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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-26 · Heft 26 (26.6.1877) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 26 (26.6.1877)
Date
1877-06-26
Page
Seite 407 (sequence 3)
Language
German
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407 eg beseitigt hat. Wir erinnern;. B. an David Strauß' „Alter uns neuer Glaube", der so vielen Staub ausgewirbelt hat und jetzt schon ziemlich wieder vergessen ist. Diese Erscheinung findet sich nun bei dem jüdischen Publikum gerade wie bei dem christlichen. Bemerkenswerrh ist, daß in jüdischen Kreisen dieses religiöse Schwanken besonders bei den Frauen Platz gesunden hat, wahrend sich sonst das weibliche Geschlecht zum Festhalten des Aberglaubens geneigter zeigt. Sei es die geringere Kenntniß der Religion und ihrer Urkunden, sei es die oberslächlichere Denkkraft und Kritik, verbunden mit der Sucht nach Neuem und Contrasten, oder gar in gewisser Weise zu glanzen: wir finden weit öfter von Seilen der Männer bei den Juden entschiedene Zurückweisung des Zweifels und des Unglaubens als bei den Frauen. Es ist dies um so schädlicher, als dadurch auf die Erziehung der Jugend, namentlich im Kindesalter, ein nachteiliger Einfluß geübt und in den jugendlichen Herzen und Geistern ein äußerst verworrener Zustand hervorgerufen wird. Hierzu kommt andererseits, daß Individuen, welche aus der osteuropäischen Uneultur mit einem Male in die Lebens- und Denkweise der mittel- und westeuropäischen Länder eintreten, und Veranlassung finden, so Vieles von ihren bisherigen Sitten und Anschauungen auszugeben, Unheil und Besonnenheit verlieren und mit einem Sprunge in das Gegentheil sich versetzen. Wie aber der Unglaube ein voller Gegensatz zum Judenthume ist, wie er den ganzen Inhalt desselben verleugnet und nicht blos die Lehre von Gott, sondern hiermit auch die auf diese gestützten sittlichen und socialen Confeqnenzen des Judenlhums verneint: so kann auch schon den religiösen Jndifferentismus das Judenlhum nur schwer ertragen. Als Religion der Minderheit, als .von allen Seiten angegriffene und bekämpfte Religion, selbst in den politischen und socialen Verhältnissen ihrer Bekenner berachiheilizte, oft bedrängte und selbst verfolgte Religion bedarf mehr als jede andere das Judenrhum der warmen Liebe, der Hingebung und Opferwilligkeit und kann mit dem Jndisferenlismus weder bestehen und blühen, noch wahrhaft einwirken. Wahrlich, es ist ein befriedigendes Bewußtsein, durch seine Religion ebenso vor dem Unglauben geschützt als vor dem Aberglauben bewahrt zu fein, seine Kinder in dem vernunftgemäßen Glauben an den einzigen, allweisen, allliebenren, allgereckten und allbarmherzigen Weltschöpfer, mit der vollen Liebe zu Gott und Menschen im Herzen erziehen, alle hiermit nicht übereinstimmenden Vorstellungen zurückweisen, und diese Ueberzeugung durch die geheiligte Tradition der Geschlechter und durch überlieferte religiöse Institutionen befestigen, verewigen zu können! Aus der oben gezeichneten Stellung des Judenthums geht aber auch die Art und Weise hervor, in welcher es seine Aufgabe zu lösen habe. Aggressiv, d. h. mit nicht hervorgerufenen Angriffen vorzugehen, ist es heute so wenig wie jemals berufen. Seinen Bestand in vollständiger Unabhängigkeit und Unumwundenheit zu behaupten und zu sickern „vor den Augen der Völker und ihrer Herrscher" wie der Psalmist sagt, und ohne Verzagtheit offenkundig zu machen, das ist seine erste Pflicht. Aus dieser fließt um so mehr die zweite, nach innen alle seine Kräfte anzustrengen, um im gegenwärtigen und zukünftigen Geschlcchte alle seine Glieder mit der Erkenntniß seiner Lehren und mit hingebender Treue zu erfüllen. Und hieran schließt sich seine dritte Pflicht, mit Muth und Unerschrockenheit , mit Nachdruck und Ausdauer jeden Angriff, woher er auch komme, abzuwehren und zmückzuweisen, und hier ist gerade das Feld, auf welchem in gerechter Weise Aberglauben und Unglauben zu bekämpfen sind, da diese beiden im Judenlhume ihren geborenen Gegensatz anerkennen. Wir haben nach ccm geschichtlichen Vorgänge im Judenthume die Lehren unsrer Religion, wie wir sie erkennen und auffasien, nicht als formulirte Dogmen aufzustellen und als Bedingungen des Glaubens zu proclamiren, wohl aber dieselben nach dem Geiste der h. Sckrift und der ganzen weiteren Entwickelung bis zu unsren Tagen sestzuhalten, immer tiefer zu durchforschen, immer klarer zu erkennen, und uns davor zu verwahren, die echten Grenzsteine zu verrücken und Concessionen nach irgend welcher Seite hin, auch nicht an die Modelheorien der Zeit zu machen. Dies ist unsre Aufgabe und in der Lösung derselben werden wir als Individuen unsre Befriedigung, als Gesammrheit unser Bewußtsein sincen. tt n ut a it i e n. Rumänien nimmt eine Sonderstellung unter allen Ländern der Welt gegenwärtig ein. Wir meinen nicht sowohl was seine politischen, nationalen und volkswirthschafilichen Berhältnisie betrifft. Sie mögen manches Aparte haben, doch stehen ihm darin andere halbcivilisirte kleine Staaten in derselben Gegend und vielleicht auch anderswo zur Seite. Worin aber Rumänien ein Unicum ist, und weshalb wir zu der traurigen Norrhwendigkeit verurtheilt sind, ihm immer wieder einen besonderen Artikel widmen zu müffen, das ist die schrankenlose Barbarei, die es seit zwölf Jahren in steigendem Maße gegen seine jüdische Mitbevölkerung ausübt. Hieran hat die Regierung und ihr ganzer Beamtenschweif, hieran die Bojaren d. s. die Aristokraten des Landes, hieran die sg. gebildeten Claffen, die Bürger und die Bauern ihren Aniheil. Die Regierung war es mit ihrer Depurirtenkammer und ihrem Senat, welche an diesem maßlosen Unheil die Schuld trägt, iheils durch die von ihr hervorgerufenen Gesetze, durch welche die Juden aller bürgerlichen Rechte, soweit sie dieselben von den früheren Regierungen erhalten hatten, beraubt und immer drückenderen Ausnahmegesetzen unterweisen wurden, iheils indem sie ihre Beamten, höhere und niedere unbestraft die Juden vertreiben, mißhandeln und ausplündern ließ, ohne daß den letzteren irgend eine Reparation und Entschädigung zuerkheilt wurde. Von der Regierung ging die Judenverfolgung aus die sg. feinere Claffe, namentlich deren Jugend über und 26*

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