Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-19 · Heft 25 (19.6.1877) · p. Seite 393

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 25 (19.6.1877)
Date
1877-06-19
Page
Seite 393 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227149--35438-3305398
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

393 6itoccßt^cßtett. Deutschland. Kassel, im Juni. (Privatmitth.) Vorgänge, welche in gewöhnlicher Zeit nur ein örtliches und persönliches Interesse haben, können durch besondere Zeitverhältniste eine weitere, ja sogar allgemeine Bedeutung erhallen. Aus diesem Gesichtspunkte gestatten Sie wohl, auf die Feier des 25-jährigen Amtsjubiläums unsres Landrabbiners, Herrn vr. L. Adler, noch einmal zurückzukommen. Sie wissen, welche Jntriguen in jüngster Zeit von der neuorthodoxen Seite sowohl in der hiesigen Gemeinde als in der Provinz angesponnen wurden, um eine Spaltung hervorzurusen. Man wollte einen besonderen Rabbiner einschmuggeln; um diesen sollte sich eine Gemeinde fchaaren; man wollte Stadt und Land trennen und jeden Rest von Organisation vernichten. Alle diese Versuche, welche das Judenthum in seinem innersten Heiligthume zu entweihen und zu schädigen angethan waren, mißlangen und als einen ostensibeln Beweis dieses Mißlingens darf man mit Fug und Recht diese einheitliche und warme Feier ansehen. An dem kostbaren und künstlerisch schönen Geschenke, das dem Jubilar überreicht wurde, betheiligten sich sämmtliche zehn Kreisvorstände des Sprengels; es richteten zehn Vereine und Anstalten die anerkennendsten Glückwunschadressen an den Jubilar; auch von den Kreisrabbinen selbst streng orthodoxer Richtung liefen die herzlichsten Zuschriften ein. Vor Allem aber ist die Adreffe des hiesigen Vorstandes im Namen der ganzen Gemeinde charakteristisch und darum von allgemeinem Jntercffe, so daß sie hier wiedergegeben zu werden verdient. Sie ist zugleich ein kalligraphisches Meisterstück, verfertigt von einem Mitgliede der hiesigen Gemeinde, Herrn Adam Rosenzweig, und in möglichst kostbarer Ausstattung. Sie lautet: Hochwürdiger Herr Landrabbiner vr. Lazarus Adler! Wenn wir Sie heute im Namen der Gemeinde an Ihrem Ehrentage begrüßen, so sind wir vollständig von der Erkenntniß durchdrungen, daß Ihre sünsundzwanzigjährige Thäligkeit in unserer Mitte noch besonders durch die Zeit an Bedeutung gewinnt, in welche dieselbe gefallen. Denn wenige Perioden in der Geschichte des jüdischen Volkes haben der Wirksamkeit eines Rabbinen eine so schwierige Aufgabe gestellt, wie die Jahre seit dem Beginne der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts. Auch auf dem religiösen Gebiete machten sich die großen Gegensätze bemerklich, welche damals die Welt bewegten. Es galt hier, mit verständigem Sinn die Vermittlung zu üben, die widerstrebenden Meinungen auszugleichen, „die Parteien miteinander zu versöhnen." Hochehrwürdiger Herr Landrabbiner! Der Friede, welcher in unserer Gemeinde herrscht, ist das deutlichste Zeichen, wie sehr Sie Ihren Beruf nach dieser Seite hin erfüllt haben. Aber auch nicht minder haben Sie die andern Ausgaben erfaßt und treulich gelöst. Wahrhaft Meister des Wortes haben Sie im Gotteshause, an der Wiege, am Traualtar und am Grabe die Herzen erhoben und mit Regungen der Tugend erfüllt. Indem wir uns beehren, Ihnen als Beweis dankbarer Anerkennung das beifolgende Angedenken, gewidmet von hiesigen Gemeindemilgliedern, zu überreichen, wünschen wir zugleich, daß der Allgütige noch viele Jahre lang Ihre Wirksamkeit uns erhalten und segnen möge. Mit Hochachtung und Ergebenheit verharren wir Die Aeltesten der Synagogengemeinde: (gez.) A. Gotthelft. V. Hahn. H. Bubensohn. Kaffel, am 8. Siwan 5637. Vielleicht gereicht es jüngern Amtsgenosien des Jubilars zur Aufmunterung, um vor der Zaghaftigkeit bewahrt zu bleiben, daß sie sich durch Reformbestrebungen, seien diese auch noch so besonnen und im Geiste der Gemeinde, unbeliebt machten, und zuletzt sich in das Lager der Heuchelei hinüberziehen lasten, wenn wir hinzufügen, daß die Kreisvorsteher der Provinz dem Jubilar ein außerordentlich prachtvolles Schreibzeug widmeten, ein eben solches die Gemeinde des Kreises Fritzlar, die sehr kleine Gemeinde Grebenstein eine Marmorvase, ein hiesiges Gemeindemitglied ein Exemplar der Philippson'schen Bibelübersetzung mit den Dorischen Bildern in Prachtband und viele andere Geschenke von Werth, deren Hauptbedeutung natürlich in der dadurch kundgegebenen Gesinnung liegt. Auö Oberschlesten, im Juni. (Privatmitth.) Ich habe lange gezögert. Ihnen über einen sehr unliebsamen Vorgang in der Gemeinde Gleiwitz, einer sonst so friedlichen Gemeinde, zu berichten; da jedoch die Sache bereits anderswo zur Aussprache in der Preste gekommen, kann ich nicht länger anstehen, und gebe Ihnen ganz objectiv und kurz den Verlaus der Angelegenheit an. Ich setze als bekannt voraus. Laß in Gleiwitz eine jüd. Schule, lange Zeit unter der Mitwirkung des Rabbiners vr. Hirsch feld besteht, deren Leistungen auch von den Schulbehörden als trefflich anerkannt wurden. Nach 1572, wo der Plan zu allgemeinen Simultanschulen für alle Religionen zur Sprache kam, wurde die Absicht, in Gleiwitz die jüdische Schule in solche aufgehen zu lasten, auch von vr. H. gebilligt. Bald aber trat die Reaction ein und es sollten nur christlich-consessionelle Simultanschulen errichtet werden, wie sie auch das neue Unterrichtsgesetz in Aussicht stellt. Hiergegen sprach sich vr. H. wiederholt entschieden aus.' Er konnte sich dabei auch noch auf den Umstand stützen, daß die hiesigen Elementarschulen mangelhaft sind, was ein Blick auf einen Theil der hiesigen Bevölkerung erklärlich macht. Dies hatte aber keine andere Folge, als daß vr. H., der die jüdische Schule in's Leben gerufen und sie zwanzig Jahre geleitet hatte, aus ihr verdrängt wurde und sie selbst nicht einmal mehr inspiciren durfte. Da

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.