Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1877)
- Date
- 1877-06-12
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227148--35426-3305385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
382 Rumäniens in irgend welchen Beziehungen mit der ausländischen Presse stünden, fordern mehrere hiesige Blätter die eben gegründeten israelitischen ComitLs zur Unterstützung der verwundeten rumänischen Soldaten dringlichst auf, die Blätter „Neue freie Presse". „Pester Lloyd" und „Journal des Döbats" zu bestimmen, daß dieselben künftig von ihren bisherigen „Verleumdungen" Rumäniens Abstand nehmen, was der inländischen Judenschaft weit mehr nützen werde, als ihre angeblichen patriotischen Gelvsammlungen. Die Redaction der „N. fr. Pr." fügt hinzu: „Wie sieht es wohl in dem Gehirne der Bukarester Redacteure aus, die solches Zeug schreiben?" Wir fügen hinzu: in diesem Gehirne sieht es ganz wohlgeordnet aus. Die Bukarester Redacteure wisien sehr wohl, daß es höchst lächerlich ist, zu behaupten, die Bukarester Juden hätten irgend welchen Einfluß auf die Haltung und Ansichten der drei genannten Pester, Wiener und Pariser Blätter. Aber ihnen liegt es am Herzen, den guten Eindruck sofort bei ihren Landsleuten zu verwischen, welchen die patriotischen Opfer der Juden zu ihren Gunsten ausüben könnten. Darum suchen sie ihn auf diese Weise zu paralysiren. Rußland. Tt. Petersburg, 29. Mai. (Privatmitth.) sBriefe aus Petersburg I.] Es ist keine eitle Pretension, wenn ich für meine Briefe um ein bescheidenes Plätzchen in Ihrem werthgeschätzten Blatte bitte. Ist doch unsere hiesige jüdische Gemeinde nicht bloß eine recht zahlreiche, sie bildet auch den Sammelplatz der jüdischen Croesusie, Mäcenaten und geistigen Notablitälen Rußlands, welches bekanntlich fast die Hälfte unseres Bolkes in sich schließt, und verdient sie schon insofern einige Beachtung. Ueberall in der Welt bemerken wir, daß die Angehörigen einer und derselben Nationalität, sobald sie vereinzelt unter einem fremden Volke leben, sich eng aneinanderschließen. Gleiche Sitten, gleiche Sprache, gleiches Blut, besonders gleiche.Religion, sind die mächtigen Bindemittel, welche sie aneinanderketten, und dies um so mehr, je schroffer der Gegensatz der eingewanderten, zu der eingeborenen oder herrschenden Bevölkerung ist. Der Slammesooer der Glaubensgenosie, an rem ich in der Heimath fremd vorübergeheu würde, wird mir in fernem Lande zum lieben Bruder. In keinem Volke ist dieser Zug je mächtiger hervorgetreten, als in dem „auserwählten Volke Gottes" in den Juden. Je mehr sie zerstreut unv zersplittert wurden, desto brüderlichinniger, ja krampfhafter schloffen sie sich aneinander, je grausamer ihre Feinde sie verfolgten und unterdrückten, desto hülsreicher und barmherziger reichten sie sich einander die treue Bruderhand. Dieses edle, natürliche und von den Verhältnissen gekräftigte Band, das den Juden so sehr an den Juden kettet, ist es wohl, was ihn unter allen harten Anfechtungen seiner Feinde, unter allen Verfolgungen grausamster Art vor völligem Untergange geschützt hat. Wenn dieses, wie ja allgemein anerkannt ist, die auszeichnende Eigenschaft der Juden bildet, so muß es mit schmerzlichem Staunen erfüllen, bei einem Bruchtheil unseres Volkes, bei einer zahlreichen jüdischen Gemeinde ein Mindermaß derselben zu finden. Ein solches aber darf wohl von unserer hiesigen Gemeinde mit Recht angenommen werden, wenn man einen liefern Einblick in ihre Verhältniffe gewinnt, und dies um so mehr, wenn man der würdigen Rolle eingedenk ist, die der Ort sowohl, als das Geschick unserer Gemeinde zugetheilt haben. Denn auf unsere Gemeinde, als die der Residenz, und wo die Kraft ihrer hervorragenden Mitglieder vielvermögend sein könnte, sind die Blicke fast dreier Millionen Glaubensgenoffen gerichtet. Ob wir wollen oder nicht, uns ist einmal die große, freilich auch höchst schwierige Aufgabe auferlegt worden, nicht bloß unseren vaterländischen Glaubensbrüdern in jeder Beziehung mit einem guten Beispiel voranzugehen, sondern auch nach Kräften deren Interessen wahrzunehmen. Wie lösen wir nun diese große heilige Aufgabe? Wie spielen wir unsere würdige Rolle? Traurig genug! Können wir hier auch nur daran denken, die Jntereffen unserer Glaubensgenoffen im weiten russischen Reiche wahrzunehmen, da zumal für unsere eigenen Localintereffen noch so wenig gethan wird, da es zumal unserer Gemeinde selbst nicht bloß an musterhaften, sondern auch an den nochwendigsten Institutionen gebricht, die von weit kleineren Gemeinden mit vollem Rechte beansprucht werden dürfen, ja müssen. Doch was spreche ich hier von „unserer Gemeinde", während eine solche bei uns noch gar nicht existirt. Allerdings soll St. Petersburg bis ca. 20,000 Juden zählen, nichtsdestoweniger ist sie noch nicht im Stande eine jüdische Gemeinde aufzuweisen. Und dennoch ist weitgesehlt, wenn man glauben wollte, die Regierung räume uns das Recht nicht ein, eine Gemeinde zu organisiren. Nein, die Regierung hat das Ihrige schon längst gethan, auch an Mitgliedern fehlt es nicht, die keine Opfer scheuen würden, ja es sollen sogar schon Gemeindefiatuten ausgearbeitet sein. Aber was hilft das Alles, eine Gemeinde haben wir dennoch nicht, und Gott weiß, wann wir sie haben werden. So ergeht es auch z. B. der hiesigen Synagoge. Bekanntlich sind wir hier noch immer nicht im Besitze einer eigenen Synagoge, und müssen wir uns uolens volens mit der dsprimirenden Unbequemlichkeit eines gemierheten engen Locales zufrieden geben, sticht etwa, weil die Regierung uns im Wege stünde und weil uns die nöthigen Mittel dazu fehlten. Bewahre! Mittel würden in reicher Fülle vorhanden sein, auch die Regierung würde nicht hindern, wenn wir nur Eins hätten, was unS am meisten Noch thut und worauf schließlich Alles ankommt, nämlich Männer, die Herz und Verständniß für unsere Sache haben und keine Mühe scheuen, denn mildchatig unv opfersertig ist der Jude auch hier, wie überall und immer, nur fehlt hier leider die Hanv, welche