Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1877)
- Date
- 1877-06-19
- Page
- Seite 399 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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399 Unordnung und Verwahrlosung. Hunderte von jüdischen Friedhöfen habe ich bereits durchwandert, aber die hebräischen Grabschriften habe ich in den meisten Fällen nur mit äußerster Mühe entziffern können, weil Gestrüpp und wucherndes Unkraut, namentlich bei älteren Monumenten, fast jede Spur derselben verwischen. Während die heilige Schrift vielfach von der äußersten Sorgfalt berichtet, die auf die geschmackvolle und praktische Anlegung der Gräber verwendet wurde, hat das nachbiblische Judenthum seine Friedhöfe leider arg vernachlässigt; ries hat aber, wie mich dünkt, seinen sehr erklärlichen Grund darin, daß bis vor einigen Jahrzehnten die Israeliten überall in die engen und schmutzigen Ghetti gebannt waren; wie das Leben so war auch der Tod: wüst und trostlos. Erst seitdem das Christenthum seine Jahrtausend lange Verfolgung gegen die Juden einstellte, und ihnen die Sonne der Humanität zu lächeln begann, kehrte auch bei ihnen ein befferer Ordnungssinn ein, und ich constatire hier mir Freuden, daß viele jüdische Gemeinden in der neuesten Zeit auf eine würdigere Pflege des Friedhofs ernstlich bedacht sind! . . . „Aber trotz aller Beschwerden habe ich stundenlang die vorhandenen Grabsteine auf dem jüdischen Gottesacker geprüft, die verwitterten Inschriften vermittelst der Loupe zu entziffern gesucht und zur näheren Orientirung über einzelne Persönlichkeiten die Memorialbücher der jüdischen Gemeinde eifrigst studirt. — „Die Ahnen vieler in Düsseldorf lebender, geachteter und hervorragender Männer, die namentlich durch die Macht des Geldes zu einer einflußreichen Stellung gelangten, ruhen hier. Zahlreiche Rabbiner sind u. A. am Eingänge des Friedhofs zur Ruhe gebettet. Ich nenne nur den Großvater des Banquiers Leonard Scheuer, Jehuda Lob Abraham Scheuer; derselbe stammte aus Fürth und war 42 Jahre lang Rabbiner in Düsseldorf, resp. im Herzogthum Jülich-Berg. Die Chronik rühmt von ihm, daß er viele Schüler heranbildete und ein bedeutender Gelehrter war; er starb, 87 Jahre alt, im Jahre 1821. Hier schlummern ferner: der Rabbiner Simson Lewi, gleichfalls Rabbiner des Herzoglhums Jülich-Berg; er war 44 Jahre lang Seelsorger der Gemeinde; die Chronik rühmr seine Uneigennützigkeit wie Gelehrsamkeit; er starb im 70. Jahre seines Lebens; Mordechai Halber st adt, Rabbiner des Herzoglhums Jülich- Berg; er war 18 Jahre lang Rabbiner, von 1751—1769 und starb im Jahre 1769. Wie die Memorialbücher von ihm berichten, soll er den fünften Theil seines Vermögens den Armen gegeben haben; Jakob Brandeis, Rabbiner des Herzoglhums Jülich-Berg, vorher 20 Jahre lang Rabbiner in Fürth und Darmstadl; er hatte sehr viele Schüler und starb nach fünfjähriger seelsorgerischer Thätigkeit zu Düsseldorf im Jahre 1774. Ich nenne ferner noch die folgenden Persönlichkeiten: vr. Joseph van Geldern, einen seiner Zeit berühmten Arzt, dessen Barer der Vorgesetzte der Juden des Herzogthums und bei Hofe sehr beliebt war; er starb im Jahre 1796. Bekanntlich war die Mutter Heinrich Heine's eine van Geldern; leider weiß ich nicht, ob dieser Dr. van Geldern mit der Mutter Heine's verwandt gewesen! Jokel van Geldern war Vorsteher der jüdischen Gemeinde und sehr geachtet, er starb 1805; seine Frau Gudulla (starb 1835) wird als große Wohlthäterin gepriesen; hier ist auch die Grabstätte der Mutter des berühmten Hamburger Rabbiners Bernays und Großmutter des Bonner Professors Jakob Bernays und des Literarhistorikers Michaels Bernays, der Frau Martha Bernays; sie starb im Jahre 1855. Sie soll eine äußerst geistreiche und gelehrte Frau gewesen sein. Der erste jüdische Stadtverordnete, David Seelig, schlummert gleichfalls hier, gestorben im Jahre 1849. Die altern Düsseldorfer Israeliten erinnern sich noch des gleichfalls hier begrabenen Cantors Salomon Eichberg, der 50 Jahre lang Borbeter in der Synagoge war und 85 Jahre alt wurde. Viele Juden und Jüdinnen haben'überhaupt ein überaus hohes Alter erreicht, so z. B. ein alter, geachteter Bürger Düsseldorfs, Namens Pr aph, der 90, und eine Frau, Namens Na nette Simson Dulkan, die sogar 108 Jahre alt wurde. Endlich erwähne ich einer Inschrift auf einem grauen Sandstein über dem Grabe eines Neffen des Rabbiners Jehuda Levi, Namens Gabriel Isaak Rosenberg, die da lautet: Ich ward geboren und weinte, Es lächelten die Meinen; Gestorben lächle ich — Sie weinen!" Wir heben aus obiger Schilderung besonders die Verwilderung des nunmehr abgeschlossenen jüdischen Friedhofs zu Düffeldorf hervor. Schon früher äußerten wir uns wiederholt über den sonderbaren Umstand, daß die Juden eine so außerordentliche Pietät gegen ihre Tobten empfinden und bethätigen und dennoch die Friedhöfe und die Gräber verwahrlosen. Hierzu kommt, daß die Friedhöfe zugleich eine äußere Erscheinung des Judenthums bilden und.den Blicken aller Welt offen liegen, die sich nach derartigen Wahrnehmungen eine sehr unliebsame Vorstellung von der Bildung und dem Pflichtgefühl der Judenheit machen muß. In Düsseldorf nun gar mitten in der Stadt! An sehr zahlreichen Orten ist es allerdings bereits anders geworden, und bieten auch die jüdischen Friedhöfe den Anblick der Ordnung und der Verehrung dar. Es liegt immer an den Rabbinen und Vorstehern, welche den Impuls zu geben haben. Man braucht noch keine wesentliche alte Satzung zu verletzen, um wenigstens den Gräbern den Charakter der Mißachtung und Verwilderung zu nehmen. Die Tempelstatte zu Jerusalem. Es ist bekannt, daß in London eine Gesellschaft zur Erforschung von Palästina „palestine Exploration Fund“ besieht, die durch den Capitän War re n Ausgrabungen in Jerusalem 25*