nächster Zukunft, ist nach der politischen Lage kaum zu hoffen. Wir sehen, daß eine benachbarte Großmacht so gut wie schweigt, selbst wenn eigene Unterthanen betroffen wurden, was ließe sich also von den anderen erwarten? Dennoch dürfen wir nicht aushören, Europa die Lage der Dinge vorzustellen. Wir wissen sehr.wohl, daß dies den Rumänen äußerst zuwider ist. Sie möchten in den Augen Europa's sich als ein civilisirtes Volk und ihren Staat von aller Anarchie frei geltend machen. Sie möchten den Opfern ihrer Mißhandlung zugleich die Kehle zuschnüren, daß sie nicht klagen und nach Hülfe schreien könnten. An den Opfern selbst mag dies theilweise gelingen. Denn auch die Furcht benimmt die Sprache. Wir aber, die solchen Schauspielen beizuwohnen verurtheilt sind, können eine solche Politik der Feigheit nicht treiben, die schließlich uns noch die Verachtung der Welt zuziehen würde. Genug, wir vermeiden es heute, unsrer Entrüstung entsprechende Worte zu geben. Was nutzen die leidenschaftliche Phrasen! Die Thatsachen sprechen zu laut, und wessen Herz von ihnen nicht bewegt wird, den können auch Worte nicht aufregen. Verfolgen wir den Gang, den die letzten Vorkommnisie nahmen. Wir haben in voriger Nummer gesehen, daß das Regierungsorgan selbst, der „Romanul", die Thalsachen, wenn auch in vermindernder Weise, eingestanden hat. Die anderen rumänischen Blätter in ihrer grenzenlosen Verlogenheit suchten den Spieß umzudrehen. Man berichtet der „K. Z." aus Bukarest vom 11. Juni: „Die Unruhen, welche am 5. d. in dem moldauischen Städtchen Darobani stattgefunden haben, und welche in Wiener Blättern als eine Judenverfolgung gekennzeichnet wurden, werden von rumänischer Seite so dargestellt, daß die Juden gar die Verfolger gewesen seien." Es wird nämlich hierher berichtet: „Der Angriff erfolgte seitens der Juden, und zwar hauptsächlich gegen einen Großgrundbesitzer NamenS Graf Cimara. Man erbat telegraphisch die Hülse des griech. Consuls Rhangale, da die rumänischen Behörden keine Unterstützung gewähren. Die Juden sind in dem genannte Orte 3500, die Christen aber nur 700 Köpfe stark. Graf Cimara war bei Ausbruch der Unruhen nicht auf seinen Besitzungen zugegen, sondern nur die Gräfin und deren Töchter. Der Graf weilt jetzt hier, um in einer Audienz beim Fürsten Schutz und Hülfe zu suchen." Eine solche perfide Version konnte sich nicht lange halten und die „K. Z." schreibt bereits vom 12.: „Wie uns gemeldet wird, ist der Gutsbesitzer Cimara, von rem es gestern hieß, daß er von den Juden überfallen worden sei, der Anstiftung der darobaner Judenhetze bezichtigt und mit seiner Fran und den muthmaßlichen Mitschuldigen verhaftet worden". Die „N. fr. Pr." schreibt aus Wien unter dem 11. Juni: „Gegen die vor Kurzem in dem Dorfe Darobani vorgefallenen Juden-Excesfe hat die rumänische Regierung sich endlich zu energischen Maßregeln aufgerafft. Der General - Procurator wurde mit Truppen an Ort und Stelle geschickt, um die Schuldigen zur strengsten Verantwortung zu ziehen. Es liegen uns über die schmachvollen Vorgänge zu Darobani amtliche Schriftstücke vor, welche über den Charakter derselben einiges Licht verbreiten. In einem an Herrn Balatschano, rumänischen Agenten zu Wien, gerichteten chiffrirten Telegramme vom 8. Juni äußert sich Minister Bratiauu wie folgt: „Der Grieche Cimara, Eigenthümer von Darobani, lebte schon seit lange im Streite mit den jüdischen Bewohnern seines Dorfes, welch' Letztere die Regierung immer gegen seine Vexationen in Schutz genommen hat. Eines Tages stürzten sich seine Dienstleute, Griechen wie er, im Vereine mit Bauern auf die Juden

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