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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-19 · Heft 25 (19.6.1877) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 25 (19.6.1877)
Date
1877-06-19
Page
Seite 390 (sequence 2)
Language
German
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390 „Denn so spricht der Hohe, Erhabene, ewig Thronende, Heiliger ist sein Name: Hehr und heilig lhrcne ich, doch auch beim Zerknirschten und Geistesgebeugten, zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerknirschten. Denn nicht auf ewig hadere ich und nicht auf immer zürne ich, da vor mir schmachtet der Geist und die Seelen, die ich geschaffen." Ganz im pentateuchischen Sinne sagt Hiob 33, 4: „Mich hat geschaffen Gottes Geist und des Allmächtigen Odem mich belebt." 27, 3: „Denn noch ist meine Seele ganz in mir und Gottes Geist (mn Odem) in meiner Nase." 32, 8: „Doch der Geist ist's in dem Menschen, des Allmächtigen Odem n»®:) macht sie einsichtsvoll," — womit, wie der Zusammenhang lehrt, gesagt werden soll, daß nicht die Zeit, die Menge der Jahre, sondern die Kraft des entwickelten und starken Geistes weise und einsichtsvoll mache. Die menschliche Seele wird also auch hier „Odem des Allmächtigen" genannt. Wir führen hier noch an 34, 14: „Wenn Seine Wacht Er auf ihn (den Menschen) legte: so nahm' Er seinen Geist und Odem zu sich, es würde alles Fleisch zumal verscheiden und in Len Staub der Mensch zuröckkehren." Der Sinn ist, Laß Gott nicht allein gerecht, sondern auch nachsichtig ist, weil, wenn er strenge Gerechtigkeit übte, den Menschen sofort der Tod träfe. Auch hier der Gegensatz von Geist und Staub, die Rückkehr des Geistes zu Gott (rpx: vrs), die Rückkehr des Staubes zur Erde. — Als einen der vorzüglichsten Aussprüche haben wir aber hervorzuheben Spr. 20, 27 : „Eine Leuchte des Ewigen ist des Menschen Seele, durchforschend alle Kammern des Innern." 2) Es wird hier zunächst ausgesagt, daß der Geist des Menschen die Kraft hat, über sich selbst, über alle seine Kräfte, Gedanken unv Gefühle, seinen ganzen Inhalt und desien Zustände zum Bewußtsein zu kommen, also das Selbstbewußtwerden und Selbstbewußtsein res menschlichen Geistes. Der Spruchredner vergleicht daher ferner die Seele mit einer Leuchte, welche die geheimsten Winkel beleuchtet, durchstrahlt und sie so zum Anblick, zum Erkennen bringt. Er bezeichnet endlich diese Leucbte als „Leuchte des Ewigen", d. h. die Leuchte ist von Gott, von Gott angezündet, eine von Gott in den Menschen hineingegebene Kraft. Indem aber diese eine Leuchte des Ewigen ist, muß ihre Leuchtkraft nach dem Göttlichen, nach dem Wahren unv Guten gerichtet sein; sie kann daher im Menschen durch Jrrthum und Leidenschaft verdüstert, durch Bosheit unv Sünde verhüllt sein, aber ihr Licht ist ewig und wird immer Dunkelheit und Nacht durchdringen. Die göttliche Natur der menschlichen Seele bleibt in ihr für alle Zeit bestehen und siegreich. Dies sind die Stellen, an denen uns 712®: als „Seele" entgegentritt. s) Wenden wir uns nunmehr zu 771-:. Während 2) ist hier das Innere der Seele wie B. Habakuk 3,16. 3) An anderen Stellen kommt das Wort in der indifferenten Bedeutung von Person vor, wie „keine Seele soll leben bleiben" wie auch wir im Deutschen sagen: „Keine Seele ist da", „ich sehe keine n®®: auch späterhin die Begriffe von Odem und Seele weniger bestimmt geschieden beibehielt, trennten sich in 771-1 „Wind" und „Geist" erkennbar, so daß es uns an keiner Stelle zweifelhaft ist, ob das Wort die erste oder die zweite Bedeutung haben soll. Es ist eben die stärkere Bewegung der Luft und andererseits die höhere Begabung der Seele, welche durch nii ausgedrückt wird.4) Im Allgemeinen spricht noch der Prophet Secharja (12, 1) den Geist des Menschen als ein Gebilde Gottes neben der Schöpfung des Himmels und der Erde, also als ein drittes Schöpfungswerk, als Gegensatz zu allen körperlichen Geschöpfen aus: „Der Ewige, der een Himmel ausgespannt, und die Erde gegründet und den Geist des Menschen in seinem Inneren gebildet". Auch er sieht den Menschen nach seinem irdischen Theil geschaffen an, und in dessen „Inneres" den Geist eingesenkt. Deshalb wird auch (4 Mos. 16, 22) Gott bezeichnet als „Gott der Geister in allem Fleische", und da „der eine Mann sündigt :c." sofort darauf folgt, ist es nicht zweifelhaft, daß hier „alles Fleisch" alle Menschen bedeutet, und „in dem Gott der Geister" besonders die Allwissenheit Gottes betont werden sollte, der die Schuldigen auszusondern vermag, weil er die innersten Gedanken der Menschen kennt. In gleichem Sinne sagt auch Hiob (12, 10): in der Hand Gottes, die Alles geschaffen, ist auch „die Seele alles Lebenden und der Geist alles Fleisches der Menschen." Die Seele oder das Wesen alles Lebenden (t; 72 ®£:) bildet hier einen Gegensatz zu dem Geiste im Fleische der Menschen, unv beide werden unterschieden — aber beide sind in der Hand Gottes, der sie geschaffen und über sie Herr ist. Den letzter» Begriff werden wir bald näher erörtern. Der Psalmist (146, 4) spricht daher auch einfach aus, daß, wenn der Geist den Körper verlaßt, der Mensch „zu seinem Erdboden zurückkehrt", damit aber auch seine Geistesthätigkeit, soweit sie sein Leben auf der Erde betrifft: „an selbigen Tage sind seine Entschlüsse dahin." — Im Einzelnen ist nun hervorzuhcben, daß mit 7112 der besondere Charakter, wie er sich im Menschen gestaltet, gewisse bleibende Eigenschaften und sowohl die Grundstimmung, die sich im Geiste des Menschen herausbildet, als auch vorübergehende, doch zeitweise ihn beherrschende Stimmungen ausgedrückt werden. Führen wir solche an, um zugleich die Bielseitigkeit der psychologischen Beobachtung, die wir in den biblischen Schriften finden, anzudeuten. Zunächst ist es die Einwirkung des Kummers, betreffe dieser ein einzelnes Begegniß und Derhältniß, oder ein großes erdrückendes Geschick, auf den Geist, die zur Bezeichnung Seele hier". (Z. B. 5 Mos. 20, 16; Jos. l>, II. 14 und oft»; oder als vergänglicher Hauch, Jes. 2, 22. „Kein Odem" für Kraftlosigkeit, Daniel 10, 17 und in ähnlichem Sinne. 4) Zu unsrer Bemerkung im ersten Art. Nr. 20, S. 34 l und Anm. 6 wollen wir ergänzend hinzufügcn, daß ^vuvs desselben Ursprungs mit Turnus Rauch, Dunst ist. Ferner, daß Spiritus (spiraro, respirare) zwar erst im spätern Latein die Bedeutung Geist bekam, an ibn sich jedoch in den romanischen Sprachen esprit :c., im Engl. Spirit als Geist schloß. Auch im Sanskrit wird ütman Hauch, Athem, auch für Seele, Geist gebraucht, was' in dem griech. Worte äruos derselben Wurzel nicht der Fall ist.

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