Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1877)
- Date
- 1877-06-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit l Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 3n redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Or. £. Vtzitippsou in Bonn; hinsichtlich des Bezugs und der Inserate an Sanulgärtuer', Lnchhandtanz in Leipzig. Inserate, welch« bis Donnerstag eingeben, finden inder rarauffolgen» den Nummer Berücksichtigung. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 biS il/2 Bogen. Preis Vierteljährig 3 Mark. Inserate werden mit 2« Pf. nir die Petitzeil« oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und ZeitnngS- Expeditione» nehmen Bestellungen an. 41. Jahrgang. Leipzig, den 19. Juni 1877. JS? 25. Inhalt. Leitende Artikel: Die Seele nach der Bibel. IN. — Rumänien immer wieder der Schauplatz von Verfolgungen. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Kassel, Aus Oberschlesien, Köln, Hamburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Schweiz: Zürich. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Der jüdische Friedhof zu Düsseldorf. — Die Tempelstätte zu Jerusalem. — Vermischtes. — Nachtrag zum zweiten Leitartikel. «CetteaDe« (SLthJkei. Bonn, den 13. Juni. Die Seele nach der Sibel. III. i) Dies ist also die eigentliche Lehre der h. Schrift über die menschliche Seele. Sie ist eine von Gott dem körperlichen Gebilde eingesenkte Existenz, im Ebenbilde Gottes geschaffen, mit der Freiheit des Willens, mit der Erkenntnis des Guten und Bösen, mit der seelischen Liebe, mit der Befähigung, den Eindruck, den die Dinge auf sie machen, durch die Sprache zu bezeichnen; diese Seele kommt zu immer weiterer Entfaltung einerseits durch die Sinnlichkeit, die zur Begierde anschwillt, und durch die Leidenschaften, die innerhalb der Gesellschaft geweckt und gesteigert werden, andererseits durch die Entwickelung der Verstandeskräste und der ästhetischen Empfindungen, welche in technischen und künstlerischen Schöpfungen sich ausgestalten. So ist die menschliche Seele der Kampfplatz der Neigungen zum Guten wie zum Bösen vor und nach der That und das Arbeitsfeld des Geistes. Die Bestimmung des Menschen ist zu fortschreitender Entwickelung; aber nicht in gerader Linie, sondern bisweilen werden ganze Zeitalter von sittlicher und gesellschaftlicher Entartung gerade so erfüllt, wie im Herzen vieler Individuen das 1) Wir bitten in Art. II in Nr. 2t, S. 328, Sp. 1, Z. 23 v. o. zu lesen: „der ganzen antiken Welt durch die Völkerwanderung." Böse die Oberhand hat; dann gehen ganze Geschlechter unter, um neue, bildungsfähigere an ihre Stelle treten zu lassen. In dieser Entwickelung fördern den Menschen die beiden Triebe: sich über die ganze Erde auszubreiten und doch überall wieder zu Gemeinschaften sich zu verbinden. Mit dem Tode löst sich die innige Verbindung des Körpers und der Seele", jener kehret zur Erde zurück, wie er gewesen, diese kehrt zu Gott zurück, der sie gegeben." Wir haben die Belegstellen für diese Lehren in den beiden vorhergehenden Artikeln gegeben und brauchen nicht erst noch einmal darauf hinzuweisen, wie jene zu den herrschenden Ideen in der allgemeinen wie in der wissenschaftlichen Welt wurden, wenn sie auch durch die Dogmen des Christenthums und des Islams mannichfach alterirt wurden, z. B. im elfteren durch die Erbsünde, im letzteren durch den Fatalismus. Auf diesem Fundamente sehen wir denn auch die übrigen Schriftsteller der Bibel stehen. Wir halten uns hierbei vor Allem an die Ausdrücke, mit welchen die Seele bezeichnet wird, zunächst an und rrr?. Die beiden höchsten Vertreter der Propheten und Hagiographen, Jesajas und Hiob, drücken sich wiederholt über die Seele ganz nach der Schöpfungsgeschichte aus. Jes. 42, 5 heißt es: „Der Gott, der Ewige, der die Himmel geschaffen und sie ausgespannt, der die Erde gebreitet und ihre Sprossen, der die Seele gegeben dem Volk auf ihr und den Geist den auf ihr Wandelnden." Allerdings ist es hier nicht entschieden, ob „Volk" und „Wandelnde" als die Menschen oder als die Thiere überhaupt zu verstehen seien, so daß niovr: und tm hier wieder nur den belebenden Odem bedeuteten. Bestimmter ist es Jes. 57, 15. 16: