Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1877)
- Date
- 1877-06-19
- Page
- Seite 395 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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395 \ die finanzielle Seite, da die Erhaltung so vieler getrennter Schulen, die doch sämmtlich genügend ausgestattet sein wollen, bedeutende Mehrkosten verursacht. Endlich die Schwierigkeit in einer großen Stadt, daß die Kinder zu ihrer Confessionsschule sehr weite Schulwege zurückzulegen haben. Aus diesen Gründen beschloß die hiesige Stadtverordnetenversammlung, die sammtlichen Confessionsschulen, die städtisch sind, aufzuheben und ein System paritätischer sechsclassiger Elementarschulen innerhalb der ganzen Stadt durchzuführen. Es ist dies, wie man auch an anderen Orten zu beobachten Gelegenheit hatte, der gewöhnliche Weg. Die Confessionsschulen werden nicht mehr aus den Mitteln der Religionsgemeindeu, sondern aus denen der Ortsgemeinde erhalten, diese sieht sie deshalb als ihr Eigenthum an und beseitigt aus dem allgemeinen Gesichtspunkte heraus die Consession aus der Schule, selbstverständlich mit der Beibehaltung des confessionellen Religionsunterrichtes. Hieraus aber nun der Conflict mit Len Confessicnen, welche sich bei der Erziehung der Jugend durch die Beseitigung des specifischen Charakters benachtheiligt ansehen. So ist es auch hier geschehen: die ultramontane Partei agitirte auf's Lebhafteste gegen den Beschluß der Stadtverordneten, das evangelische Presbyterium und der jüdische Gemeindevorstand protestirten gegen den Beschluß. Der letztere begründete seinen Protest damit, daß bei der Umgestaltung in paritätische Schulen der Unterricht in der hebräischen Sprache aus der Elementarschule verschwinden und die Beobachtung des Sabbaths und der Feste geschädigt werden würde. Die kgl. Provinzial-Regierung trat auf die Seite der letzteren und verweigerte die Genehmigung des Beschlußes der städtischen Behörden. Diese erhoben Beschwerde bei dem Cultusministerium und trugen bei demselben auf Genehmigung ihres Planes an. Die Gegner wandten sich ihrerseits mit ihrem Proteste an das Ministerium. Eine Deputation der städtischen Behörden hatte bei dem Herrn Cultusminister Audienz, der sich wohlwollend aber nicht entschieden aussprach. Die Spannung auf den Entscheid des Ministers ist natürlich allgemein. Sollte dieser zu Gunsten der städtischen Behörden ausfallen, so würden die Confessionen auf den alten Standpunkt zurückversetzt und sich die Frage vorlegen müssen: ob sie aus eigenen Mitteln eine Confessionsschule errichten wollen und können? wozu dann die Frage sich gesellte, ob sie von Staatsseiten die Concession dazu erhalten würden? Letztere Frage würde wohl erst definitiv durch das neue Unterrichtsgesetz entschieden. Hamburg, im Juni. Bon hier aus wird berichtet, daß in der letzten Zeit eine außergewöhnliche Zahl von Auswanderern aus dem russischen Reiche hier eingetrosien, die nach Amerika gehen, und daß darunter viele Israeliten, auch solche welche Vermögen besitzen und gute Wechsel auf amerikanische Plätze bei sich führen. (Es stimmt dies mit dem Berichte, den wir in Nr. 22 S. 349 aus New-4)ork vom 24. April brachten.) Oesterreich-Ungarn. Wien, im Juni. (Privatmittheil.) Nachdem der Jahresbericht der Israelitischen Allianz zu Wien, der vierte seiner Art, im Druck erschienen ist, mögen wir den in vor. Nr. d. Ztg. gegebenen Bericht durch einige Notizen ergänzen. Als Thatsache kann man wohl jetzt betrachten, daß unter den gegebenen Berhältniffen, wie sie sich zwischen den Großmächten und den kleineren Staaten entwickelt haben, auf eine Wirkung im diplomatischen Wege durch die Allianzen zu Paris, London und Wien zu Gunsten unserer Glaubensgenosien nicht zu rechnen ist, daß aber diese größeren Bereine dadurch bedeutend nützen, daß sie in jedem einzelnen Falle die Facten festzustellen und nachzuweisen befähigt sind, so daß sie von jeder Uebertreibung einerseits und von der gewohnten Ableugnung andererseits nicht verdunkelt werden, und daß dann die Vereine ihre Unterstützung den Hülfsbedürstigen angedeihen lasten in dem Zeitpunkte, wo oft eine kleinere Spende inehr nützt als später eine große. Denn daß selbst Besprechungen von Bedröckungssällen in den Parlamenten nichts weiter zur Folge haben, als die Aufklärung der östenrlichen Meinung — immerhin ein nicht zu unterschätzender Gewinn — hat sich in London wie in Wien herausgestellt. Selbst die Verletzungen des Eigenthums und der Person an österreichischen Unterthanen in Rumänien haben eine Entschädigung nicht zur Folge gehabt, und sogar die Absetzung des Präfecten Lupascu war nur ein Scheinmanöver, denn man hat diesen durch die, von der rumänischen Regierung selbst beförderte Wahl in die Deputirtenkammer entschädigt und einen anderen Präfecten von gleich bösartiger Gesinnung eingesetzt. Bei solcher Schwäche der auswärtigen Minister kann selbstverständlich von einer erfolgreichen Wirkung durch die Allianzen nicht die Rede sein. Um so verdienter machte sich die Wiener durch die Constatirung der Thatsachen und die Unterstützung der Vertriebenen. Zu letzterem Zwecke erreichte ihre Sammlung 15,700 fi. von denen sie 5500 fl. vertheilte. Durch die großartigen Spenden der Familien Rothschild und Monrefiore und der Gemeinde zu London ward das Bedürfniß befriedigt. Den bedeutenden Rest will die Wiener Allianz bewahren, um den etwaigen Folgen des Krieges entgegenzutreten. Außerdem wurden 1200 fl. an 8 Schulen und 800 fl. zur Unterstützung gelehrter Werke vertheilt. Unter letzteren ist eine jährliche Unterstützung von 200 fl. für Prof. Grätz, um die Erhaltung der Monatsschrift destelben zu ermöglichen, zu bemerken. 190 fl. wurden noch an 0 Literaten und Studenten und 83 fl. an durchreisende orientalische Familien gespendet Eine Ausdehnung der Wirksamkeit des Vereins für Schule und Wistenschaft wäre sehr zu wünschen, wozu dann aber auch das Anwachsen der Mitglieder nothwendig wäre. —. Herr Eduard Baron Todesco und Frau Sophie Baronin Todesco, die schon so Großartiges für jüdische Srif- I tungen gethan, haben dem Herrn Statthalter von Nievercsterreich ... i r- V:/V V