Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1877)
- Date
- 1877-06-26
- Page
- Seite 406 (sequence 2)
- Language
- German
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406 Thatsache. Die beiden Gegensätze berühren sich einander bekanntlich sehr nahe. Einer gebiert den anderen und in zahllosen Individuen geht der eine unmittelbar in den anderen über. Denn der sich verbreitende Unglaube schreckt ganze Massen, und darunter sehr gebildete und kenntnißreiche Köpfe zu Institutionen zurück, die Len mittelalterlichen Aberglauben aufrecht erhalten und mit allen Mitteln pflegen, weil in ihm ihr Bestand und ihre Herrschaft liegt. Der sich verbreitende Aberglaube giebt dem Unglauben ein besonderes Piedestal, oder, mit anderen Worten, drückt ihm die schärfsten Waffen in die Hand, mit welchen dann der echte Glaube und jede religiöse Ueberzeugung niedergemäht wird. Die im Aberglauben erzogene Jugend springt leicht in das Gegenthcil über und der im Unglauben gealterte Mensch wirft sich in seiner Sehnsucht nach Rettung dem Aberglauben blind in die Arme. Zu aller Zeit hat eine rafsinirte Cultur, ein überfeiner Luxus zu Unglauben und Aberglauben geführt. Die Leidenschaften, N'cht als rohe Natnrgewalten, sondern unter mehr gekünstelter und geregelter Maske suchen ihren Schauplatz und ihren Ausganz am bequemsten und breitesten in ihnen. Die persönlichen Interessen finden die Kanäle ihrer Jntriguen und ein reicheres Maß der Befriedigung ini Aberglauben und im Unglauben. Bald vereinigen sich die größten politischen Interessen damit, renn beide Extreme streben nach Machtkreisen und vermögen besondere leitende Triebfedern für Politik und Gesetzgebung zu beschaffen. Das geklarte Judenlhum dagegen ist die vernunfrmäßige religiöse Ueberzeugung. wie diese sich zugleich auf die breite geschichtliche Unterlage der Jahrtausende stützt und aus ihr erwachsen ist — die religiöse Ueberzeugung, welche dem Unglauben, die vernunftgemäße. welche dem vernunftwidr'gen Aberglauben, dem feineren wie dem gröberen, entgegentritt und zugleich die geschichtlich erwacksene und begründete, gebaut auf dem Offenbarungs Fundamente durch die historische Entwickelung der Geschleckter und rurck die höheren Resultate der menschheitlichen Entsaliung. als welche das Jucemhum dem sg. Deismus, der sg. Naturreligion, wenn nicht entgcgenstehl, doch sich nicht vergesellschaftet. Daß sich der mittelalterliche Aberglaube selbst in seinen krassesten Erscheinungen und mir der unumwundensten Anmaßung wieder geltend macht und über große Mittel und Massen gebietet, daß er die Leitung der Völker, die Entscheidung in allen politischen und gesetzgeberischen Fragen beansprucht und Kräsle genug besitzt, um seinen Gegnern nicht allein den Krieg zu erklären, sondern auch mit mancherlei Ersatz gegen sie zu führen, können wir als bekannt voraussetzen. Das Jucemhum gehört zu seinen Gegnern. Zwar nach seiner Weise und Stellung zu den stillen, auf sich selbst beruhenden Gegnern, die nur durch ihre Existenz an sich und ihre unerschütterliche Abwehr die Opposition bekunden. Aber auch solche Gegner kann die Partei des Aberglaubens nicht ertragen und darum ihr provocirender Angriff gegen das Jueenihum aus der ganzen Linie. Aber gerade hierin liegt eine wesentliche Wirksamkeit des Judenthums, deren Anerkennung freilich erst durch Geschlechter zu erwarten steht. — Allerdings hat das geklärte Judenthum auch in seinem eigenen Schooße den Aberglauben zu bekämpfen. Die traurigen Berhältnisie eines großen Theiles unsrer Stammes- und Glaubensgencsien im östlichen Europa Hallen diesen von der Theilnahme am allgemeinen Culturleben zurück, und da hat im Chassidismus der Aberglauben in vollstem Maße Platz gegriffen und wird nicht anders seine unselige Herrschaft verlieren, als bis die bürgerliche Gleichstellung und die Beförderung der Cultur ihm die Nahrung abschneiden. Der verhältnißmäßig kleine Theil von Individuen, der von Osten nach Westen eingewandert ist, bezeugt, daß alsbald der Chassidismus von ihm aufgegeben wird, wenn dieser auch von Zeit zu Zeit selbst in unsrer Mitte eine augenblickliche Geltung sich verschafft, wie vor einigen Jahren Vorgänge in der Provinz Posen erwiesen. Aber auch mitten unter unS ist der Aberglaube zu bekämpfen. Die Unfehlbarkeit und ewige Verbindlichkeit des nachbiblischen schriftlichen Buchstabens und die unbedingte Autorität ncuorthodcxer Rabbiner suchen immer wieder den Stillstand und Rückschritt auszuführcn und jedes Bestreben des geklärten Judenthums zu verketzern. Jndeß erweisen die Thatsachen, daß cS denen, die eine solche Partei zu bilden suchen, nicht gelingt, eine erhebliche Masse für sich zu gewinnen und die, ccm Jurenlhume eigene allmälige Entwickelung der religiösen Anschauung und langsame Veredlung seiner Formen zu Hintertreiben. Ebenso aber hat sich die Herrschaft des Unglaubens über die Geister in großen Masten ausgebreilet und tritt mit Erfolg der religiösen und der religiös - sittlichen Ueberzeugung feindlich entgegen. Wir dü'.fen ihn nicht unterschätzen. Ist es doch nicht zu verkennen, daß die allgemeine Literatur in der civilisirten Well in großem Umfange den antireligiösen Charakter angenommen, und in Ernst und Spott, in Wissenschaft und Kunst, in der periodischen Presse und belletristischen Literatur den Unglauben predigt, jede religiöse Ueberzeugung befeindet und zugleich durch unverschämte Anmaßung und vorgebliche Sicherheit in der Darstellung ihrer Hypothesen und Sophismen untergräbt. Man muß gestehen, daß auf diesem Wege der Unglaube eine große Ausdehnung und einen nachhaltigen Einfluß auf die Geister gewonnen Hai. Mag immerhin die Zahl der entschiedenen Atheisten unter den Literalen viel größer sein als verhältnißmäßig im lesenden Publikum: ist cs doch schon genug, daß die religiöse Ueberzeugung gerade im gebildeten Theile des letzteren sehr schwankend geworden, daß zahlreiche Individuen es in sich unentschieden lasten, wem sie ihren Glauben zuwenden sollen, und je nach Umständen oder nach der Leetüre dieser oder jener Schrift bald der religiösen Ueberzeugung sich wieder hingeben, bald dem Zweifel und dem Unglauben sich zuwenden. Irgend eine neue pikante und ausfällige Schrift ist im Stande die doch nur oberflächlich unterrichtete und denkende Menge auf einige Zeit zu ihren Anhängern zu machen, bis sich die Wirkung verwischt, jenes Product in seinen Schwächen sich aufgedeckt und die ernste Prüfung